Die Ausstellung «An der Eiskante. Unterwegs in Nordgrönland» im Zürcher Nordamerika Native Museum NONAM lädt zu einer Reise zu einer der nördlichsten Siedlungen der Erde ein. Der Fotograf Markus Bühler und der Filmemacher Nils Bühler erzählen mit ihren Bildern und Filmen vom Leben der Inuit-Jäger auf dem Meereis, das immer dünner wird.
Das Nordamerika Native Museum NONAM im Zürcher Seefeld ist bekannt für seine engagierten Ausstellungen über indigene Kulturen nicht nur in Nordamerika, sondern auch am Polarkreis. Die Ausstellung An der Eiskante. Unterwegs in Nordgrönland führt zu den Inuit-Jägern in Qaanaaq, der nördlichsten Gemeinde Grönlands mit rund 640 Einwohnern. Der Fotograf Markus Bühler besucht die Gegend seit Jahrzehnten und dokumentiert die Lebensweise der Menschen in Büchern und Ausstellungen.
Blick in die Ausstellung (rv)
Im Frühjahr 2025 nahm Markus Bühler erstmals seinen 19-jährigen Sohn, den Filmemacher Nils Bühler nach Qaanaaq mit. Für ihn war alles neu. Mit jugendlichem Blick hielt er mit der Kamera das Leben der Inuit-Jäger fest. Wie die Fotos seines Vaters erzählen auch Nils Filme Geschichten. In der Schau sind unter Sammelsurium Reiseandenken ausgestellt und das Tagebuch von Markus Bühler, das man gesprochen über Kopfhörer hören kann. Auf zwei rekonstruierten Hundeschlitten, die mit Fellen belegt sind, kann man sich hinlegen und den Fotosequenzen auf dem Monitor folgen.
Blick in die Ausstellung (rv)
Auf ihrer Reise fuhren Markus und Nils Bühler mit den Jägern auf Hundeschlitten über das gefrorene Meer in Nordgrönland und verbrachten taghelle Nächte unter dem arktischen Himmel. Sie teilten das stundenlange Warten an der Eiskante. Sie erzählen in ihren Aufnahmen von der traditionellen Waljagd, von brüchigem Eis und jungen Jägern mit einem neuen Bewusstsein für ihre Kultur. «In der Schweiz ist die Jagd ein umstrittenes Thema», sagt Markus Bühler, «in Grönland gehört sie einfach zum Leben dazu».
Rekonstruierte Hundeschlitten. Sie dienen als Lastenträger. Auf dem Meereis werden während der Jagd über den Kufen Zelte oder Hütten aufgebaut. (rv)
Zu Beginn der Schau lädt eine Eishütte die Besuchenden ein, einzutreten. Sie steht wie in Grönland auf einem breiten Hundeschlitten. In Zürich ist die Hütte etwas grösser, damit auch Schulklassen darin Platz finden. Hier läuft der Film von Nils Bühler, der die Landschaft und die Menschen, vor allem die Jäger aus Qaanaaq vorstellt. Zwischendurch berichtet Nils immer wieder von eigenen Erlebnissen, auch von seiner anfänglichen Scheu, die Jäger beim Töten und Ausnehmen der Tiere zu filmen. Während der Vater erzählt, wie er sich diesbezüglich stets zurückhielt, geht Nils mit der Kamera nah heran und will alles dokumentieren. Die Jagd ist in Qaanaaq noch heute die Lebensgrundlage der Menschen. Ohne Jagd und Fischfang gibt es nichts zu essen. Doch die Lebenswelt verändert sich und mit ihr auch die Herausforderungen im Alltag.
Rekonstruierte Eishütte über einem Hundeschlitten und Blick ins Innere, das in Grönland mit einem Ofen beheizbar ist. (rv)
Zum tieferen Verständnis lohnt es sich, zuerst Nils Bühlers Film anzusehen. Durch seine offenen, persönlichen Kommentare schafft er eine emotionale Beziehung zur Kultur der Menschen in Qaanaaq. Markus Bühlers Bilder faszinieren: Porträts von Menschen, weite weisse Landschaften, Stürme, die Eisberge verschlucken, Menschen einhüllen, energiegeladene Schlittenhunde, einsame Kajaks auf dem Meer, wartende Jäger, Jagd auf Robben und Narwale, das Verarbeiten der Jagdbeute, brüchiges Eis. Die aufgelegten Saaltexte kommentieren jedes einzelne Bild wie eine Geschichte.
