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Bekannter unbekannter Kanton Bern

Weshalb bauten die Zähringer die Stadt Bern da, wo sie heute steht? Wie wurde die Republik zum reichsten Stadtstaat nördlich der Alpen? Welchen Einfluss hatte die Eisenbahn auf die Entwicklung von Wirtschaft und Tourismus? Ein neues Bern-Buch, geschrieben von sechs Historiker:innen, zeigt Zusammenhänge auf und bleibt – trotz wissenschaftlichen Exkursen – für Laien verständlich.

In der Schule, vor sechzig Jahren, lernten wir über die Höhlenbewohner und Pfahlbauer, die Kelten und Römer, über die legendenhafte Stadtgründung durch Herzog Berchtold von Zähringen, über die Franzosen, die 1798 den Berner Staatsschatz raubten – und über den Unteren Grindelwald-Gletscher. Der Sekundarlehrer war Grindelwalder.

Seit meiner Schulzeit hat sich viel verändert. Die Geschichtsforschung hat neue Erkenntnisse publiziert und Zusammenhänge sichtbar gemacht: Zeit für ein neues Geschichtsbuch!

Die Neuerscheinung «Geschichte des Kantons Bern» spannt über 300 Seiten den weiten Bogen von der Eiszeit bis heute und bietet erstmals einen handlichen, gut verständlichen Überblick. Die Autorinnen und Autoren machen Geschichte erlebbar und trennen sie von der staatskundlich-bürokratischen Ebene. 200 zum Teil noch nie publizierte Illustrationen hauchen den Texten Leben ein, machen neugierig und sind wertvolle Elemente der Wissensvermittlung. Die Publikation bestätigt Bekanntes und eröffnet den Blick auf Unbekanntes.

Für Nicht-Bernerinnen und Nicht-Bern lautet die Frage: Wo steht der Kanton Bern im Verbund der gesamten Schweiz? Antwort: Er ist hinsichtlich seiner Bevölkerung und Fläche der zweitgrösste des Landes. Bern erstreckt sich über alle drei Landschaften – Jura, Mittelland und Alpen – und umfasst sowohl Städte als auch ländliche Regionen. Das Territorium liegt an der Schnittstelle von Kulturräumen, aktuell zwischen der französisch- und der deutschsprachigen Schweiz. Deshalb spielt Bern mit einer Million Einwohnern bis heute eine wichtige Rolle für den nationalen Zusammenhalt der Schweiz.

Zeugnisse aus der Jungsteinzeit

Lebensbild der jungsteinzeitlichen Ufersiedlung am Berner Moossee bei Münchenbuchsee. Bild: Javiere Alberich.

Berns Geschichte beginnt nicht 1945, sondern viel früher: in der Jungsteinzeit. Vor 21 000 Jahren zogen Mammuts, Rentiere, Wildpferde und Wisente durch die Wälder. In Höhlen und unter Felsbändern des Simmentals hausten erste Menschen. Die Ureinwohner jagten Schneehühner und Schneehasen. Nachdem sich das Eis zurückgezogen hatte, siedelten ab ca. 5000 auf dem heutigen Kantonsgebiet Menschen. Am Moossee, östlich der Stadt Bern bei Münchenbuchsee, fanden die Archäologen Zeugnisse erster Siedlungen. Deren Bewohner betrieben Ackerbau und Viehzucht.

Aus keltischer, respektive römischer Zeit stammen Überreste von Bauten auf der Engehalbinsel. Aus einem keltischen «Opidum» wurde ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. eine römische Siedlung mit einem gallo-römischen Tempel. Die Kleinstadt aus Steingebäuden, Heiligtümern, Badeanlagen und einem Kleintheater trug den Namen «Brenodor». Die Bewohner gehörten offenbar zur Oberschicht, während die Bauern und Taglöhner in Häusern und Gutshöfen auf dem Land wohnten.

Von Bümpliz und Bären

Kein Thema war in meiner Schulzeit die «Villa von Bümpliz», obwohl ich in Bümpliz aufgewachsen bin. Aus dem neuen Geschichtsbuch habe ich nun erfahren, dass der geheimnisvolle Bau aufgrund seiner Grösse, des Stils und der Ausstattung als «Palastvilla» bezeichnet werden darf. Der Komplex weist offenbar Parallelen auf zur Residenz «Derrière la Tour» der einflussreichen Familie der Otacilii in Aventicum und könnte durchaus ein Landsitz dieser Familie gewesen sein.

Die luxuriöse Palastvilla von Bümpliz hebt sich durch ihre Grösse, ihren Ausstattungsstandard und die kostspielige Innenausstattung von anderen ländlichen Gutshöfen ab. Farbreste in Gefässen und Glasfritten (oben) zur Herstellung von Glasmosaiken lassen auf spezialisierte Handwerker schliessen.

