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Pazifismus verhindert Kriege nicht

Der Angriffskrieg gegen die Ukraine, von Putin im Februar 2022 losgetreten, überrumpelte die Menschen in Europa und anderswo. Was nun? Der junge deutsche Journalist Artur Weigandt betitelt sein Buch: «Für euch würde ich kämpfen. Mein Bruch mit dem Pazifismus.»

Seit gut fünfzig Jahren gab es in verschiedenen europäischen Ländern Friedensbewegungen. Sie entstanden, als die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die verheerenden Folgen noch frisch waren. In Deutschland fanden regelmässig Ostermärsche statt, junge Leute kämpften dagegen, dass auf den amerikanischen Militärbasen Atomwaffen stationiert wurden.

Auch in der Schweiz wuchs die Meinung, dass ein Krieg in Europa nicht mehr denkbar wäre. Die GSoA, die Gesellschaft für eine Schweiz ohne Armee, lancierte eine Volksinitiative zur Abschaffung der Schweizer Armee. Sie scheiterte damit, aber 35,6% der zahlreich zur Urne gegangenen Stimmbürgerinnen und -bürger stimmten 1989 dafür, erstaunlich viele in einem Land, das grossen Wert auf seine Traditionen legt. Als 1991 der bis dahin grösste Gegner, die Sowjetunion, zerbrach, verfestigte sich der Glaube an einen dauerhaften Frieden in Europa.

Das Ideal eines «ewigen Friedens»

Wie nun seit 2022 zu handeln sei, ist für viele Menschen in Europa keineswegs eindeutig. Der 1994 geborene deutsche Journalist Artur Weigandt hat aufgrund seiner Tätigkeit als Übersetzer für ukrainische Soldaten und dann durch seine Reisen die Überzeugung gewonnen, dass den Menschen in der Ukraine geholfen werden muss, und zwar unbedingt und mit allen Mitteln. Das drückt der Titel seines Buches deutlich aus: Für euch würde ich kämpfen. Mein Bruch mit dem Pazifismus.

Wer das Buch liest, kann nicht unberührt bleiben. Der Autor ist ein versierter Journalist trotz seiner Jugend. Er beobachtet genau und schildert einfühlsam, was er auf seinen Reisen in verschiedene Gebiete der Ukraine erlebt und erfahren hat, nicht nur, um für renommierte deutsche Zeitungen zu schreiben, sondern auch, um sich an Hilfsaktionen zu beteiligen.

Betroffenheit – eine humanistische Haltung

Weigandts Buch – es ist sein zweites, sein erstes, ein Roman «Die Verräter», beruht auf der Geschichte seiner Familie – ist keineswegs ein martialischer Aufruf, in den Krieg zu ziehen. Vielmehr zieht der Autor die Waffe, auf die er sich am besten versteht: das Wort.

Das Buch beginnt mit der Erzählung, wie er aufgewachsen ist: In Kasachstan geboren,  als Kleinkind 1995 mit seinen Eltern in eine westdeutsche Kleinstadt gekommen, erfährt er mit 15 Jahren im Gymnasium, wie Fremdenhass sich anfühlt. Sein Vater ist Wolgadeutscher, das heisst, er gehörte zu der Gruppe, die seit Jahrhunderten in Russland gelebt hatte, vorwiegend im Wolgagebiet, Schöntal war eines dieser Zentren. Die Vorfahren seiner Mutter waren in Weissrussland und der Ukraine beheimatet gewesen. Stalin hatte sie alle nach Osten, in diesem Fall nach Kasachstan vertrieben, weil er fürchtete, dass sie sich mit Hitler verbünden könnten. Weigandts Grossväter hatten in den Krieg ziehen müssen.

Wenn russische Herrschaft und Gewalt zur Familiengeschichte gehören

Seit Willy Brandts Zeit als Bundeskanzler der BRD durften diese Russlanddeutschen nach und nach, wenn sie es wünschten, in die Bundesrepublik ziehen. Die Bundesregierung zahlte der Sowjetunion Ausreisegelder und den Neuankömmlingen Startgelder. So kam auch die Familie Weigandt nach Deutschland. Artur lernte fast gleichzeitig Deutsch und Russisch, die Sprache seiner Familie, In der Schule musste er darunter leiden.

