Der November schlägt vielen aufs Gemüt. Sie sind niedergeschlagen, ohne Antrieb und Freude. Alle Farben, die in der Seele und die im Freien, scheinen zu verblassen, alles ist grau in grau. Die Sonne scheint meist nur für kurze Zeit, im Wetterbericht wird schon wieder von Schneefällen bis in tiefe Lagen gesprochen.
Es gibt aber ein wirksames Gegenmittel gegen den Novemberblues, ein Antidepressivum, das umgehend aufheitert. Allerdings nicht ohne Nebenwirkungen. Zum Trost: Die zeigen sich erst im nächsten Frühling, dann, wenn es einem mit aller Kraft in den Garten – und in die nächste Gärtnerei – zieht. Das Mittel wird weder geschluckt noch inhaliert, muss nicht gespritzt oder als Pflaster appliziert werden.
Gartenbücher helfen über die dunklen Tage hinweg. (b.r.)
Nein, es kann gemütlich im Warmen genossen werden. Es sind die Gartenkataloge und, fast noch wirksamer, die in jeder Buchhandlung in Fülle angebotenen Gartenbücher. Da kann geschwelgt, geplant, geträumt werden, bis jede trübe Novemberstimmung im Nu verflogen ist. Ein Feng Shui-Garten, das wäre wirklich was Schönes. Oder ein Blumenbeet ganz in Blau-Gelb. Oder ein Versuch, selbst Artischocken oder Melonen oder Spargeln anzuziehen.
Von den farbenprächtigen, hervorragend fotografierten Illustrationen geht eine grosse, kontemplative Ruhe aus. Man sieht sich förmlich in einer dieser grünen Oasen sitzen, Luft und Licht auftanken, dem Vogelgezwitscher und dem Plätschern des Baches – welches Baches? – lauschend. Wunderbar.
Kraftorte und Energieströme
Nur holt der Sinn fürs Praktische die meisten bald wieder in die Realität zurück: Wohin denn mit all den bereits vorhandenen Gartenlieblingen, mit den blühenden, grünenden und manchmal auch wuchernden Geschenken lieber Gäste, die überhaupt nicht nach Kraftorten geordnet gepflanzt wurden? Und wo wäre in meinem kleinen Garten der gewundene Weg, das fliessende Wasser, die beide neue Energie in mein Zuhause bringen könnten? An grossen Steinen fehlt es zwar nicht, nur sind sie nicht strategisch nach Chi-Kraftströmen platziert, sondern werden je nach Bedarf gruppiert. Manche dienen auch einfach als Stopper bei der offenen Gartentüre.
Ein Feng Shui- Garten wäre ja schön. Nur fehlt dafür das Wasser, die Ordnung – und der Platz. (pixabay)
Also weiter blättern. Ein üppiger Rosengarten, der könnte zum Träumen verleiten. So unter einem blühenden Rosenbogen sitzen, zu Füssen die kleinen Fairy-Röschen, die manchmal bis in den November hinein blühen, links und rechts alte englische Duftrosen – so müsste eine Ecke des Paradieses aussehen. Ob man in einer so verträumten Gartenecke, inmitten duftender Rosen wohl auch einen Krimi lesen dürfte? Oder geht da nur Goethe oder allerhöchstens zu Tränen rührende Liebesromane?
Wasserspielereien
Seerosen faszinieren. Haben Sie als Kind auch mal versucht, über die grossen Tellerblätter zu gehen? Ist ein ziemlich nasser Versuch, bringt aber die Eltern zuverlässig in die Sätze. Aber Wassergärten sollen kontemplativ und so einfach anzulegen sein. «Auf kleinstem Raum» lasse sich so ein malerisches Biotop gestalten. Und die Bilder dazu sind auch wirklich zauberhaft: Kleine gelbe Seeröschen, etwas Bambus, der sich im Wind wiegt – ein botanisches Gedicht. Ich habe mit dieser Art von Lyrik meine Erfahrungen gemacht. Schon vor Jahren liess ich mich von solch schönen Bildern inspirieren und baute in einem recht grossen Gefäss ganz lehrbuchmässig eine solche Wasserwunderwelt.
Einmal Wassergarten in einem grossen Becken. Und nie mehr. Da stinken sogar die Seerosen. (pixabay)
Schön sah alles aus, bis zum ersten Regen. Da überlief die ganze Herrlichkeit und ich überlegte mir, wie ich den doch recht schwer gewordenen Kübel irgendwie unters Dach zügeln könnte. Aber da schien bereits wieder die Sonne und nach ein paar Tagen grünte alles wie zuvor. Eher noch mehr. Denn bald machten sich dicke Algenbündel breit. Die liessen sich zwar leicht abfischen, aber das Wasser roch doch recht brackig. Um es kurz zu machen: Nach einigen heissen Tagen stank mein poetischer Wassergartentraum zum Himmel und ich schenkte die an den Rändern schon braun werdenden Seerosen schleunigst einer Bekannten mit echtem Biotop im Garten.
Also bei mir hat das Antidepressivum mit diesen Erinnerungen und Gartenträumen bereits gewirkt. Für eine stärkere Dosis würde ich schnell zur nächsten Gärtnerei gehen und mir dort vorgetriebene Narzissen oder Maiglöckchen kaufen. Ganz flach in eine Schale mit etwas Erde eingesetzt, vieleicht mit Moos abgedeckt und durch ein paar schönen Steine ergänzt, lässt der Frühling nicht mehr lange auf sich warten – auch wenn es draussen dann immer noch schneit.


Liebe Frau Reichlin
blumigen Dank für Ihre aufhellende Kolumne.
Meine Seele lächelt und ich gehe heute noch in die nächste Gärtnerei.
Ein kleiner Spaziergang hilft bei mir meistens. Frische Luft tut gut, auch wenn es nicht bis in den Wald ist.
Herzliche Grüsse