Neu war für mich vor der Lektüre auch, dass in Muri-Gümligen, wo ich heute wohne, eine Statuette der Bärengöttin «Artio» gefunden wurde. «Artio» sei mit der römischen Gottheit Diana vergleichbar, heisst es, jedoch sei die Bärin keltischen Ursprungs. Offenbar wurden zu keltischer und römischer Zeit Bären verehrt. Denn auch auf der Engehalbinsel nördlich von Bern wurden Knochen eines Bärenoberschädels gefunden. Ob da wohl der Ursprung des Berner Wappens verborgen liegt? Bekanntlich zeigt das Berner Wappen (Stadt und Kanton) einen männlichen Bären.

Burganlagen und erste Städte

Im Mittelalter lebten Adelige in burgähnlichen Wall-Graben-Anlagen, von denen es im Kanton Bern viele Überreste gibt. Offenbar demonstrierten damals Adelige ihre Stellung und Macht durch befestigte Gebäude. Zwischen 1100 und 1350 entstanden die ersten Städte. Burgdorf, Thun und Bern wurden von den Zähringern gegründet. Meist standen die Schlösser, resp. später die Städte an Flussübergängen. Die Standorte waren ideal, um Brückenzölle zu erheben und Verkehrswege zu überwachen.

Bern wurde an den Rand der «Matteschwelle» gebaut. Das Bild von Diebold Schilling aus dem Jahr 1483 zeigt den «Tych», der den Aarefluss seit der letzten Eiszeit teilt.

Im Fall der Gründung Berns dürfte auch die Matteschwelle eine gewisse Rolle gespielt haben. Die zähringischen Bauherren wussten, dass eine Stadt nur erfolgreich sein konnte, wenn Wasserräder Mühlen, Sägen und andere Handwerksbetriebe mit Energie versorgten. An einem wilden Fluss konnte man aber keine Wasserräder betreiben, deshalb bevorzugte man einen ruhigen Kanallauf, einen «Tych». Ausserdem war der Fluss, die Aare als Handelsweg sehr willkommen. Auf Flössen transportierte man damals italienischen Wein, Textilien und wertvolle Gewürze von Brienz nach Bern. Für den Standort sprach auch die strategisch ideale Lage in einer Flussschlaufe.

Das Spätmittelalter brachte den Städten Wohlstand und dem Land Armut, Missernten sowie Hungersnöte. Zwischen 1300 und 1400 wechselten sich nasse und extrem trockene Sommer ab. Heute würde man von einer Klimakrise sprechen. Ab 1349 breitete sich zudem die Pest in mehreren Wellen über den Kanton Bern aus. Zehntausende von Menschen starben. Als Sündenböcke identifizierte man die Juden, die in der Stadt Bern an der Amthausgasse wohnten. In mehreren Progromen wurden die Juden ermordet oder vertrieben. Der jüdische Friedhof beim heutigen Bundeshaus Ost wurde zerstört.

Die Urkunde vom 1355 enthält einen seltenen Hinweis auf die Folgen der Pest für die Berner Bevölkerung. Sie hält fest, dass ein Bodenzins an das Niedere Spital «von des Sterbens wegen» nicht bezahlt werden kann.

Söldnertum und Reformation

In die frühe Neuzeit fielen zwei einschneidende Ereignisse. Die Stadt Bern startete eine aggressive Expansionspolitik und besetzte Nachbargebiete. Ausgebeutet wurden der Aargau (ab 1415) und die Waadt (ab 1536). Diese Politik, verbunden mit einem extensiven Söldnerwesen spülte Geld, Gold und Kriegsbeute in die Staatskassen. Bern wurde zum reichsten Stadtstaat nördlich der Alpen.

1528 fand in Bern die Reformation statt. Rom und der Bischof wurden entmachtet, Heiligenbilder zerstört, die Messe abgeschafft und die reformierte Landeskirche in den Dienst des Staates gestellt. Die weltliche Ordnung funktionierte auf der Grundlage der zehn Gebote. An der Berner Akademie wurden Pfarrer ausgebildet und in die Landgemeinden geschickt. Dort hatten sie jeweils sonntags staatliche Beschlüsse und Dekrete von der Kanzel zu verkünden. Im Gegenzug half der Obrigkeitsstaat der Landeskirche beim Verwalten der Kirchengüter und bei der Sanktionierung Andersgläubiger (Täufer). An einigen Berner Brunnen sind noch heute Symbole der nachreformatorischen Werteordnung sichtbar.

Nach der Reformation wurde das Schlussbild des Totentanzes von Niklaus Manuel übermalt. Aus dem ehemals katholischen Geistlichen (rechts) wurde ein reformierter Pfarrer, der mit dem Totenkopf in der Hand an die Vergänglichkeit des Lebens erinnert.