Immer noch betrachtet er Russisch als Muttersprache, «eine Sprache, die in mir klang wie Heimat oder Kindheit», schreibt er, die nun ein Werkzeug geworden ist, «ein Mittel zur Aufklärung, zur Verständigung auf Seiten jener, die gegen Russland kämpfen. Ich übersetze in der Sprache des Aggressors – gegen den Aggressor.»

«Am Anfang war die Faust», so heisst das erste Kapitel des Buches. Der Autor erklärt hier, wie er lernt, sich gegen Gewalt zu wehren, ohne selbst zum Schläger zu werden. Damals war die Friedensbewegung stark, besonders bei jungen Leuten. Zwischen 2014 und 2022 begreift er, dass es nicht genügt zu hoffen und Frieden zu fordern. «Sondern: tun, im Sinne von wehrhaft sein, um Schlimmeres zu verhindern.»

Aus der Geschichte lernen

Aus der Vergangenheit seiner Familie hatte Weigandt viel gelernt: die Sprache, die Art sowjetisch-russischer Herrschaft und ihre Methoden, die Wirklichkeit nach ihrer Ideologie zu verdrehen. Das konnte er als Student und dann als Journalist verbinden mit seinen Reiseerfahrungen, nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Prag und Georgien. Er weiss, wie zynisch im Kreml mit der Wahrheit umgegangen wird. Er will sich nun auch persönlich davon überzeugen, dass in der Ukraine keine Faschisten herrschen.

Seine humanistische Haltung, sein Mitgefühl zeigen sich immer wieder. So auf einer Zugfahrt zwischen Odessa und Lwiw, als er eine Frau trifft, die ihm das Foto ihres Bruders zeigt, der im Krieg sein Leben verloren hat. Wie Weigandt darüber schreibt, voller Feingefühl, ohne Sentimentalität, berührt und beeindruckt: «Ich sah das Gesicht des Bruders. Und ich wusste: Er starb nicht, weil er kämpfte. Sondern weil er nicht geschützt war.» – Weigandt entscheidet sich, als Übersetzer für ukrainische Soldaten zu arbeiten, die an deutschen Panzern geschult werden.

Kämpfen, ohne schiessen zu müssen

Weigandt reist nach Kyjiw, dann in andere Zentren, er wird von einem Soldaten, der bei der Schulung an deutschen Panzern teilgenommen hat, nach Isyum eingeladen. Auf dem Weg dahin verkauft ihm ein alter Mann ein Buch von Erich Maria Remarque, der als der erste erfolgreiche Schriftsteller gegen den Krieg (1. Weltkrieg) gilt. Ein Anstoss für unseren Autor, darüber nachzudenken. – Diese kleinen Exkurse zeigen, dass es ihm nicht um plakative Aussagen für die Ukraine und gegen Putin geht. Er sucht die Wurzeln, die Ursachen der Friedensbewegung, aus denen der Kampf gegen die Ungerechtigkeit dieses Krieges wachsen muss.

Ein wehrhafter Pazifismus ist gefordert

Der «Ausflug» führt von Isyum näher an die Frontlinie. Dem Autor sind die Gefahren bewusst. Er hat seine Begleiter im sicheren Deutschland während des Panzer-Trainings kennengelernt. Nun ist er bei ihnen «zu Gast» – ein mulmiges Gefühl kann er nicht unterdrücken: Ihm, dem Pazifisten geben die ukrainischen Soldaten probeweise eine Kalaschnikow in die Hand. Schiessen muss er nicht, aber erkennen kann er, dass er Angst hat. Und in der folgenden Nacht hat er einen Albtraum. Er weiss, Verantwortung muss und will er übernehmen und das tun, wozu er fähig ist – er definiert das als «einen wehrhaften Pazifismus».

Artur Weigandt: Für euch würde ich kämpfen. Mein Bruch mit dem Pazifismus. C. H. Beck Verlag 2025. Paperback. 208 Seiten. ISBN 978-3-406-84016-6

 

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1 Kommentar

  1. Der Krieg wurde nicht 2022 losgetreten, sondern 2014 und danach mit der Ermordung von über 10000 Russen in der Ostukraine. Wer die Geschichte nicht zur Kenntnis nimmt, kann daraus auch nichts lernen.

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