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Zu Besuch bei Margrit Keller (78)

Mit 78 Jahren ist Margrit Keller beim BSC Arashi Yama Wil die älteste aktive Judoka des Clubs. Judo mit 78? Seniorweb besuchte sie nicht auf der Matte, sondern in ihrem Keramikatelier in Sulgen.

Bis anhin dachte ich, dass Judo eher ein Sport für junge, agile, trainierte, wurf- und fallsichere Personen ist. Falsch! Margrit Keller geht mit ihren 78 Jahren immer noch wöchentlich ein bis zweimal ins Training. Für ihre über 40-jährige Treue zum Verein, für ihre Trainer- und Helferdienste wurde ihr vor zwei Jahren die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Seniorweb konnte sie in ihrem Atelier besuchen und mit ihr ein Gespräch führen.

Seniorweb: Wann haben Sie mit Judo begonnen?

Margrit Keller: Mit 19 habe ich meinen ersten Judo-Unterricht genommen und zunächst ein Jahr lang praktiziert. Dann ging ich für ein Jahr nach Irland, um dort zu arbeiten und Englisch zu lernen. Nach meiner Rückkehr machte ich etwa zweieinhalb Jahre Jiu-Jitsu in Kreuzlingen.

Warum hat es Sie schliesslich gerade zum Judo hingezogen?

In der dritten Sekundarklasse erzählte ein Lehrer vom Judo als dem Prinzip des Siegens durch Nachgeben und von Jigoro Kano (1860 – 1936), dem Begründer des Judo. Nach einer Anekdote soll Kano bei einem Sturm über das Feld gelaufen sein und gesehen haben, wie sich die Gräser im Sturm bogen und sich danach wieder aufrichteten, wohingegen die «sturen» Bäume geknickt wurden. Daraus soll er das Prinzip des Siegens durch Nachgeben im Judo entwickelt haben.

Judo heisst ja übersetzt «sanfter Weg.»

Ja, sanfter Weg, und wenn wir nicht stur sind, können wir durch Nachgeben siegen. Das hat mir als Lebensphilosophie sofort eingeleuchtet.

So sanft sieht es hier nicht aus.

Waren Sie denn mit 19 sanft und nachgiebig?

Ich war auch weltoffen, kämpferisch und eigenwillig. Beispielsweise hatten meine Eltern nicht Freude, als ich mit 16 eine Lehre als Keramikmalerin machen wollte. Sie meinten, in anderen Berufen könne man leichter Geld verdienen, aber ich liess mich von der Keramikmalerei nicht abbringen.

Wir oft gingen Sie dann ins Judo?

Zunächst einmal pro Woche, dann zweimal. Aber ich wurde nie Spitzensportlerin, weil ich gar keine Zeit dafür gehabt hätte. Aber ich blieb dem Judo treu von 19 bis heute, mit Unterbrüchen wegen Auslandaufenthalten. Nach dem Jahr in Irland war ich auch insgesamt vier Jahre lang sogenanntes «Mädchen für alles» auf See (Zimmer putzen, Kaffee oder Schnäpsli servieren) und kam dabei vom Indischen Ozean bis in die Antarktis, von San Francisco einmal um die ganze Welt.

Haben Sie denn auch die üblichen Prüfungen im Judo gemacht?

Ja, zwischen 50 und 60 machte ich schliesslich den ersten Dan und dabei blieb es. Ich absolvierte auch noch den I&S Kurs und unterrichtete danach ca. 20 Jahre lang Kinder im Judo. Vor drei Jahren habe ich damit aufgehört und springe jetzt nur noch als Kursleiterin ein, wenn «Not am Mann» ist.

Mitten im Kampf mit voller Wertschätzung für den Gegner

Man sagt ja, Judo sei nicht nur ein Sport, sondern auch ein Weg der Persönlichkeitsbildung. Wären Sie eine andere Person, wenn Sie nicht so lange Judo praktiziert hätten?

Vielleicht. Judo hat mir immer Freude gemacht. Zudem bin ich wohl beweglich geblieben und das Zusammenspiel von Körper und Geist wird im Judo gefordert und gelebt. Wertschätzung und Respekt ist auf und neben der Matte selbstverständlich. Auch wenn man gegeneinander kämpft und beide im Kampf ihr Bestes geben, bleibt man befreundet. Zudem wird in Wil und auch in anderen Judo-Clubs die Kameradschaft gepflegt, auch ausserhalb des Trainings. Oft gehen wir nach dem Training eins trinken und es gibt jährlich Gemeinschaftsanlässe, etwa Bergtouren oder Schlitteln.

Werden Sie mit 78 nicht gelegentlich gefragt, wann Sie mit dem Judo aufhören?

Das kann vorkommen. Dann sage ich jeweils: Ich weiss nicht, was morgen ist. Solange es mein Körper zulässt, mache ich weiter.

Sieg … und bald wieder friedliches Zusammensein

Hatten Sie nie Sportverletzungen?

