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«Ob denn niemand den Juden geholfen habe?»

Ein heikles Thema, das mich tagtäglich beschäftigt, das mich nicht loslässt: der Gaza-Krieg. Die Bilder, die uns aus dem Gazastreifen, aus Israels Kabinett, von den Demonstrationen der Geisel-Angehörigen erreichen, erschrecken zutiefst. Selbst, wenn es darunter gestellte, von der Hamas, von der israelischen Armee, von Israels Geheimdienst Mossad für ihre Zwecke manipulierte Bilder gibt, so sind sie derart grauenvoll, dass es einem kalt den Rücken runterläuft. In mir steigt immer wieder die Frage auf: Kann ich, darf ich das grauenhafte Geschehen einfach ignorieren, abschütteln, zur Tagesordnung übergehen, wie das der Bundesrat tut? Der zwar ein Gutachten zur Schweizer Position zum Konflikt erstellen liess, es aber unter Verschluss hält und schweigt.

Wem gehört meine Sympathie, den Israelis, den Geiseln oder den 2 Millionen Palästinensern, vor allem den Kindern, die aus Gaza-Stadt, aus ihrer letzten Heimstatt vertrieben werden, deren Häuser, Schulen, Spitäler einfach dem Boden gleich gebombt werden. Ist es Israel, das von der Weltkarte verschwinden soll, wie das die Hamas ultimativ anstrebt und deshalb Israel mit einer grauenvollen Attacke überfiel, über tausend Israelis tötete und Geiseln nahm, die sich zum Teil immer noch in ihren grausamen Händen befinden.

Seit dem Überfall nimmt Israels Regierung Rache. Die Hamas soll bis zum letzten Mann vernichtet werden, ordnete Benjamin Netanyahu an. Jetzt will er deshalb auch Gaza-Stadt ganz einnehmen. Viele Israelis sind entrüstet, demonstrieren, bangen um die noch lebenden Geiseln. Selbst die Armeespitze ist gespalten. 70% der Bevölkerung wollen aber auch keine Zweistaatenlösung. Die westlichen Proteste richten sich meist nicht gegen die israelische Bevölkerung, sondern gegen die rechte Regierung Netanyahus. Die Lage ist kompliziert.

Als TV-Zuschauer wird man Zeuge: Es kracht, eine riesige Staubwolke steigt auf und, wenn sie sich legt, den Blick freimacht auf ein Hochhaus, das langsam in sich zusammensinkt. Ich schliesse die Augen. Wie viele Menschen liegen in den Trümmern? Sind es Hamas-Kämpfer, ist es eine ihrer Kommando-Zentralen, wie die israelische Armee behauptet oder sind es Familien, wie die Hamas verlauten lässt? Wir wissen es nicht. Israel lässt keine Zeugen zu. Kriegsberichterstatterinnen und -berichterstattern ist der Zugang in den Gazastreifen verwehrt. Die Journalisten sind gezwungen, vor Ort im Gazastreifen palästinensische Kontaktpersonen ausfindig zu machen und zu bezahlen, um an möglichst glaubwürdige, nicht von der Hamas gesteuerte Informationen heranzukommen.

So sind der Bundesrat, die EU und vor allem Deutschland, ein Land mit seiner besonderen Verantwortung Israel gegenüber, in einer unbequemen Position. Im Gegensatz zu Kanada, Australien, Frankreich, Spanien, Grossbritannien, die neu und damit mit weiteren rund 150 Staaten für eine Anerkennung und damit eindeutig für eine Zweistaatenlösung eintreten. Israel ist ultimativ dagegen. In der UNO-Generalversammlung wird es zu einer grossen Abrechnung mit Israel kommen. Entscheidend wird sein, wie sich die USA verhalten, was Trump zulassen wird. Wie wird sich Bern verhalten, wie Berlin?

Vor allem der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz (70) tut sich schwer. Zwar hat er Waffenlieferungen an Israel gestoppt, wenn sie direkt im Gazastreifen eingesetzt werden, doch er steht unverbrüchlich an der Seite Israels, wie er immer wieder unterstreicht. In welchem Dilemma er persönlich steht, kam an der Eröffnung einer zum Teil wiederaufgebauten und sanierten Synagoge in München zum Ausdruck. Die ganze Nation sah, wie der sonst so beherrschte Friedrich Merz die Fassung verlor, wie Tränen in seine Augen schossen, wie er einhalten musste, bis er sich wieder fassen konnte. Es war ein Satz, eine Erinnerung von Rachel Salamander (75), der bekannten Buchhändlerin und Initiantin der Erneuerung der Synagoge, die sie in ihrer Rede preisgab: «Ich habe als Kind immer wieder den Eltern die Frage gestellt: Ob denn niemand den Juden geholfen habe?»