Franzoseneinmarsch mit Folgen

Das Machtmonopol der Patrizier und damit das «Ancien Régime» fanden mit dem Einzug der Franzosen ein abruptes Ende. Französische Truppen besiegten die bernischen Truppen und besetzten 1798 Bern. Sie plünderten den Staatsschatz und entführten die Bären aus dem Bärengraben. Während die bis zu diesem Zeitpunkt herrschenden Patrizier die Besatzung als Demütigung empfanden, erlebten die bisher unterdrückte Stadtbevölkerung das neue Regime als Befreiung. Von Karl Howald stammen Illustrationen, die belegen, dass auf Berns Strassen getanzt und gefeiert wurde. Die Untertanenverhältnisse waren aufgehoben, das Land sollte der Stadt gleichgestellt werden.

In der Schlacht bei Fraubrunnen wurden die Berner Truppen 1798 von den Franzosen überrumpelt und besiegt. Die Niederlage leitete das Ende des «Ancien Régimes» ein. Aquarell von François-Aloys Müller.

1848 wurde Bern Bundesstadt der Landesregierung und musste sich verschulden. Neue Aufgaben kamen auf die Stadt zu. Unternehmergeist, Aufbruchwille und Risikofreude prägten diese Zeit: 1860 wurde neben der Heiliggeist-Kirche der Bahnhof gebaut. Die industrielle Revolution sorgte auch im Kanton Bern für Unternehmensgründungen. Im Jura entstanden industrielle Uhrenbetriebe, im Mittelland Stahlunternehmen. In vielen Orten etablierten sich lokale Brauereien. Ab 1865 wuchs der Tourismus: Agenturen boten organisierte Reisen ins Oberland an. Um die Jahrhundertwende wurde im Länggass-Quartier die Tobler-Fabrik gebaut und betrieben. Hunderte von Arbeiterinnen und Arbeitern fanden hier ein Einkommen. Die Elektrifizierung zuerst der Stadt und dann der ländlichen Gebiete wurde vorangetrieben.

Werbeplakat der Brauerei Löwenbräu in Burgdorf, um 1900.

Neue Bau- und Verkehrsentwicklung

Das neue Geschichtsbuch endet mit der modernen Bau- und Verkehrsentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg. Persönlich erlebt habe ich den Bau der Hochhaussiedlungen im Westen Berns (Tscharnergut und Gäbelbach), die Besetzung der Reitschule, die Jugendunruhen und die Meistertitel des Fussballclubs «Young Boys».

Verkehrsstau vor dem Warenhaus Loeb in der Berner Innenstadt im Mai 1955. Foto: Walter Nydegger

Auch wirtschaftlich, kulturell sowie politisch hat sich der Kanton Bern in den letzten sechzig Jahren stärker verändert als in den Jahrhunderten zuvor. Während die Städte heute links-grün regiert werden, sind die Landregionen mehrheitlich wertkonservativ geblieben. Wie es weitergeht, werden u.a. die nächsten kantonalen Wahlen bestimmen, die im kommenden Jahr stattfinden.

Das offizielle Bild der aktuellen Berner Kantonsregierung 2025/2026. Von links nach rechts: Christine Häsler (Bildungs- und Kulturdirektorin), Christoph Auer (Staatsschreiber), Christoph Ammann (Wirtschafts- Energie- und Umweltdirektor), Astrid Bärtschi (Finanzdirektorin), Christoph Neuhaus (Bau- und Verkehrsdirektor), Philippe Müller (Sicherheitsdirektor), Pierre Alain Schnegg (Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektor), Evi Allemann (Direktorin für Inneres und Justiz). (Foto: Staatskanzlei des Kantons Bern / Thomas Baumann)

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Bibliografische Angaben des neuen Geschichtsbuchs

Geschichte des Kantons Bern – von der Eiszeit bis zur Gegenwart. Verlag Hier und Jetzt. 2025, ISBN 978-3-03919-578-7 – Das Buch wurde initiiert vom Historiker Christian Lüthi, der selbst das Kapitel zur Neuesten Geschichte verfasst hat. Die weiteren Beiträge stammen von Regine Stapfer und Annina Wyss Schildknecht (Urgeschichte und römische Zeit), Armand Baeriswyl und Regula Schmid (Mittelalter) sowie Martin Stuber (Frühe Neuzeit).

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VERLAG HIER UND JETZT

Titelbild: Der wohl grösste Einschnitt in der bernischen Geschichte: Die ersten Tage nach dem Fall des «Alten Bern» im Jahr 1798 brachten der Stadt an verschiedenen Orten das Symbol der französischen Revolution: den Freiheitsbaum. Aquarell aus der «Stadtbrunnen-Chronik» von Karl Howald. Alle Illustrationen, mit Ausnahme des Fotos der Berner Regierung, stammen aus dem zitierten Buch.

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