Kinder haben geschickte Finger, gute Augen und sind flink. Zudem sind sie arbeitsam und erst noch billig: Kinderarbeit ist unverzichtbar, wenn Mütter und Väter ohne ihre Mithilfe die Familie nicht ernähren können. Das zeigt eine Ausstellung im Landesmuseum Zürich.
Kinderarbeit war ein notwendiger Beitrag an das Einkommen der Familien. Kinder der bäuerlichen Gesellschaft mussten in Feld und Stall, Haus und Hof mithelfen, so bald sie aus der Schule nachhause kamen. Die Ausstellung Aus der Not geboren. Arbeitende Kinder thematisiert, dass es härter wurde, als die Heimarbeit aufkam, die ohne Kinder gar nicht möglich war, und wie Kinder samt ihren Eltern mit der Industrialisierung in den Fabriken ausgebeutet wurden.
Strohflechterfamilie im Aargauer Freiamt. Um 1840, Maler unbekannt. Schweizerisches Nationalmuseum
Wenn Kinder mitarbeiten, muss das nicht per se schlecht sein. Auf dem Bauernhof wurden sie in den Zyklus der Arbeiten einbezogen, lernten beim Hüten oder Mähen Verantwortung übernehmen, erwarben handwerkliche Fähigkeiten und konnten direkt mit der Familie zusammenarbeiten.
Im Stickkeller: Erwachsener an der Handstickmaschine, Knabe an Einfädelmaschine, um 1912, wohl Appenzell. Schweizerisches Nationalmuseum
Erst mit dem Einzug der Stick- und Webmaschinen in die Keller der Bauernhäuser wurde es problematisch. Der Output war durch den Auftraggeber fremdbestimmt, vor und nach der Schule, vor und nach dem Essen mussten schon kleine Kinder stundenlang die 300 Nadeln der Stickmaschine einfädeln. Ein Fädlikind hatte keine Zeit zum Spielen, oft nicht einmal, um Schulaufgaben zu machen. Die Schriftstellerin Margrit Schriber erzählt in ihrem Roman «Maria Antonia Räss. Die Stickerin“ davon.
«Färben in der Fabrik» von Rudolf Zinggeler-Danioth. Das Bild zeigt eine Seidenzwirnerei, wohl in Norditalien © Schweizerisches Nationalmuseum
Mit der Industrialisierung wurde nichts besser: Vater und Mutter bekamen nicht genug Lohn, also mussten auch die Kinder in die Fabrik. Sie waren dank ihrer jungen, beweglichen Glieder ohnehin unverzichtbar, wenn es ums fädeln oder ums ölen der Textilmaschinen ging. In der Ausstellung ist eine später erfundene Einfädelmaschine zu sehen, daneben ein Ölkännchen, mit dem die Kinder unter die Maschinen krochen, wenn die kurz Stillstand hatten, alles andere als ungefährlich.
Wunderwerk der Technik: die Einfädelmaschine, entwickelt um 1890
In den düsteren Fabrikhallen kamen ölige Böden und stickige, ungesunde Luft dazu, und wie die Erwachsenen arbeiteten schon sechsjährige Kinder im 16-Stunden-Schichtbetrieb. So bald die Arbeit, der Lohn und die Arbeitszeit fremdbestimmt sind – also beispielsweise wenn der Fabrikherr durchgibt, dass die teuren Maschinen möglichst 24 Stunden laufen sollen – ist Ausbeutung die Folge.
Ein Flugblatt aus dem Kanton Zürich, welches sich über die Schulpflicht mokiert.
Mit der allgemeinen Schulpflicht – zunächst den Kantonen überlassen, ab 1874 in der Verfassung der Eidgenossenschaft verankert – änderte sich dieser Missbrauch nur langsam. Kinder aus armen Familien leisteten neben der Schule, oder anstelle des Schulbesuchs, gefährliche und gesundheitsschädigende Arbeit in den Fabriken, allerdings waren auch ihre Väter und Mütter Opfer der Verhältnisse. Absenzen wurden mit Busszetteln an die Adresse der Eltern geahndet. Kinder arbeiteten in Textilfabriken, in der Seidenindustrie oder in Glarner Stoffdruckereien.
Mit solchen Inseraten suchten die Fabriken ihre Arbeitskräfte.
Das Fabrikgesetz von 1877 verbot die Fabrikarbeit von unter 14jährigen und begrenzte die Arbeitszeit auf 11 Stunden täglich. Dokumente des Abstimmungskampfs zeigen unerwartete Gründe dafür und dagegen. Fabrikanten liessen verlauten, dass sie eigentlich keine Kinder einstellen wollten, aber die Familien seien darauf angewiesen. Der Chef des Einsiedler Benziger-Verlags fürchtete um die 12 bis 14jährigen Kinder, welche die Heiligenbilder kolorierten: Das Fabrikgesetz werde ihm die geschickten und begabten Koloristen wegnehmen.
