Zwei junge Schweizer Wissenschaftlerinnen wollten wissen, wie es etwa 1975 um die Literatur von Frauen bestellt war: Ihr Buch «Widerstand und Übermut. Schweizer Schriftstellerinnen der 1970er Jahre» zeichnet nach, wie sich die schreibenden Frauen unterstützten und vernetzten.
Erinnern Sie sich, was Sie vor fünfzig Jahren gelesen haben? Hatten Sie Interesse an Schweizer Gegenwartsliteratur und, noch interessanter: Haben Sie Neuerscheinungen von Maja Beutler, Hanna Johansen, Gertrud Leutenegger, Laure Wyss oder Erica Pedretti gelesen – oder kennen Sie noch mehr Autorinnen aus jenen Jahren? Es gab sie damals, die Literatur schreibender Schweizerinnen, sie wurde auch gelesen, obwohl der damalige Werbeaufwand nicht zu vergleichen ist mit dem, was heute zur Vermarktung eines potentiellen Bestsellers ausgegeben wird.
Die beiden Autorinnen Nadia Brügger (geb. 1991) und Valerie-Katharina Meyer (geb. 1988), beide promovierte Literaturwissenschaftlerinnen, interessierten sich für die Lektüre ihrer Mütter bzw. Grossmütter und versuchten herauszufinden, warum wir uns an einige noch erinnern, viele jedoch vergessen gingen. «Wie kommt es eigentlich, dass so viele der Texte und Autorinnen, ohne die eine vollständige Literaturgeschichte der Schweiz nicht im Ansatz zu denken ist, im kollektiven Gedächtnis nicht überdauert haben.»
Eine jener damals jungen Schriftstellerinnen, Fleur Jaeggy (geb. 1940), erhält dieses Jahr den Grand Prix Literatur für ihr Gesamtwerk – eine späte Ehre. Das vorliegende Buch erschien im Frühjahr 2025, die Bekanntgabe, an wen der wichtigste Schweizer Literaturpreis verliehen würde, erfolgte wenig später.
Eine (nicht vollständige) Liste von mehr als dreissig Schriftstellerinnen haben die Autorinnen zusammengestellt: Werke, oft Erstlinge, die zwischen 1967 und 1984 erschienen sind: Von Anne Cuneo Gravé du diamant; das Prosadebüt von Erika Burkart Moräne. Der Roman von Lilith und Laurin; Ilma Rakusa Wie Winter; Laure Wyss Mutters Geburtstag und viele andere. – Wer die Bücher damals gelesen hat, erinnert sich vielleicht. Nicht vergessen wollen wir Eveline Hasler, die im Laufe der Jahre ihre verdiente Anerkennung erhielt, mit Novemberinsel, erschienen 1979.
Laure Wyss (1913 – 2002) Foto: © Limmatverlag; commons.wikimedia.org
Frühe feministische Ansätze
Wie selbstbewusst die Frauen auch in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten geworden sind, erkennen wir an der überaus deutlichen Kritik von Brügger und Meyer daran, wie über Literatinnen, Maja Beutler etwa im Jahre 1979, geurteilt wurde: «patriarchalisch» nämlich, ohne Bezug zum Text, sondern eher mit einem wohlwollenden Blick auf die weibliche Erscheinung. Dem setzen die Autorinnen die Wertschätzung gegenüber, die Schriftstellern damals zuteil wurde. Die Gründe für diese zögerliche Akzeptanz der Frauen in der Gesellschaft sehen Brügger und Meyer in der verspäteten Annahme des Frauenstimmrechts in der Schweiz und der fehlenden Gleichberechtigung.
Alice Rivaz im Jahre 1995, (1901 – 1998); commons.wikimedia.org
Wie konnten sich die schreibenden Frauen in den 1970er Jahren einen Platz und Anerkennung verschaffen: Sie eröffneten Frauenbuchläden, gaben Zeitschriften für ihre Belange heraus und gründeten eigene Verlage. Daraus entstand eine regelrechte «Frauenoffensive». Die Ideen dazu kamen aus Deutschland. Häutungen von Verena Stefan wurde damals zum Kultbuch der 68er und der Hippie-Kultur, und ebenfalls Gertud Leuteneggers Vorabend gelten den Frauen als wichtige Leuchttürme auf ihrem Befreiungsweg.
Gegenseitige Unterstützung
Ein ganzes Kapitel ist den Mühen der Frauen gewidmet, «gegen den patriarchalen Filz» anzukämpfen. In vielen Beispielen wird aufgezeigt, wie stark die überkommenen Strukturen in der Männergesellschaft verwurzelt waren. Die eigene literarische Familie in Vergangenheit und Gegenwart zu finden, sich sichtbar – lesbar – zu machen, das mussten die Frauen zuerst leisten. – Feministische Ziele kamen erst allmählich ins Visier.
