StartseiteMagazinGesellschaftKakao, Tabak, Kokosnüsse - alles Kolonialwaren

Kakao, Tabak, Kokosnüsse – alles Kolonialwaren

Erinnern Sie sich an alte Zeiten, als es noch Spezialitäten gab, die als Kolonialwaren bezeichnet wurden und nur in besonderen Geschäften angeboten wurden? Die Autorin Hilde Link erzählt davon in ihrem Buch Kolonialwaren. Schokolade, Tabak und das Kind aus Indonesien.

In den 1940er Jahren konnten Passantinnen und Passanten auf ihrer Einkaufstour im Zürcher Niederdorf ein kleines Mädchen im Schaufenster eines Kolonialwarenladens sitzen sehen. Die kleine Corinna musste nichts verkaufen, nicht einmal besonders auf sich aufmerksam machen. Es genügte, dass sie dort sass, wenn sie nicht in der Schule war, das war Blickfang genug. Denn die Kleine hatte pechschwarze Haare, zwar eine helle Haut, aber an den Gesichtszügen war zu erkennen, dass ein Elternteil aus Asien stammte. Und die Besitzer erhofften sich dadurch die dringend benötigte Umsatzsteigerung.

Hilde Link erzählt in ihrem Buch von der Kindheit des Mädchens Corinna, und wie sie in die Schweiz kam zur Familie ihrer Tante, der Schwester ihres Vaters. Wilhelm, so wird der Vater im Buch genannt, ist Plantagenverwalter einer grossen holländischen Handelsgesellschaft auf Sumatra und daneben Schweizer Honorarkonsul in Medan, der Hauptstadt eines Teils von Sumatra, damals noch eine holländische Kolonie.

Die Autorin erzählt aus Corinnas Perspektive. Das überzeugt vollkommen, denn Corinna ist ein aufgewecktes Mädchen. Sie lernt schnell und sieht, was um sie herum vorgeht, ohne sich mehr als notwendig vorzuwagen. Daneben erfahren wir auch, was die anderen Personen denken und fühlen – und wo sie, aus heutiger Sicht erschreckend, im kolonialen Denken verfangen sind. So nennt die durchaus freundliche und fürsorgliche Verkäuferin im Kolonialwarenladen Corinna nur «mein kleines Negerlein». Ob Asien oder Afrika, das wusste sie nicht zu unterscheiden.

Im Vorwort, das Sie nicht überspringen sollten, denn hier erklärt die Autorin ihr Vorgehen, schreibt Hilde Link, wie es sie jedes Mal berührte, wenn die 94jährige Corinna auf die Frage, wie es ihr gehe, stets antwortete: «Jeden Tag ein wenig besser.» Das Fazit ihres Lebens war für die alte Frau: «Ich habe es gut gehabt im Leben, in Sumatra und in der Schweiz.» – Daran werden Sie bei der Lektüre denken. Zum Schutz der Personen sind die Namen übrigens fiktiv. Die Autorin stützt sich auf Fakten und muss für den Fluss der Erzählung einiges dazu erfinden. Deshalb nennt sie das Buch Romanbiografie.

Stüssihofstatt, Zürich-Niederdorf

Dr. phil. Hilde Link wurde in München geboren, studierte Ethnologie, Philosophie und kath. Theologie. Sie arbeitete in Forschung und Lehre in Berlin, München, an der Pondicherry University in Indien und der Università della Svizzera italiana in Lugano. Forschungsreisen führten sie nach Indien, Mauritius, Kambodscha und Sumatra. Sie hat zahlreiche Bücher geschrieben. Nach dem Tsunami 2004 gründete sie mit ihrem Mann Matthias Laubscher das Hilfsprojekt Prana, das mit dem Cusanus-Preis ausgezeichnet wurde. Sie lebt bei Lugano und in München. – Mit Fug und Recht können wir Lesenden davon ausgehen, dass die Autorin über Land und Leute Bescheid weiss.

Corinna wächst im kolonialen Herrensitz Patumbah in idyllischer Umgebung nahe Medan auf. Eines Tages wird sie entführt, wie sie meint. Ihre malaiische Mutter Aminah ist nicht da – Corinna wird sie nie mehr wiedersehen. In Wahrheit ist alles geplant, ihr Vater will sich absetzen und sorgt vorher noch für eine gute Erziehung seiner Tochter – in einem katholischen Internat in Medan, drakonisch geführt von holländischen Missionsschwestern. Ihr Vater hatte ihr früher erklärt, dass sei ein Heim für Kinder, die niemand haben wolle.

Kein Wunder, dass die bisher liebevoll umsorgte Corinna sich dort nicht wohlfühlen wird, wären da nicht Schwester Peregrina und eine neue Freundin Gisela, zu deren Familie Corinna später am Wochenende fahren darf. Dort lernt sie auch viel über die Ureinwohner Sumatras, die Batak, die durch die Kolonialherren von ihrem Land vertrieben worden waren. – Die Ethnologin Hilde Link weiss über die Heilkunst der Batak Spannendes zu berichten.

Batak Karo Gräber in Tigapanah, Karo.

Im Internat geschieht während Corinnas Anwesenheit vieles, was die Kleine noch nicht einordnen kann. Der Kolonialismus und – neu – sogar nationalsozialistische Einstellungen sind in den späten 1930er Jahren unangefochten. Schliesslich wird Corinna mit der Lehrerin Fräulein Meyer auf dem italienischen Ozeandampfer Conte Verde nach Europa verschickt, zu ihrer Tante Johanna und deren Mann Urs, die im Zürcher Niederdorf einen Kolonialwarenladen führen. Corinna erkältet sich im kalten Zürich und muss das Bett hüten, ehe sie, wie schon erwähnt, Kunden und Kundinnen auf den Laden aufmerksam machen kann. Als Trost erhält sie ein Buch, das schnell ihr liebstes wird: Johanna Spyri, Heidis Lehr- und Wanderjahre. Über das Ende – eine echte Überraschung – soll hier nichts verraten werden.

Mit der SS Conte Verde ist Corinna, begleitet von Fräulein Meyer, von Singapur nach Venedig gereist. Das Schiff wurde im Verlauf des 2. Weltkriegs 1944 versenkt.

Das Buch ist sehr gut recherchiert, nicht nur das Leben auf Sumatra, sondern auch die Schiffsreise und das Leben in der Schweiz. Hilde Link ist eine erfahrene Forscherin, aber auch eine ausgezeichnete Schriftstellerin, meint die Schreibende. Corinnas Geschichte berührt, es gibt aber auch immer Momente zum Schmunzeln. Die Kunst der Autorin, den Stoff fesselnd und überzeugend darzustellen, einen wunderbaren Bogen vom Beginn zum Ende des Romans zu spannen, macht die Lektüre uneingeschränkt empfehlenswert.

Hilde Link: Kolonialwaren. Schokolade, Tabak und das Kind aus Indonesien. Zytglogge Verlag 2025, 304 Seiten. ISBN: 978-3-7296-5201-9

Titelbild: Hamburger Kolonialwarenladen um 1830. Objekt im Museum für Hamburgische Geschichte.  Alle Fotos: wikimedia.org

 

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