Tief bewegend und mit stiller Wucht steigert sich der kraftvolle und minimalistische Dokumentarfilm «Qui vit encore» des Schweizer Filmemachers Nicolas Wadimoff zur traurigen Litanei über eine humanitäre Katastrophe. Eine Landkarte auf dem Boden skizziert die Umrisse von Gaza, wo die Akteure des Films einst wohnten und von wo sie jetzt erzählen: Palästinenserinnen und Palästinenser, die aus dem zerstörten Gazastreifen nach Ägypten geflohen waren. Der Film hat am 28. Januar 2026 an den 61. Solothurner Filmtagen den Prix de Soleure gewonnen. Meine Gratulation!
Auf einer mit weisser Kreide auf schwarzen Boden gezeichneten Karte werden wir in die Städte und Dörfer von Gaza eingeführt, was formal an Lars van Triers Film «Dogville» erinnert. In diesen Rahmen erzählen neun Männer und Frauen aus den Orten, woher sie kommen, von ihrem früheren Leben und vom Verlust geliebter Menschen und ihrer Häuser. Die bei «Qui vit encore» Mitwirkenden lebten in der Gemeinschaft integriert und gut situiert und konnten, zum Teil für viel Geld, fliehen, bevor die israelische Armee im Mai 2024 die Grenze bei Rafah schloss ‒ und alles rund herum, und schliesslich im ganzen Land, in Schutt und Asche versank. Während sie zu uns und miteinander sprechen, werden sie wieder Teil einer Gemeinschaft ‒ und für Momente aufgehoben in ihrem früheren Leben, verbunden mit dem Land, der Familie und den Freunden. Nicht nur ihre Vergangenheit wurde zerstört, auch das Leben und die Kultur von Gaza.
Der Dreh hätte in der Schweiz stattfinden sollen, doch unsere Behörden verwehrten den Mitwirkenden die Einreise, er wurde nach Südafrika verlegt, das die Palästinenser aus Gaza auch ohne Visum empfing.

Der Film ist intim, menschlich, über Gaza und gleichzeitig universell, erzählt von Menschen, die hoffen, das Land in Zukunft vielleicht wieder aufbauten zu können: Unternehmerinnen und Unternehmer, ein Musiker, eine Ärztin, Manager, ein Museumsdirektor, eine Filmemacherin und eine Influencerin. Mit ihren Augen entdecken wir eine Realität, die im Kino nur selten gezeigt wird, geprägt von Widerstand und Trauer, Kreativität und Hoffnung.
Der tief humanistische Film, der seine internationale Premiere in der renommierten Sektion Giornate degli Autori in Venedig feierte, hat grosse emotionale Resonanz ausgelöst und den Preis The Cinema & Arts 2025 gewonnen. Auch auf der Mostra Internacional del Cinema de São Paulo wurde er für seine erzählerische Kraft und seine gesellschaftliche Relevanz gewürdigt.
Wie nur selten, spricht dieser Film, auch wenn den Menschen manchmal die Stimme versagt, Tränen weggewischt oder heruntergeschluckt werden müssen. Sie machen uns bewusst, was Heimat für sie bedeutet, auch wenn eine diabolische Gewalt alles plattwalzt.

Nicolas Wadimoff, der Regisseur
Nach seinem Filmstudium in Montreal und ersten Dokumentar- und Spielfilmen sowie TV-Beiträgen gründete Nicolas Wadimoff (*1964) Akka Films, die zahlreiche palästinensische Projekte produzierte und realisierte. Mit «Aisheen ‒ Still alive in Gaza» war er 2010 an der Berlinale; «Operation Libertad» lief 2012 an der Quinzaine in Cannes, «Spartaner» gewann 2014 den Solothurner Filmpreis und «L’Apolon de Gaza» eröffnete 2018 die Kritikerwoche in Locarno.