Anna Felder im Jahre 2011 (1937 – 2023) schrieb Italienisch, stammte aus Lugano, unterrichtete in Aarau; commons.wikimedia.org
Schreibende Frauen begegneten ihren Kolleginnen, befreundeten sich und unterstützten sich zuweilen gegenseitig, der Briefwechsel zwischen Adelheid Duvanel und Maja Beutler sei als Beispiel genannt. Der wichtigste Fundort für Quellen dieser Art wurde das Marthe-Gosteli-Archiv in Worblaufen BE. Marthe Gosteli war bekanntlich eine der herausragendsten Mitstreiterinnen für Frauenrechte in der Schweiz. In ihrem Haus richtete sie ein Archiv für alle Dokumente zu diesem Thema ein, das heute zum wichtigsten Zentrum der gesellschaftspolitisch relevanten Frauenforschung geworden ist.
Wohnhaus von Marthe Gosteli in Worblaufen BE, heute Frauen-Archiv und Sitz der Gosteli-Stiftung (Foto mp)
Frauen – das angestrebte Lesepublikum
Wer ein Buch geschrieben hat, will es einem breiten Publikum zugänglich machen – kurz gesagt: Die Schriftstellerin braucht eine Verlegerin. Eine solche Pionierin war Ruth Mayer und ihre edition R+F. Sie war Schriftstellerin, Übersetzerin und Essayistin. Im vorliegenden Buch lesen wir, wie sie erzählt, dass Ingeborg Drewitz sie aufgefordert habe, statt einen Verlag zu suchen, selbst einen zu gründen. Das habe sie 1976 getan und den ersten Frauenverlag in der Schweiz gegründet. Dass dieser sogleich erfolgreich war, schon im Jahr danach einen Preis der Stadt Zürich erhielt, gab ihr den Mut, den ein solcher Start in die Freiberuflichkeit braucht. Ruth Mayer gab im gleichen Jahr eine Textsammlung Bewegte Frauen heraus, Beginn eines arbeitsreichen vielseitigen Lebens mit und für Frauenliteratur.
Literarische Beispiele
Der dritte Teil, mit etwas mehr als fünfzig Seiten gut gewichtet, bietet Texte über acht Autorinnen. An jeweils einem literarischen Beispiel zeichnen die Autorinnen ein Portrait. Hier kommen die literarischen Aspekte am besten zum Ausdruck. Hier können sich Lesende erinnern, wenn sie die Autorin schon kennen, oder eine weitere weibliche Stimme der Schweizer Literatur kennenlernen – und mit Glück – ein Buch von ihr zur Hand nehmen.

Anne-Lise Grobéty (1949 – 2010); Foto: Erling Mandelmann 1993; commons.wikimedia.org
Der feministische Standpunkt hat seit Mitte des letzten Jahrhunderts zweifellos sehr viel an Bedeutung gewonnen. Auch die Ungeduld, dass Frauen immer noch nicht in allen Lebenssituationen gleichwertig neben den Männern stehen, ist deutlich gewachsen. Dies zeigt sich im vorliegenden Buch allenthalben, auch im Titel: «Widerstand» der Frauen sieht die Schreibende in der Literatur der 1970er Jahren weniger, eher den Willen, selbstständig zu sein, auf eigenen Beinen zu stehen, etwas Eigenes zu schaffen.
Manchmal – je nach Temperament – kommt dabei «Übermut» auf. Humor oder Satire können nötig sein, um unerträgliche Zustände aufzudecken. Nadia Brügger und Valerie-Katharina Meyer schreiben als Nachgeborene und urteilen aus heutiger Sicht. Der Schreibenden, die die 1970er Jahre bewusst erlebt hat, fehlt in den Erörterungen der historische Blick. Immerhin wird klar, dass «Frauenliteratur» die verstaubten drei K (Küche, Kinder, Kirche) definitiv hinter sich gelassen hat.
Nadia Brügger, Valerie-Katharina Meyer: Widerstand und Übermut. Schweizer Schriftstellerinnen der 1970er-Jahre. Verlag Hier und Jetzt Zürich 2025. 240 Seiten. 50 farbige und schwarzweisse Abbildungen. ISBN 978-3-03919-632-6
Hinweis: 16.9.2025 in Luzern: Lesung: Widerstand und Übermut
Marthe-Gosteli und ihr Engagement für Frauenrechte
Titelbild: pixabay.com