Eine Kinderfrage, die all das aussagt, was Deutsche den Juden angetan, wieviel Schuld in der Nazi-Zeit Deutsche auf sich geladen haben, wie viel offenblieb und bleibt. Was ist Merz durch den Kopf gegangen, als ihm die Tränen in die Augen schossen? Die Scham über die Nazi-Deutschen oder die Frage: Wer rettet jetzt die Menschen im Gazastreifen vor dem Tod. Das weiss nur Merz.

Ich habe ihn vor 35 Jahren im Tulpenfeld in Bonn interviewt. Er war als Europaparlamentarier der aufsteigende Stern bei der deutschen CDU, musste dann aber Angela Merkel weichen. Damit ich ihn auf Augenhöhe befragen konnte, stand ich auf einer Kiste. Er beantwortete meine Fragen wolkig, von oben herab. Das prägte mein Bild von ihm. Letzte Woche hat er es mit seinem emotionalen Gefühlsausbruch korrigiert. Spät, aber nicht zu spät. Noch kann er dem geschundenen Palästinensischen Volk helfen, soweit sein Einfluss reicht.

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6 Kommentare

  1. In Ihrer Kolumne beschreiben Sie anschaulich und nicht zum ersten Mal, die schrecklichen Auswirkungen des Krieges. Kriege, egal welche, sind immer menschenverachtend, grausam und zerstörerisch. Unsere Geschichtsbücher sind voll von Kriegsverherrlichung und männlichem Heldentum. Es besteht jedoch ein Unterschied zur Vergangenheit, die Menschen hatten zu Zeiten der unumstösslichen Machtherrschaft keine Wahl, der Herrscher befahl und alle mussten sich dem unterordnen.

    Aber heute? Ich frage mich ernsthaft Herr Schaller, was Männer im 21. Jahrhundert, mit den Erfahrungen und Folgen vergangener Kriege veranlasst, immer aufs Neue diese Gräueltaten der Menschheit anzutun? Ich verstehe es einfach nicht. Vielleicht haben Sie eine plausible Antwort? Auf jeden Fall sollte das Tabu «Männliche Gewalt, Krieg und Zerstörung» endlich auf allen Ebenen der Gesellschaft diskutiert werden. Oder wollen wir das Rad der Evolution zurück drehen?

    Deutschland: Wenn wir uns erinnern, wie Friedrich Merz in den letzten drei Jahren sich geäussert und bei jeder Gelegenheit in den Medien lautstark in Szene gesetzt hat und zusammen mit seiner Partei alles unternommen und die Bevölkerung aufgewiegelt hat, damit die von Anfang an äusserst schwierige Zusammensetzung der ehemaligen Deutschen Regierung, nicht die geringste Chance bekam zu reüssieren und schliesslich, zu Gunsten seiner CDU/CSU und der AfD zu Fall gebracht wurde.
    Sorry geschätzter Herr Schaller, da können mich ein paar Tränchen dieses wankelmütigen und sehr berechnenden und äusserst ehrgeizigen Politikers Merz nicht beeindrucken, so schlimm der Anlass auch ist.

    • Geschätzte Frau Mosimann, ich weiss, es ist Ihr Thema. Anton Schaller hat es gewagt, Friedrich Merz mögliche Emotionen zu attestieren. Es hat auch andere Mitmenschen berührt, denke ich.
      Ich versichere Ihnen, die “Männlich Gewalt” wird in der Gesellschaft diskutiert, nicht in jeder, aber zumindest in unseren Breitengraden. Aber: Nach wie vor werden Kinder von beiden Elternteilen erzogen. Immer noch werden Knaben zu Prinzen, zu Kriegern und Mädchen zu Dienerinnen geformt und dabei sind Mütter nicht nur Opfer, auch Täterinnen. So einfach ist es nicht, leider.
      In Europa reklamieren wir lautstark ein Demokratiedefizit und vergessen, dass wir unsere Staatsform während über eineinhalb Jahrhunderten mehr oder weniger friedlich entwickeln konnten. Aktuell sind wir gerade dabei, die besten Errungenschaften kaputt zu machen. Und unsere Regierenden getrauen sich nicht einmal mehr, bei den schlimmsten Vorkommnissen auf der Welt laut Halt zu schreien. Evolution?
      Evolution bedeutete auch Essen mit Besteck, die heutige Gesellschaft isst wieder mit den Händen, manchmal sogar nicht mal mit sauberen. Ich weiss, der Vergleich ist banal, aber Evolution ist kein Rennpferd, eher ein in die Jahre gekommener Gaul, der zuweilen auch stehen bleibt.
      PS: In meiner zweiten Heimat verliert jeder dritte Tag eine Frau ihr Leben durch einen Täter. Und jeder zehnte Tag ein Mann durch eine Täterin. Die holen auf, die Frauen. Das ist nicht zynisch, das ist Fakt.

