In den Stadtzürcher Gesundheitszentren für das Alter gilt ein neues Preissystem – das viele Menschen vom Eintritt in diese Institutionen abhalten wird.
In den Stadtzürcher Gesundheitszentren für das Alter werden Bewohner, die nicht pflegebedürftig sind, neuerdings in eine kostenpflichtige Pflegestufe eingeteilt. Insgesamt wird das für die Stadt voraussichtliche Mehreinnahmen von 1,4 Millionen Franken geben, die zulasten der Krankenversicherungen gehen. In zwei Jahren werden diese selbstständigen Bewohnerinnen zusätzlich eine Eigenbeteiligung zahlen müssen, die der Stadt weitere zwei Millionen Franken in die Kasse spült.
Es handelt sich um eine Systemumstellung zu einem neuen Pflegeerfassungssystem. Die NZZ spricht von einer «wundersamen Geldvermehrung». Im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» bezeichnet Renate Monego, die Direktorin der Gesundheitszentren, diese Umstellung als unumgänglich. Sie finde in der ganzen Schweiz statt.
Diese Aussage erstaunt. Die Situation könnte doch ganz einfach geregelt werden: Bewohnerinnen ohne Pflegebedarf werden in diesem System (noch) nicht erfasst. Erst wenn Pflege geleistet wird, erfolgt eine Einstufung – und es muss bezahlt werden.
Die Direktorin der Gesundheitszentren erklärt im Interview weiter: «Aber wenn ich bei einer Bewohnerin nachfrage, wie es dem Knie gehe, ob sie beim Arzt gewesen sei und ob es Nebenwirkungen der Medikamente gebe, gilt das als Pflegegespräch.» Folglich wird es nun verrechnet. Doch es ist fragwürdig, wenn eine Gemeinschaft menschliche Kontakte verrechnet, nur weil dabei die Gesundheit ein Thema ist. Pflegestufe statt Menschlichkeit?
Wo Profis im Umgang mit Menschen zu Technokraten werden, entwickeln sich häufig starre Regeln und Systeme, die wichtiger sind als flexible Lösungen. Die neue Zürcher Altersstrategie scheint es darauf anzulegen, dass künftig nur noch pflegebedürftige Menschen in die Gesundheitszentren eintreten. «Ambulant vor stationär» ist die Zauberformel. In die bisherigen Alterszentren konnten Personen eintreten, die eine fragile Gesundheit hatten, aber noch nicht pflegebedürftig waren.
Der Pflegebedarf ist zwar ein wichtiger Faktor; aber er ist nicht der einzige. Wenn sich Menschen in die schützende Obhut einer Institution begeben, hat das erfahrungsgemäss verschiedene Gründe. Sie fühlen sich nicht mehr sicher in der eigenen Wohnung. Es fehlen ihnen Anregungen, sie ernähren sich mangelhaft, oder sie finden, dass die Spitex ihren sozialen Bedürfnissen nicht genügt.
Dazu kommt, dass in der Stadt Zürich alten Menschen häufig die Wohnung wegen einer Haussanierung gekündigt wird. Sie finden oft keine Wohnung mehr, da sie für Immobilienverwaltungen keine attraktiven Mieter sind. So bleibt der Gang ins Alterszentrum häufig die einzige Alternative. Es kann doch nicht sein, dass all diesen Menschen der Zugang zu einem Gesundheitszentrum verwehrt wird. Auch alte Menschen wollen wählen können und selbstbestimmt leben.
Die Frage drängt sich auf: Wo ist die Lobby in der Gesellschaft und in der Politik, die sich für diese Menschen einsetzt.
Ueli Schwarzmann war von 1995 bis 2011 Direktor der Alterszentren der Stadt Zürich.
