Am zwölften Tag des Jahres ist die Illusion geschmolzen wie Schnee bei Föhneinbruch, alles werde neu. Die letzte Ziffer der Jahreszahl hat sich geändert, das gilt es zu beachten, wenn man das aktuelle Datum hinschreibt, in einem Brief etwa, aber sonst? Der gnädige Alltag umfängt uns wieder.
Das ist auch bei Büchern so: Nicht alles muss neu sein. Das Bewusstsein darf gerne wachsen, dass Texte auf bestehenden Texten fussen und Autorinnen und Autoren im Grunde stets fortschreiben am unendlichen Textgewebe. Dieses Bewusstsein stärken Leserinnen und Leser, wenn sie bisweilen zu einem ‘alten Buch’ greifen und ihm eine zweite Chance geben. Zweite Chancen en Masse finden Bücher seit drei Jahrzehnten im Bücher-Brocky in Luzern. Dieses Bücher-Brocky feiert dieses Jahr mit vielen Aktivitäten rund ums Buch sein 30. Jubiläum. Bücher-Brockys gibt es auch in Aarau, Bern, Basel und Zürich, zudem viele Antiquariate. Treten Sie ein und atmen Sie tief ein. Bücher riechen. Riechen Sie an den Büchern und lassen Sie sich vom Geruch zurücktragen.
Gewiss gibt es auch in Ihren Regalen zuhause Bücher, die bereits etwas Staub angesetzt haben. Nehmen Sie eines davon in die Hand und tauchen Sie damit ab, in eine andere Zeit, an einen anderen Ort, in eine vielleicht etwas altertümliche Sprache. Vielleicht aber hat die Sprache weder Staub noch Rost angesetzt, es kommen im Text bloss keine e-Mails, Messages, Piepstöne und Pushnachrichten vor, dafür Telefonkabinen und VW-Käfer und vielleicht eine etwas stillere, langsamere Welt. Und selbst wenn die Sprache in einem älteren Buch nicht mehr von heute ist, wir sind es ja auch nicht mehr. Auch wir haben etwas Rost angesetzt und neu an uns ist vielleicht bloss ein Hüftgelenk, eine Zahnkrone und die Angst vor Stürzen.
Re-Lektüre kann uns allerlei Erkenntnisse vermitteln. Erinnerungen an Werte, Rollenbilder und Normen etwa, die sich gewandelt haben. An die Themen, die Literatur von damals verhandelte. Es sind die gleichen, die auch heute in den Büchern vorkommen, in anderer Form, sozusagen in einem neuen Kleid.
Nadia Brügger und Valerie-Katharina Meyer (von links). Bild: Anja Fonseka
A propos neue Kleider: Wie wunderbar ist es, dass Secondhand-Geschäfte heute so beliebt sind. Dass es vor allem auch junge Menschen gibt, die sich dort aus ökologischen Überlegungen einkleiden und damit auch Trends setzen. Retro ist Mode, echt cool. Kleider, Handtaschen und Accessoires aus den 70er- oder 80er-Jahren zu tragen, kann auch Ausdruck von Verbundenheit sein. Und ein neues Buch von zwei jungen Literaturwissenschaftlerinnen ist es ganz bestimmt: Nadia Brügger und Valerie-Katharina Meyer haben in ihrem Gemeinschaftswerk «Widerstand und Übermut» (Hier und Jetzt Verlag, 2025) das Literaturschaffen von Schweizer Schriftstellerinnen der 70er-Jahre beleuchtet. Grossartig, der Aufbruch der Frauen damals, und grossartig die generationenübergreifende Forschungsarbeit der beiden Autorinnen, ihr Plädoyer für eine Kultur der Verbindungen, Verbundenheit, Freundschaft und Kooperation. Wenn es ein neues Buch sein soll, dann dieses!
Buchbesprechung «Widerstand und Übermut»
