Sie scheint vom Himmel gefallen zu sein, wächst sie doch hoch oben in den Bäumen. Sie hat die Kraft zu heilen, hilft gegen Gifte, vertreibt Hexen und deren bösen Zauber und vereint seit altersher Liebende unter ihrem Grün. Und grün ist sie, von der Blüte bis in die Wurzelspitzen. Die Mistel, ein uraltes Zauberkraut.
Jetzt sind ihre wie eingerollt wirkenden Zweige mit den milchweissen Beeren wieder auf den Märkten zu finden. Werden Misteln über der Haustüre aufgehängt, dürfen sich Paare gemäss einem alten angelsächsischen Brauch unter dem Mistelbusch küssen – im sittenstrengen viktorianischen Zeitalter in England eine willkommene Gelegenheit, sich etwas näher zu kommen. Wobei bereits in der nordischen Mythologie die Mistel als «kussechte» Glücksbringerin erwähnt wird.
Misteln für den Zaubertrank: Der Druide Miraculix, Obelix und Asterix, die drei Gallier, die sich dank dem Zauberkraut vor gar nichts fürchten müssen.
Wer «Asterix und Obelix» kennt, weiss, dass bei diesem letzten kleinen gallischen Dorf inmitten des römischen Weltreiches der Druide Miraculix einen Zaubertrank braute, der den Römern das Fürchten lehrte. Und was war die wichtigste Zutat dieses Tranks? Misteln, mit einer goldenen Sichel bei einer ganz gewissen Mondkonstellation geschnitten. Dass Extrakte aus der Mistel auch ein Jungbrunnen sind, beweist der alte, weisshaarige Druide, der immer noch hoch in die Bäume klettert, um das Kraut zu schneiden.
In der Krebstherapie eingesetzt
Der Glaube an das Wunderkraut zieht sich durch die Jahrhunderte bis in die heutige Zeit. Wobei heute natürlich nicht mehr geglaubt sondern erforscht wird. So wird der Mistel eine tumorhemmende Wirkung nachgesagt, die das körpereigene Immunsystem aktiviert und so den Körper stärkt, um gegen entartete Zellen wie Tumorzellen zu kämpfen. Der Glaube an die Kraft der Mistel lebt also bis heute weiter.

Woher kommt der Mythos dieser Pflanze, die auch als Donner- oder Hexenbesen bezeichnet wird, weil sie Blitzeinschläge und Hexenzauber abwenden soll? Verbreitet ist das Kraut in Europa, Asien und Afrika. Ihre klebrigen Samen werden von Vögeln weitergetragen, bevorzugt auf Laubbäume mit weichem Holz. Die Eiche bildet da eine Ausnahme. Misteln auf dem harten Eichenholz gewachsen, werden denn auch ganz besondere Zauberkräfte zugeschrieben.
Leben zwischen Himmel und Erde
Die immergrünen Misteln brauchen keine Erde, sie leben wirklich von Luft und Liebe – und von den Nährstoffen, die sie aus ihrem Wirtsbaum ziehen. Aber sie stellen auch, mittels Photosynthese, eigene organische Stoffe her. Deshalb werden sie als Halbschmarotzer bezeichnet. Sie wachsen zwischen Himmel und Erde und sind erst dann sichtbar, wenn die Bäume ihr Laub verloren haben. Während sie früher verehrt und rituell geschnitten wurden, sind sie heute in grossen Sträussen auf jedem Markt zu finden.

Anbauen lässt sich die Mistel fast nicht. Die Samen, hoch oben in Astgabeln geklemmt, wachsen, wenn überhaupt, nur sehr langsam. Dabei ist auch keine Entwicklung wie bei anderen Pflanzen zu sehen. Schon kleinste Sprösslinge tragen Beeren. Jedes Jahr kommen einfach neue Sprosse hinzu. Sie welken nicht, sie verändern sich nicht, sie verharren im Grunde genommen im Stadium des Keimlings – deshalb auch ihr Ruf als Quell der ewigen Jugend.
Vorsicht giftig!
Zwar wurden schon in vorchristlicher Zeit Pflanzenbestandteilen extrahiert, aus denen heilkräftige Tränke und Salben hergestellt wurden. Was allerdings ein besonderes Wissen oder zumindest Erfahrungswerte erfordert. Denn die Mistel ist in all ihren Teilen, bis hin zur Beere, giftig. Kein Wunder, werden in erster Linie Amulette aus Mistelzweigen empfohlen oder geraten, Mistelsträusse an Bäumen, in Häusern oder Ställen aufzuhängen, um Unheil und Krankheiten abzuwenden. Unfreiwillig kinderlose Ehepaare sollten Misteln im Schlafzimmer haben. Soll garantiert helfen, so wie auch den Kühen beim Kalben.
Wer den Weihnachtstisch mit den immergrünen Zweigen und den bei uns meist weissen Beeren schmückt, denkt kaum daran, dass er ein uraltes heidnisches Ritual aus vorchristlicher Zeit zelebriert: das germanische Julfest, das Fest zur Wintersonnenwende. Ist doch wirklich eine Zauberkraft: Die Mistel, die als Arzneipflanze, als Schutz vor Gefahren und Abwehr von Bösem, aber auch als Sinnbild der Zärtlichkeit oder als Dekoration in der dunkelsten Zeit des Jahres eine Rolle spielt, ist heute wie vor Jahrhunderten aktuell und begehrt.

