Die Aarauer Ausstellung zum 80. Geburtstag des Dichters mit dem Titel «Aussen ist innen. Klaus Merz» gibt Einblick in seine Spracharbeit.
Weder grossformatige Schrifttafeln mit der Biografie von Klaus Merz noch Autorenfotos in schwarz-weiss empfangen die Besuchenden im Forum Schlossplatz in Aarau. Anlass zu der Ausstellung Aussen ist innen ist der achtzigste Geburtstag des Schriftstellers, hierzulande und weit über Sprach- und Landesgrenzen hinaus bekannt durch seine eindringlich knappe, hochpräzis literarische Sprache.
Schreibtisch von Klaus Merz, © Klaus Merz
Wie zeigt man das höchst poetische, vielfach ausgezeichnete literarische Werk eines Autors, der schreibt, seit er das Lehrerseminar besucht hat und dessen Gesamtwerk seit 2011 im Haymon Verlag von Markus Bundi herausgegeben wird, welches jetzt mit Band neun der Edition zum Abschluss gekommen ist? (Was hoffentlich nicht heisst, dass Klaus-Merz-Lesende nicht auch weiterhin Nachschub erhalten aus der Feder des Autors!) Und wie bespricht man diese Ausstellung, die ihrerseits poetisch leuchtet und flimmert?
Regula Engeler, Untitled, aus der Serie [Flâneuse], 2024 © Regula Engeler
Jedenfalls, das hier ist keine klassische Rezension von Aussen ist innen. Vielmehr ist es ein Verweilen und Bleibenwollen in einem literarischen Werk, das ich gut kenne, ihm aber in der Ausstellung in Aarau auf erstaunliche Weise wie neu begegne durch die sehr gelungene visuelle, nein, sinnliche Umsetzung einzelner Texte und ihre Ansiedlung in einem künstlerischen Kontext. Das hier ist also eher die Beschreibung eines Wiedersehens mit Texten und Textverwandtschaften und eine Aufforderung, es mir gleich zu tun.
Verbundenheit als Leitidee
Es ist nicht der Anspruch von Aussen ist innen, das vollständige Werk des Autors zu beleuchten. Vielmehr öffnet die Ausstellung wunderbar farbige (im wahrsten Sinne des Wortes) Fenster in einzelne Merz-Texte. In einem Audio spricht der Autor über seine Schreibarbeit, und vielleicht ist der Ausdruck «Verbundenheit» Ausgangspunkt und heimliches Motto der Ausstellung. Denn Klaus Merz ist ein nahbarer Schriftsteller, das zeigt Aussen ist innen eindrücklich, der mit vielen Menschen verbunden ist. Künstlerisch, freundschaftlich, und er ist dabei stets bescheiden geblieben. Auch mit dem Forum Schlossplatz, einem lebendigen Ort künstlerischer und gesellschaftlicher Reflexion, ist der Dichter seit vielen Jahren eng verbunden.
Beat Zoderer, Ohne Titel, 1991, Sammlung Selma und Klaus Merz
Lebenslang hat er sich intensiv mit bildender Kunst auseinandergesetzt, darüber geschrieben in Essays und Vignetten. Zusammen mit seiner Frau Selma Merz hat er Kunst gesammelt, allerdings nicht systematisch oder als Geldanlage gar, sondern aus einem wachen Interesse und einer Nähe zu Künstlerinnen und Künstlern, aus der Verbundenheit heraus auch zu seinem eigenen Schaffen.
Denn Klaus Merz denkt in Bildern, ich würde fast sagen, er schreibt Bilder. Wer seine Lyrik, aber auch seine kürzeren und längeren Prosatexte liest, kann sich davon überzeugen. Gehen Sie durch die Räume, lesen Sie eines seiner Gedichte, schliessen Sie die Augen, was sehen Sie? Eben!
