Prolog. Die letzten Jahre verbrachte Frau Klara Steiger in einem Heim. In einem guten Heim. Nie bemängelte Frau Steiger was. Als ihr Sohn den Jahresbericht des Heims las, staunte er über die statistischen Angaben: Pflegestufe, Auslastung, ärzliche Interventionen. Bloss etwas fand er nicht: Angaben zu den Vorlieben, Wünschen, Vorstellungen der Patienten.
Als Studienobjekte sind wir Senioren begehrt. Aber wissen die Forschenden denn auch wirklich, was uns bewegt? Die Experten schätzen uns als Labortierchen, als Betroffene hingegen wollen sie uns lieber raushalten.
Niemand fragt die Mäuse, Meerschweinchen oder Rhesusäffchen ob sie mit ihren Untersuchungen einverstanden sind. Kaum jemand fragt die Senioren, über was und wie sie, die Alten, befragt werden wollen. Das ist gewiss ein absurder Vergleich. Aber er weist darauf hin, dass wir Seniorinnen und Senioren zwar als Studienobjekte beliebt, doch kaum an den Untersuchungen beteiligt sind.
Vor ein paar Wochen haben wir über ein Vorhaben der Uni Zürich berichtet. Das Projekt „Jedes Alter zählt“ will die Altersdiskriminierung an möglichst vielen Fronten bekämpfen. Das ist ein würdiges Ziel. Stutzig macht, dass im siebenköpfigen Team nur eine einzige Person im AHV-Alter ist. Klar: An einer Uni stehen die qualifizierten Mitarbeitenden eher in der Lebensmitte als im Seniorenalter. Aber einer Institution, welche Arbeitsplätze für Senioren fördern will, würden ein paar Åltere gut anstehen – selbst wenns nur Quoten- oder Alibi-Seniorinnen wären.
Warum einfach, wenns kompliziert auch geht. Schauen wir uns einen realen Text aus einem Studienprojekt an und versuchen wir drauszukommen: Wenn Sie an Ihre persönliche Lebensspanne denken: In welchem Ausmass erscheint Ihnen der verbleibende temporale Horizont: erweitert oder limitiert? Was soll das? Die einfache Frage nach der Zukunft hätte es doch auch getan.
Publizieren auf Teufel komm raus. Den Forschenden ist es für ihre Karriere wichtig, dass sie fleissig publizieren können oder wenigstens häufig zitiert werden. Wenn die Wissenschafter die Älteren wirklich befragen würden, bräuchte das viel mehr Zeit. Dass deshalb die Ergebnisse auch mal Schlagseite haben, ist halt hinzunehmen.
Gläserner Senior. Wir sind gut erforscht. Doch haben viele Studien Schlagseite. Zu wenig untersucht werden zum Beispiel Hochaltrige oder Menschen mit mehreren Krankheiten.
Gleich und gleich gibt weniger zu tun. Bei einem Forschungsprojekt erleichtern möglichst gleichförmige Gruppen die Arbeit und ergeben hübsch stringente Resultate. Pflegefälle, Demente oder Teilnehmer mit mehreren Krankheiten stören die Ergebnisse. Deshalb schliesst man solche Menschen gerne aus – und fälscht damit die Resultate.
Studienverantwortliche lieben die jungen Alten. Die noch nicht 70-Jährigen sind mental und köperlich fitter und damit besser für Studien geeignet. Sie kapieren die Fragen schneller – und verdrängen damit ungewollt die älteren Seniorinnen und Senioren.
Wems schlecht geht, will Hilfe und keine Fragebogen. Forschende wollen Kranke und Leidende nicht mit Fragen zu ihren Lebensumständen löchern. Deshalb werden Ältere eher als Untersuchungsobjekte denn als aktive Mitgestaltende gesehen.
Wir Jüngeren wissen, was für euch gut ist. Nämlich Sitzbänkli, Mahlzeitendienst und gross beschriftete Tramhaltestationen. Seid ihr verehrte eben aus dem Ei entschlüpfte Sozialarbeiterinnen ganz sicher, dass der Seniorenabend im Kirchgemeindehaus der Wochenhöhepunkt ist? Es gibt ein schönes Fremdwort für das: Paternalismus. Ausgedeutscht: Altersbeauftragte im Helikoptermodus.
Ditaji Kambundji kann gut über Hürden springen. Besser als wir. Vor vielen Studien stehen Zugangshürden, die man wie die Leichtathletin erst mal kraftraubend überwinden muss. Die Projekte werden über Kliniken ausgeschrieben oder sind nur online zugänglich. Senioren, die mit dem Compi nicht auf du und du sind, haben es schwer, da einzusteigen.
Epilog. Immerhin bewegt sich was. Verschiedene Schweizer Institutionen beteiligen bereits Seniorinnen und Senioren an Projekten. Als Beispiel: Das Institut für Altersforschung an der Fachhochschule Ost St. Gallen. Ältere Menschen arbeiten gemeinsam mit Forschenden an verschiedenen Themen wie technische Assistenzsysteme oder Wohnvisionen- Sie sind aktiv in allen Phasen von der Themenwahl bis zur Auswertung beteiligt.
Fachhochschule Ost SG, Institut für Altersforschung
Bild: Fotor

Vielen Dank für den Artikel
Super geschrieben…(der Abschnitt mit den Sitzbänkli..ich musste so schmunzeln)
Ich finde es wichtig,dass ältere Menschen nicht nach der Anzahl der Krankheiten beurteilt werden oder aufgrund des Jahrgangs…
Wir Menschen kommen auf die Welt und müssen auch erst alles Lernen…das Vergessen die Jungen oft..als Eltern kümmerten wir uns um die Kinder und unterstützten sie..Das sollte uns im Alter auch wiederfahren.
Unterstützt werden,statt weggesperrt..
Darüber reden ist wichtig, etwas zu tun noch besser.
Die Plattform „Jedes Alter zählt“ bietet Gelegenheit sich zu vernetzen und Initiativen zu lancieren.
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rät
die einzige Seniorin im Projekt
Schön, Frau Benz-Steffen, dass Sie als «einzige Seniorin im Projekt» den Artikel ergänzen. Wichtiger als eine Alibi-Uebung ist ja tatsächlich, dass das Richtige geschieht.