Vor kurzem wurde ich an einer Lesung gefragt, ob mir Schreiben Spass mache. Zum Wort ‘Spass’ habe ich ein zwiespältiges Verhältnis. Ich denke an «Spassgesellschaft» und an abschätzige Bemerkungen und blöde Witze, die jene verletzen, auf die sie gemünzt sind. Und dass es ihnen rein gar nichts nützt, wenn hinterher, nachdem die verbalen Pfeile bereits Wirkung zeigen, lachend nachgeschoben wird: Das war doch bloss Spass.
Zurück zur Frage. Wenn damit gemeint ist, ob mir Schreiben Vergnügen und Freude macht, dann antworte ich mit ‘ja, manchmal’. Schliesslich zwingt mich niemand dazu, allerdings ist auch das, was man freiwillig tut, nicht nur das reine Vergnügen.
Aber vor dem Schreiben bin ich wie die meisten anderen Schreibenden immer zuerst Leserin. Deshalb stelle ich Ihnen und mir die Frage: Macht Lesen Spass? Sofort bin ich versucht, mit einer Gegenfrage zu antworten: Muss es das zwingend, Spass machen? Bin ich milder gestimmt, heisst meine Antwort: Ja, auch. Oder: Kommt drauf an.
Spannend, unterhaltend, informativ… Lesen kann, muss aber nicht immer Spass machen. Bild Pixabay
Grundsätzlich ist es für mich ein Privileg, Leserin zu sein. Mich zu vertiefen in andere Welten. Figuren zu folgen, die mir manchmal so nahe sind und mich lange über die eigentliche Lektüre hinaus begleiten und fast schon zu meinem Freundeskreis gehören. Grundsätzlich mag ich es, der Komposition eines Buches, seiner Architektur und seiner Erzählweise auf den Grund zu gehen. Das macht oft schon weniger und manchmal überhaupt keinen Spass, vor allem dann nicht, wenn das Ganze vertrackt und schwer erschliessbar ist. Eben erlebe ich das zum Beispiel bei der Lektüre des preisgekrönten Romans ‘ Die Holländerinnen’ von Dorothee Elmiger. Hoch interessant, die Lektüre, und gleichzeitig bedeutet für mich das Lesen dieses Buches ein Stück Arbeit. Ich freue mich aber darauf, mit einem meiner Lesezirkel darüber zu diskutieren.
Im Gegenzug dazu gibt es Bücher, die man durchrattert und schnell vergisst. Auf langen Zugfahrten mag ich diese Art Lektüre. Ohnehin ist es in der Bahn oft laut und man kann sich auf anspruchsvoller Lektüre eh nicht konzentrieren. Ich glaube, Krimis zu lesen kann Spass machen. Allerdings weiss ich das nur aus Erzählungen anderer Lesenden. Ich lese und schaue keine Krimis, weil ich weiss, dass mir gewisse Details im Dunkeln einfallen und Angst machen würden.
Eine persönliche Frage: Weinen Sie manchmal beim Lesen? Als Kind ist mir das sehr oft passiert. Und nie vergesse ich den besorgten Blick meiner Mutter, wenn sie es merkte. Als sie mir aber einmal ein Buch wegnahm – es war «Gritlis Kinder» von Johanna Spyri – und dazu sagte: Lesen soll dich sicher nicht zum Weinen bringen, nahm ich mir vor, künftig eine tapfere Leserin zu sein. Eine, die nicht weint. Ist bloss ein Buch, oder, noch schlimmer, ist bloss Kitsch, habe ich mir gesagt, wenn Tränen aufsteigen wollten. Längst ist die Mutter nicht mehr da, längst weiss ich, dass Bücher Emotionen wachrufen, aber ich bleibe tapfer, aus Furcht vor ihrem Blick aus fernster Ferne.