Im Judo gibt es ein ausgeklügeltes Regelwerk zur Unfallprävention. Ich habe mir mal eine Zehe gebrochen und in den Knien hat es auch schon mal ein wenig geknackst. Sonst war ich immer gesund und habe zurzeit nicht mal einen Hausarzt.

Vor zehn Jahren haben Sie noch die praktische Prüfung zur PluSport Behindertensportleiterin mit Bravour bestanden. Wie ist es dazu gekommen?

Ich bin schon längere Zeit Mitglied im Verein TAB, der Thurgauischen Arbeitsgruppe für Menschen mit Beeinträchtigungen, der kostengünstige Freizeitveranstaltungen, Ferienwochen und Weiterbildungskurse anbietet, unter anderem auch Sportkurse. Ich liess mich deswegen zur polysportiven Behindertensportleiterin ausbilden und biete nun Judo für Menschen mit Behinderungen an, was viel Freude bereitet.

Beeinflussen Ihre Arbeit als Keramikkünstlerin und Ihre Aktivitäten im Judo einander oder sind das völlig voneinander getrennte Aktivitätsfelder?

Unbewusst gibt es wohl schon Zusammenhänge. Sicher ist, dass meine Fitness vom Judo her sich positiv aufs Töpfern auswirkt. Denn wer töpfert, hat nicht selten Rückenprobleme, ich nicht. Ich habe immer noch die Kraft, meine Tonsäcke zu schleppen und meine Kisten, wenn ich Ausstellungen habe. Oder ist es so, dass ich immer noch fit fürs Judo bin, weil ich in meinem Beruf auch physisch arbeite?

Margrit Keller im Judo-Training (l.) und in ihrem Keramikatelier (r.)

 

Wenn Sie so aktiv sind, bleibt wohl wenig Zeit für anderes.

Ich hatte nie einen Fernseher, höre aber Radio, lese Zeitungen und Bücher. Ich habe in meinem Unabhängigkeitswillen auf eine Familie verzichtet, aber bin sehr gut vernetzt durch das Judo und im Beruf, den ich immer noch mit Freude ausübe. Ich habe immer Glück gehabt. Als zweites Standbein kann ich alte Kachelöfen malen und reparieren. Neben der Keramikmalerei erlernte ich das Töpfern auf der Drehscheibe, so dass ich nie am Hungertuch nagen musste.

Arbeitsatelier. Einiges steht bereit, um gebrannt zu werden. Auch Kunden können ihre Arbeiten zum Brennen bringen. (Brennofen rechts).

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Als Selbständige braucht man schon eine Tagesstruktur, auch wenn sich die Aktivitäten ändern: Töpfern, Keramikmalerei, Reparatur von Kachelöfen, Kurse in Altersheimen oder sonst wo, Verkauf im Laden, Ausstellungen organisieren, Judo usw. Bis zur Pensionierung arbeitete ich meistens sechs Tage pro Woche, jetzt noch vier bis fünf Tage. Ich stehe um halb acht auf und fahre normalerweise täglich gegen neun Uhr mit dem Velo (kein E-Bike) von meiner Wohnung in Bürglen nach Sulgen ins Atelier, ca. eine Viertelstunde, auch wenn’s kalt ist. Über Mittag fahre ich nach Hause und mache Zmittag. Wenn ich nicht ins Judotraining gehe, bleibe ich meistens bis halb sieben im Atelier. Dann fahre ich nach Hause … und bald ist Mitternacht! Am Montag mach ich frei.

In der Vorweihnachtszeit zeigt Margrit Keller einige ihrer Krippenfiguren im Schaufenster.

Haben Sie mit 78 noch Träume?

Nun, Träume darf man ja wohl schon noch haben. Ich reise nicht so viel, aber gern. Letzthin war ich allein in Griechenland, weil ich auch Griechisch gelernt habe und mich allein durchschlagen wollte, im Zug, Schiff und zu Fuss. Ich war auch mal allein längere Zeit in Afrika und habe nie Gewalt erlebt, stattdessen viele Begegnungen mit lieben, interessanten Leuten überall. Auf Reisen habe ich nie Judo zur Selbstverteidigung gebraucht, aber vielleicht strahle ich eine gewisse Sicherheit aus, die möglicherweise vom Judo herkommt.

Nun, querdurch von Dakka nach Djibouti schaff ich nicht mehr, aber seit ein paar Jahren baut ein Auslandschweizer in Brasilien ein Projekt auf, auch mit Kursangeboten. Er ist an Keramik interessiert und möchte, dass ich als Artist in Residence mal ein paar Monate dort verbringe. Mein nächstes Jahr ist zwar ausgebucht, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Herzlichen Dank, Margrit Keller, für das erhellende Gespräch!

Titelbild: Margrit Keller vor ihrer Töpferei und dem Keramikaltelier. (Alle Fotos aus dem Judo-Training von Marcel Wenger, Judotrainer und Fitness Instruktor im Wenger Fitness Center in Wil; alle Fotos aus der Töpferei und dem Keramikatelier von bs)

Website von Margrit Keller

 

 

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