Aleqatsangiaq Peary, Aleq ist Jäger und Musiker
Im Film sieht man eindrücklich, wieviel Geduld die Jagd erfordert. Denn die Tiere zeigen sich nicht unbedingt dann, wenn die Jäger auf dem Meereis sie jagen wollen. Oft warten die Jäger tagelang: «Imaka» heisst das Zauberwort, vielleicht kommt ein Narwal, vielleicht nicht. Und vielleicht müssen sie sogar wegen des aufkommenden Sturms zurückkehren. Aber stets bleiben sie geduldig und freundlich. Plötzlich taucht dann doch eine Robbe auf, die erlegt und sofort verarbeitet wird, bevor sie in der arktischen Kälte einfriert. Die Hunde bekommen dann ihren Anteil, den Rest die Menschen. Aus dem Fell nähen die Frauen Kleidung und vor allem Kamiks, Fellstiefel.
In seinem Film erzählt Nils Bühler: «Die Jäger haben mich beeindruckt. Sie sind perfekt auf dem Eis organisiert und richtig cool drauf. Wir haben uns oft kaum verstanden, aber umso mehr miteinander gelacht. Alle sind, wie sie sind.» Die Hunde sind auf der Jagd unentbehrlich. Je nach Art der Jagd spannen die Jäger zehn bis fünfzehn Hunde vor ihre Schlitten. Sie ziehen Schlitten, wittern Beute und warnen vor Gefahren. Besonders bei der Jagd auf Eisbären sind sie wichtige und zuverlässige Partner. Die Hunde bleiben bei jedem Wetter draussen. Man lässt sie nicht frei herumlaufen, denn sie könnten gefährlich werden.
Schlittenhunde unterwegs
Von Dezember bis Juni ist das Meer gefroren. Früher wurde das Meereis vor Qaanaaq bis zu zwei Meter dick und brach erst Mitte Juli auf. Jetzt wird es nur noch 50 Zentimeter dick und ein Sturm genügt, das Eis aufzubrechen. 2025 entstanden bereits im Mai erste Risse und innerhalb weniger Wochen war das Eis nicht mehr befahrbar. Noch im November blieb das Meer eisfrei. Der Klimawandel ist deutlich erkennbar.
Aleq und sein Sohn Jonas
Die Waljagd ist in Nordgrönland traditionell reglementiert. Erlaubt sind Kajak und Harpune. Nur in Qaanaaq werden Narwale gejagt, auch wenn sie in ganz Grönland begehrt sind. Erst wenn ein Wal harpuniert ist, wird er von einem kleinen Motorboot aus mit dem Gewehr erlegt. Die Jagd vom Kajak aus ist gefährlich und erfordert viel Erfahrung. Der Sohn von Aleq, der 15-jährige Jonas ist noch Schüler und will wie sein Vater Jäger werden. Erstmals darf er bei der Jagd auf Robben und Narwale mithelfen.
Jagd mit dem Kajak
Als Markus Bühler vor zehn Jahren Qaanaaq besuchte, drohte die Jagd und ihre Traditionen zu verschwinden. Viele Indigene sahen keine Zukunft für sich und ergaben sich dem Alkohol. Doch seit einigen Jahren wagen sich junge Jäger mit einem neuen Bewusstsein für ihre Kultur und Traditionen wieder hinaus auf das immer dünner werdende Eis. Ihre Erfolge teilen sie auf Social Media, und sie blicken mit neuem Selbstbewusstsein in die Zukunft.
Titelbild: Schlittenhunde
Fotos: © Markus Bühler
Bis 28. Juni 2026
«An der Eiskante. Unterwegs in Nordgrönland» in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Fotografen Markus Bühler und dem Filmemacher Nils Bühler. Im Nordamerika Native Museum NONAM, Zürich, 2025
Hier geht es zur Webseite von Markus Bühler
Buchtipp: Rudolf Hermann, Andreas Doepfner, Von der Eiswüste zur Arena der Grossmächte. Die geopolitischen Folgen des Klimawandels in der Arktis. NZZ Libro, Schwabe Verlag Basel 2024, ISBN 978-3-907396-87-2