      • Danke Herr Weber und danke auch Frau Mosimann. Aber ich stimme – wenn auch als Frau – der hier männlich dargestellten Sichtweise zu. Wenn wir, wie es zu wünschen wäre, aus der Geschichte gelernt hätten, würden wir nur noch Fehler machen, die bis heute nie gemacht wurden. Ein Ding der Unmöglichkeit, oder? Evolution? Und es wiederholt sich alles immer wieder aufs Neue, nur halt in einem anderen Kleid. Und es ist NIE dasselbe. Das haben wir sicher auch schon jede/r für sich persönlich festgestellt im Laufe unseres Lebens. Im Nachhinein sind wir dann alle «gschider».
        Zu beachten ist auch, dass verschiedene Kulturen jeweils ihre eigene Art haben, mit gesellschaftlichen Themen umzugehen. Wir lassen uns ja auch von niemandem vorschreiben, wie wir zu handeln haben in unserer von Neutralität verwaschenen Form. Ich weiss, es geht – nicht nur im nahen Osten – um Krieg und es wird sogar von Genozid gesprochen. Ich befürworte das in keiner Art und Weise. Aber wie Herr Weber so treffend sagt (meine Worte!): Kinder werden auch (und vielleicht sogar mehrheitlich) von Müttern erzogen und zu Prinzen und Dienerinnen geformt. Wie wahr! Danke nochmals, dass endlich jemand das so ausgedrückt hat! Weibliche Gewalt ist oft verbal und provokativ und somit nicht sichtbar. Ich will damit sagen, dass auch Gewalt verschiedene Gesichter hat und man doch besser einfach nicht von sich ablenkt, indem man auf andere zeigt. Das ist der Evolution nicht dienlich. Männer suchen seit Langem nach einer neuen Männeridentität und kommen – da die Frauen dies auch ein wenig von Ihnen verlangen – immer wieder zurück zum ursprünglichen Männerbild des starken Helden, der uns Frauen gefälligst zu beschützen hat. Evolution….?
        Und noch zu Herrn Merz: hätte er die Zeremonie emotionslos über sich ergehen lassen, hätte man es ihm auch vergällt. Also was wollt Ihr? Ihr wisst es wohl selber nicht so genau, darum mal empören, anklagen und verurteilen. Und ich muss jetzt gerade aufpassen, dass ich das nicht auch tue. Jede/r sollte bei sich selber hinschauen und reflektieren. Ein erster Schritt zu einer besseren Welt!

  2. Man kann alles im Leben relativieren oder negieren, geschätzter Herr Weber und geschätzte Frau König. Aber meine Frage, warum Männer immer von Neuem seit Jahrhunderten und bis heute gegen jede logische Erklärung Krieg führen und warum im 21. Jahrhundert immer noch die Mächtigsten dieser Erde Männer sind, die unsere Geschicke leiten, darauf erhalte ich auch von Ihnen keine plausible Antwort.

    Manchmal, wenn ich etwas nicht verstehe, drehe ich die Fragestellung um. Wenn also seit Jahrhunderten die Frauen die Macht und Gewalt gegen Männer und Kinder ausüben würden und die Männer müssten um Gleichstellung und Chancengleichheit kämpfen, wäre das für Sie in Ordnung?

    • Nein liebe Frau Mosimann, das wäre natürlich nicht in Ordnung, diese Frage ist müssig und dünkt mich auch ein extremer Vergleich jetzt. Ich frage mich nicht, warum Männer immer von Neuem seit Jahrhunderten…. (s. oben). Es ist eine Tatsache, die ich rein mit mich darüber aufregen und mich fragen nicht ändern kann. Ich merke gerade, dass diese Diskussion ins Nichts führt. Sich über etwas aufzuregen hilft niemandem, auch nicht der Sache. Und da wir eben an der ursprünglichen Diskussion vorbeireden lasse ich es lieber sein und bedanke mich für Ihre Meinungsäusserung und für Ihr zuhören. Herzlich grüsst Sie M. König

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