Auf Assoziationen gebaut
Texte sinnlich erfahrbar machen und sie mit Exponaten der Kunst assoziativ zu verbinden, das ist der Kern der Ausstellung im Forum Schlossplatz, in langjähriger Vorbereitungsarbeit kuratiert von Lena Friedli und Christa Baumberger. Wie sehr die beiden Frauen damit auf unprätentiös-geniale Weise ins Zentrum der Merz’schen Literatur vorgedrungen sind, die ihrerseits mit Assoziationen arbeitet und sie mit feinen Winken in den Lesenden selbst hervorruft – ich sage nur «Landessender Beromünster», «Gaucho», «Kindheitsgewitter» – das erlebt, wer in der Ausstellung verweilt.
Ein ganzer Kosmos
Es lohnt sich, auch die Treppe hochzusteigen und durch die herrschaftlichen Räume der oberen Etage des Hauses zu gehen, in denen Kunstwerke aus Klaus und Selma Merz’ Sammlung zu sehen sind.
Regula Engeler, Untitled aus der Serie «[Flâneuse]», 2024
Aussen ist innen: Wer das wörtlich nimmt und sich ans Fenster stellt, dessen Blick fällt in die Bäume des Parks, fällt auch auf ein Nebengebäude des Areals. Dort zeigen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten der Alten Kantonsschule Aarau, die sich mit Merz-Texten lesend und gestalterisch beschäftigt haben, gewissermassen ihre eigenen Übertragungen der Lektüreimpressionen.
Das Theater Marie lässt mit Eine Ahnung vom Ganzen einige der Merz’schen Lieblingsbilder aufleuchten. Zwei Schauspielerinnen und ein Schauspieler leihen Figuren aus dem Werk des Autors ihre Stimmen und lassen sie zu Worte kommen, verspielt, präzise und mit feinem Humor. Die Truppe zeigt derzeit Eine Ahnung vom Ganzen auf Bühnen von Baden bis Winterthur.
Sandkasten, ca. 1950, © Ruedi Fiechter
Die Ausstellung in Aarau ist in Zusammmenarbeit mit der Galerie Litar in Zürich entstanden, wo bis Ende November noch mehr Merz zu sehen war, eine von Christa Baumberger klug komponierte Ausstellung, die Merz Welt nämlich. In deren Zentrum stand Jakob schläft, wohl das bekannteste Werk des Autors. Schreibende verschiedener Generationen sprachen in Videos über ihre persönliche Beziehung zu diesem Buch, in Hörfeatures war der Autor selbst zu vernehmen und man begegnete dem Wynental, seiner Heimat.
Klaus Merz © Haymon Verlag / Fotowerk Aichner
Man begegnete auch, diskret und zurückhaltend ausgewählt, Bildern aus dem Familienalbum, frühen Notizen und Texten und insbesondere den Gedichten von Martin Merz, dem früh verstorbenen Bruder. Da ist sie wieder, die bereits erwähnte Verbundenheit, diesmal der beiden Brüder, im Leben und im Schreiben: weit über Martins Tod hinaus.
Miteinander sind die beiden Ausstellungen verbunden durch eine Publikation. Merz Welt – Edition Litar 06 umfasst Beiträge von Autorinnen und Autoren als eine Art Echo zu ausgewählten Merz Texten und enthält auch ein Gespräch mit dem achtzigjährigen Schriftsteller, der von sich selbst in einem Interview mal sagte: «Vielleicht war ich immer radikal leise».
Bis 18. Januar 2026
Titelbild: Screenshot aus arttv.ch: Zu Besuch bei Klaus Merz
Weitere Informationen:
– Zur Ausstellung im Forum Schlossplatz, Aarau
– Ein Blick zurück auf die Litar-Ausstellung Merz-Welt
– Zum Kalender des Theater Marie: Eine Ahnung vom Ganzen
– Klaus Merz: Werkausgabe in neun Bänden. Haymon-Verlag, Innsbruck, 2025. ISBN 978-3-7099-8271-6




Vielen lieben Dank für diesen sachkundigen wie bewegenden Bericht!