Zwei Beispiele von Heiligenbildern des Benziger Verlags, die durch Kinder koloriert worden waren.
Trotz Schulpflicht und Fabrikgesetz ging die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren aus materieller Not bis weit ins 20. Jahrhundert weiter. Die Ausstellung verweist auf zwei besonders ausbeuterische Arbeitsfelder: die Kaminfegerbuben aus dem Tessin und die Schwabenkinder. Vor allem aus dem Verzascatal sandten die Eltern noch bis ins 20. Jahrhundert ihre kleinen Buben – klein und dünn gehalten auch durch Nahrungsentzug – in die Kamine der Lombardei, wo sie als Sklaven unter lebensgefährlichen Bedingungen giftigen Russ zu entfernen hatten, im Roman Die schwarzen Brüder nachzulesen. Wegen der Not zuhause mussten Kinder aus den grossen Bauernfamilien der Alpenregionen, viele aus dem Bündner Oberland, sommers auf den grossen Höfen nördlich des Bodensees arbeiten gehen.
Schwabengänger werden von den Einheimischen auf Herz und Nieren geprüft, bevor sie ihren Sommerjob bekommen.
Zu Fuss ging es los, in Friedrichshafen und Ravensburg suchten sich die Bauern aus, wen sie brauchten, für amerikanische Beobachter war das ein Sklavenmarkt. Als Entgelt gab es neben Kost und Logis ein Gewand und einen Batzen, welche die Kinder im Herbst, wenn die Schule wieder begann, heimbringen konnten. Dieser Grenzgängerverkehr endete für die hiesigen Schwabenkinder mit der Grenzschliessung 1914, für alle anderen mit der Einführung der Schulpflicht in Oberschwaben auch für Auswärtige.
Dieses Kaminfeger-Werkzeug wurde durch den Kamin heruntergelassen. Die Buben dagegen mussten hinaufklettern und den Russ abschaben.
Die Spazzacamini und die Schwabenkinder waren wenigstens – sofern sie zurückkehrten – in ihrer Familie geliebt und geschätzt, aber damit ist ein weiteres düsteres Kapitel der Kinderarbeit in der Schweiz noch nicht erwähnt: die Fremdplatzierung und Ausbeutung in Heimen und als Verdingkinder, fürsorgerische Zwangsmassnahmen genannt.
Links der gesichert kinderarbeitsfreie und nachhaltige Gorilla von Gebana, rechts ein Goldhase von Lindt, wo trotz Bemühungen wiederholt Kinderarbeit in den Lieferketten entdeckt wird.
Die letzte Abteilung der Ausstellung ist der weltweiten Kinderarbeit von heute gewidmet. Erst unlängst wurde bekannt, dass selbst für Lindt & Sprüngli Kinder in Afrika auf Kakaoplantagen arbeiten. Von den Millionen Kindersklaven, die in Minen, auf Plantagen und in Textilfabriken arbeiten, erfahren wir nur punktuell.
Wasserholen an der Quelle, Unteriberg SZ, 1947 © Theo Frey / Fotostiftung Schweiz
Kinderarbeit gibt es hierzulande im Verborgenen bis heute, auch nachdem die Schweiz die UNO-Kinderrechtskonvention 1997 unterzeichnet hat. In den Begleitveranstaltungen zur Ausstellung äussern sich Männer und Frauen, die ihren Müttern einst entzogen worden waren, einige davon viel jünger als der Durchschnitt der User von Seniorweb. Es waren Waisen, Kinder aus unvollständigen oder randständigen Familien und Jenische, die ihren Eltern vom Hilfswerk Kinder der Landstrasse nicht selten mit Gewalt weggenommen worden waren.
Kuratorin Rebecca Sanders erzählt vor dem Tatortbild (Acrylmarker auf Wundpflaster) «Kantonale Invalidenversicherung» von Christian Tschannen (*1971 über dessen Jugend.
Die Heime und Anstalten waren gehalten, das Kostgeld der Gemeinden möglichst herauszuholen – mit Kinderarbeit, die niemand kontrollierte oder gar unterbunden hätte, Bauern übernahmen Verdingkinder oft nur wegen des Kostgelds. Die Kinderarbeit oder auch Kindersklaverei in der Schweiz ist mit dieser Ausstellung breit dokumentiert und spannend umgesetzt.
Bis 20. April 2026
Titelbild: Arbeitsschuhe von einem Kind mit Ösen und Haken, 1900 – 1925, Rindsleder. © Schweizerisches Nationalmuseum
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