StartseiteMagazinGesundheitWohlbefinden ist mehr als Gesundheit

Wohlbefinden ist mehr als Gesundheit

Für Max Weier (72) ist die WHO-Definition der Gesundheit von 1946 als ein «Zustand völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens» nicht utopisch, sondern ganzheitlich. Er meint, dass wir von östlichen spirituellen Traditionen viel lernen können.

Seniorweb: Max Weier, Sie befassen sich seit vielen Jahren mit den spirituellen Traditionen Asiens. Was haben Sie wo studiert und praktiziert?

Max Weier: Ich habe bereits mit 18 in einem der ersten Yogastudios der Ostschweiz angefangen, Hatha-Yoga zu üben. In der Anfangszeit des Yoga im Westen wurde diese alte Tradition noch ganzheitlich praktiziert. So haben wir neben Atem- und Körperübungen auch immer eine Viertelstunde meditiert. Später habe ich mich dann in Europa, Asien und in den USA intensiv mit Qigong beschäftigt. Ich habe mir, soweit es möglich war, Lehrer ausgesucht, die sich nicht nur auf den Gesundheitsaspekt fokussierten, sondern auch die geistige Dimension einbezogen.

Wie sieht Ihre Praxis heute aus?

Ich übe seit gut 50 Jahren, wenn möglich zweimal pro Tag. Immer am Morgen, und wenn es geht, auch abends vor dem Abendessen.

Max Weier (72) praktiziert und unterrichtet Yoga, Qigong, taoistische Energiearbeit und Meditation. (Foto bs)

Haben sich die Übungen im Laufe der Zeit verändert?

Ja, die Übungen haben sich im Laufe der Zeit verändert. Alte Übungen sind verschwunden, neue Übungen habe ich integriert. Ich lerne immer noch. Damit das Üben frisch bleibt, übernehme ich immer wieder mal neue Impulse, so dass sich keine Routine einschleicht. Die Frische der Übungen erhöht die Präsenz und dadurch die Wirkung auf Körper und Geist.

Werden Sie irgendwann mit Üben aufhören?

Nein, ich höre nicht auf zu praktizieren, aber ich werde die Praxis den jeweiligen körperlichen und psychischen Begebenheiten anpassen.

Was sind aus Ihrer Erfahrung die positiven Effekte der Yoga- und Qigong-Praxis?

Mein Körper ist flexibler und durchlässiger geworden. Meine Wahrnehmung für die eigene Befindlichkeit und für die Welt hat sich gesteigert. Meine Vitalität hat sich verbessert. Mein Geist ist ruhiger und zentrierter geworden. Ich erfahre, wenn ich übe, öfters die beglückende Einheit von Körper und Geist.

Was raten Sie jemandem, der nach der Pensionierung Yoga praktizieren will?

Da würde ich vor allem eine sanfte Form von Yoga praktizieren. Es gibt Yoga-
Angebote, die speziell für ältere Menschen konzipiert sind. Ich selbst bin auf eine sehr sanfte Art des Yoga gestossen, auf das sogenannte Yin Yoga. Dabei entspannt man sich in einer bestimmte Yoga-Position (Asana) und entfaltet so eine starke Wirkung auf den Energiekörper und den Geist. Hier verwirklicht sich eines der Hauptziele des Yoga, nämlich die Harmonie zwischen Körper und Geist.

Worauf ist zu achten, wenn man sich auf Qigong einlassen will?

Heutzutage wird Qigong in erster Linie als Gesundheitsübung angeboten, wobei der geistige Aspekt der taoistischen Tradition, auf dem Qigong eigentlich fusst, ausgeklammert wird. Aber das Besondere am Qigong ist folgendes: Die Balance von Yin und Yang, eines der taoistischen Bestrebungen im Qigong passiert durch die Praxis automatisch. Die Übungen sind so konzipiert, dass sich Körper und Geist harmonisieren und man einen psychophysischen Zustand der Offenheit und Wachheit erfährt. Dadurch kann eine tiefe Stille und eine Verbundenheit mit allem Leben erfahren werden.

Gelegentlich praktiziert Max Weier Qigong draussen, hier im verschneiten Toggenburg (Foto © Ulrike Hansen)

Braucht es denn, um diese Wirkungen des Qigong zu erfahren, keine Kenntnis des theoretischen Überbaus.

Nein, man muss nicht Bücher lesen über den theoretischen Hintergrund von Qigong, man kann direkt in die Qigong-Praxis einsteigen. Wenn man den Hintergrund integrieren möchte, müsste man sich einlesen oder eine Lehrperson finden, die auch die taoistischen Prinzipien vermittelt. Dadurch würden Qigong-Übungen um einiges wirkungsvoller werden, ganz klar.

Das eigene Wohlbefinden wird auch gestärkt durch die Erfahrung der Verbundenheit und der Praxis des Mitgefühls mit andern und der Welt. Inwiefern greift die Sorge um die bloss eigene Gesundheit zu kurz?

Der westliche Fitnesskult ist in erster Linie auf den Körper fixiert und verstärkt dadurch die Fixierung auf die Ego-Persönlichkeit und ihren vergänglichen Körper. Qigong-Übungen eröffnen durch die Wachheit und Ruhe einen Raum, der über das kleine «Ich» hinausgeht, einen Raum von Gewahrsein und zugleich tiefer Verbundenheit.

Verwurzelt sein und sich dem Universum öffnen (Foto © Ulrike Hansen)

Die westliche Medizin hat in den letzten Jahren im Kampf gegen Krankheiten und Unfallfolgen enorme Fortschritte gemacht. Könnte man sagen, die westliche Medizin hat sich stark entwickelt in der reparativen Behandlung von Krankheiten und Gebrechen? Östliche Praktiken wie Yoga, Qigong und Achtsamkeitspraktiken haben eine hervorragende präventive Wirkung und fördern die Gesunderhaltung des Einzelnen und der Gesellschaft.

Das kann man so sagen. Es ist zu hoffen, dass in der westlichen Medizin die Konzentration auf das Funktionieren des Körpers erweitert wird auf psychische und spirituelle Dimensionen der Gesundheit und des Wohlergehens. Da können Impulse aus östlichen Traditionen wertvolle Dienste leisten.

Max Weier, vielen Dank für das Gespräch.

Max Weier (72) ist in der Schweiz aufgewachsen und hat sich seit seinem zwanzigsten Lebensjahr in Theorie und Praxis mit verschiedenen buddhistischen Traditionen befasst: Zen, Vipassana, tibetisches Vajrayana, Daoismus. Seit 1998 unterrichtet er weltweit taoistische Energiearbeit und Meditation.

Website von Max Weier

Titelbild: Max Weier bei einer Qigong-Übung im Alpstein. Im Hintergrund der Schäfler (Foto © Josef Zuber)

 

 

 

 

Spenden

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, Sie zum Denken angeregt, gar herausgefordert hat, sind wir um Ihre Unterstützung sehr dankbar. Unsere Mitarbeiter:innen sind alle ehrenamtlich tätig.
Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie uns, die Website laufend zu optimieren, Sie auf dem neusten Stand zu halten. Seniorweb dankt Ihnen herzlich.

IBAN CH15 0483 5099 1604 4100 0

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Newsletter & Mitgliedschaft

Lernen Sie uns über den kostenlosen Newsletter kennen und werden Sie Mitglied von Seniorweb.

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Reduzierter Preis beim Kauf einer Limmex Notfall-Uhr
  • Vorzugspreis für einen «Freedreams-Hotelgutschein»
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-