StartseiteMagazinKulturVorsicht! Im Museum geistert’s!

Vorsicht! Im Museum geistert’s!

Eine sensationelle Kombination von Kunst in unterschiedlichen Formaten und Darstellungen paranormaler Phänomene wagt das Kunstmuseum Basel in seiner Ausstellung «Geister. Dem Übernatürlichen auf der Spur». Hier bekommen Sie Geister zu sehen.

«Geister spuken immer schon und überall», lesen wir im Begleittext zur Ausstellung. Um Halloween feiert man sie – dieser ursprünglich amerikanische Brauch ist längst auch bei uns beliebt. Gruselfilme erfreuen sich seit ein paar Jahrzehnten grosser Beliebtheit. In Literatur, in volkstümlichen Bräuchen ebenso wie in alten Mythen sind Geister und unheimliche Erscheinungen schon immer vorgekommen. Geistwesen verbinden uns mit Welten, die uns einerseits anziehen, vor denen wir uns anderseits auch fürchten – es graust uns. Geister haben mit dem Tod zu tun – sich dem zu stellen, braucht Mut.

Für die Sonderausstellung im Neubau des Basler Kunstmuseums brauchen Sie allerdings keinen Mut, nur Zeit und ein wenig Neugier. Geister sind «Wesen des Dazwischen», das darzustellen, hat Kunstschaffende aller Gattungen schon immer gereizt. Über 160 Werke europäischen Ursprungs – Gemälde, Fotografien, Skulpturen und andere dreidimensionale Kunstwerke – aus den letzten 250 Jahren hat die Kuratorin Eva Reifert mit ihrem Team zusammengestellt.

Eva Reifert vor «Der Geisterjäger» (1888) von William Blair Bruce; Öl auf Leinwand. Art Gallery of Hamilton ON, Canada

Auf das Zeitalter der Aufklärung, der Blütezeit der Vernunft, im 18. Jahrhundert folgte, wie wir alle gelernt haben, das «goldene Zeitalter der Wissenschaft»; der technische Fortschritt revolutionierte Wirtschaft und Gesellschaft bis heute. Das 19. Jahrhundert ist ebenfalls das Zeitalter der Romantik: Das Interesse an Wundern, an Unerklärlichem wurde (wieder) geweckt. Dazu richteten die Menschen den Blick auf ihr Inneres; die Erforschung der Psyche ging andere Wege als die Entwicklung neuer Maschinen.

Wie gesagt, Geister gab es schon immer, ob es Tote sind, die an bestimmte Orte gebunden sind oder die ihrer Familie erscheinen, Geister, die erwünschte oder gruselige Voraussagen machten – die Vorstellungskraft reicht nicht aus, um sich vorzustellen, was alles möglich ist. Dass Künstlerinnen und Künstler diese Themen gern aufnehmen und versuchen, das Nichtstoffliche eines Geistes darzustellen, muss nicht erstaunen. Geistwesen und Künstler hätten nämlich eines gemeinsam, sagt Museumsdirektorin Elena Filipovic, beide stünden ausserhalb des Alltagslebens (disrupted from every-day-life), Künstlerinnen und Künstler schöpften aus diesen Quellen.

Ausstellungsansicht (in der Mitte: Frederick Hudson: Georgiana Houghton mit einem Phantom, um 1874; Aluminiumpapier; Inst. für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene, Freiburg i. Br.)

Zuweilen haben künstlerisch Tätige besondere Begabungen und können Geistwesen wahrnehmen: Der englische Dichter William Blake (1757-1827) ist einer der Berühmtesten: Er sah immer wieder Geister Verstorbener, konnte sie benennen und zeichnete viele von ihnen. Die amerikanische Dichterin Emily Dickinson (1830-1886) schrieb über Geister schönste Verse. Eines ihrer Gedichte begleitet uns durch die Räume der Ausstellung. Im 19. Jahrhundert entwickelt sich die Fotografie. Seitdem experimentieren Fotografen damit, materialisierte Phänomene aufs Zelluloid (damals) zu bannen.

Rachel Whiteread: Poltergeist 2020 (Wellblech, Buche, Kiefer, Eiche, Haushaltfarbe und Mischtechnik; Fondation Beyeler)

Diese Ausstellung ist nicht streng in Kapitel unterteilt, erklärt Eva Reifert, sondern «floates» (fliesst) durch die Säle wie ein Boot, das von den Wellen des Meeres getragen wird. Es empfiehlt sich, die Ausstellungsbroschüre in die Hand zu nehmen, zu schauen, zu lesen und noch einmal zu schauen.

Machen Sie einen Rundgang durch die neun Räume und schauen Sie, welche Gemälde, welche Kunstwerke Sie am meisten überraschen oder am tiefsten berühren. Sie werden erstaunt sein: Es kommt nicht darauf an, wer das Werk geschaffen hat, sondern wie es Ihre Aufmerksamkeit einzufangen vermag. Mich hat besonders eine Serie von feinsten weissen Tüllgewändern beeindruckt, geschaffen von Claudia Casarino (*1974). Die an die Wand geworfenen Schatten sind deutlicher als die dünnen Hemdchen.

Claudia Casarino: Desvestidos 2005 (acht Kleider aus Tüll) Privatbesitz

In dieser Ausstellung sind die dargestellten Gegenstände – Objekte, Ansichten, Gefühle – wichtiger als der Künstler bzw. die Künstlerin. Ein Gang mit der Absicht, bekannte Kunstschaffende zu finden, hat jedoch auch seinen Reiz: Sie werden neben den genannten (unter anderen) folgende entdecken: Eugène Delacroix, Charles Dickens, Moritz Schwind (eine Darstellung des Erlkönig), Odilon Redon; Justinus Kerner mit Tintenklecksbildern, die dem Rorschacher Test um viele Jahrzehnte vorausgehen; Paul Klee, der für seinen Sohn Felix Marionetten schuf, Marcel Duchamp, Max Ernst, René Magritte, Meret Oppenheim, Heidi Bucher, Sigmar Polke.

Das Ausstellungsteam war besonders überrascht, Aufzeichnungen von Thomas Mann zu entdecken. Er nahm 1923 in München an drei Séancen mit einem Medium teil und schrieb nach diesen Erfahrungen einen Essay Okkulte Erlebnisse.

Kurios ist auch das Messer von C. G. Jung; Es zersprang in vier Teile, was C. G. Jung in Verbindung brachte mit den medialen Begabungen seiner Cousine. Er nahm dies in die Ausführungen seiner Dissertation 1902 auf. «Was ist los, wenn unser Gehirn Dinge sieht, die andere nicht sehen», darüber forschte der Begründer der Psychoanalyse.

Ryan Gander: tell my mother not to worry (ii), 2012, Marmor, Privatbesitz

Wir können uns fragen, was uns Geister heute noch zu sagen haben, erklärt Eva Reifert: Geister konfrontieren uns mit dem, was unserer Kontrolle entzogen ist und mit dem Verstand nicht erfasst werden kann. Sie regen uns an, unsere Zweifel wahrzunehmen und zu lernen, in einer aufgewühlten Welt unseren Platz zu finden.


Geister. Dem Übernatürlichen auf der Spur.
Kunstmuseum Basel Neubau bis 8. März 2026
Beachten das reichhaltige Veranstaltungsprogramm.

Alle Fotos: Elisabeth und René Bühler

 

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