Kommentar des Regisseurs
Was die Überlebenden von Gaza durchgemacht haben, lässt sich nicht in Worten fassen. Manchmal sagen Gesten, das Atmen und Schweigen mehr. Unsere Worte scheinen angesichts dieser systematischen Zerstörung machtlos. Es geht nicht um politische Lager, sondern darum, die Geschichten eines Volkes zu erzählen, das schon oft entmenschlicht wurde. Zuhören, beobachten, fühlen – geschundene Körper, verwundete Seelen, zerstörte Hoffnung. Der Film verbindet wie über eine Brücke das Intime mit dem Kollektiven. Er ist ein Aufruf, gemeinsam das Undenkbare zu denken, Menschlichkeit zurückzugewinnen, damit Leben bleibt – dort und hier.
Ergänzende und weiterführende Beiträge zu Gaza
Da nach meiner Wahrnehmung wenige Informationen, oder besser viele Fehlinformationen, über Palästina und Israel kursieren, soll zum Schluss, hoffentlich, einiges nachgebessert werden:
PS 1: Im Hintergrund der Diskussionen über Gaza steht, ausgesprochen oder unausgesprochen, immer wieder die Meinung, dass der Gaza-Krieg nach dem Überfall der Hamas vom 7. Oktober 2023 begonnen habe. Ohne dieses Massaker leugnen zu wollen, muss jedoch, historisch verbürgt, gesagt werden: Der Krieg zwischen Israel und Palästina mit der Nakba, der Vertreibung und Flucht von mehr als 700.000 Palästinensern, hat im Jahre 1948, begonnen. Dies schildert über drei Generationen der Spielfilm «All That’s Left of You» der Regisseurin und Hauptdarstellerin Cherien Dabis auf verständliche und eindrückliche Weise, ergänzt mit der ersten Intifada von 1987 bis 1990, die ich selbst in Jerusalem und Bethlehem erlebt habe, und der zweiten Intifada von 2000 bis 2005. ‒ Vorgängig ist noch festzuhalten, dass 1947 die Vereinten Nationen beschlossen, Palästina zu teilen und jeweils einen Staat für die jüdische und einen Teil für die arabische Bevölkerung zu errichten, worauf die Juden 1948 ihren Staat Israel ausriefen.
PS 2: Eine andere Sicht als unser Film bietet «Inside Gaza», eine Arte-Sendung, ausgestrahlt am 2. Dezember 2025, in der Arte-Mediothek weiter erhältlich. Die Dokumentation rückt jene in den Fokus, welche die Lage in Gaza tagtäglich dokumentieren: Journalistinnen und Journalisten, die mit Fotos, Texten und Filmen berichten, und mit Fassungslosigkeit, Verlusten, Überleben und einem Gefühl der Ohnmacht, mit dem die Menschen in Gaza ihre Arbeit verrichten.
PS 3: DAS MAGAZIN, N° 46 vom 15. November 2025, 11 Seiten, Tamedia Zürich, mit dem Titel «Waffenstillstand. Es fällt schwer, zu feiern, wenn Freude und Trauer dasselbe Gesicht haben. Und doch löst sich etwas in mir, es fühlt sich an wie zurückkehrender Atem». Yara und Tareq, zwei Teenager, schreiben über ihr Leben in Gaza. Ein erschütternder Bericht, der in England als Buch erschienen ist und bei uns übersetzt und gekürzt übernommen wurde.
PS 4: Die Gesellschaft Schweiz Palästina informiert regelmässig über die Situation in Israel/Palästina mit aktuellen Meldungen über Veranstaltungen in der Schweiz und Besuche von Menschen aus Palästina bei uns.
PS 5: Das Café Palästina, eine Einrichtung, die seit 2010 über das Leben in Palästina informiert, monatliche Veranstaltungen mit Gästen aus dem Land organisiert, palästinensisches Essen anbietet und Hinweise auf Mahnwachen usw. macht.
PS 6: Palästina-Info ist eine vierteljährlich erscheinende, gut recherchierte Publikation über Palästina und Israel, auf Print und Internet.
Regie: Nicolas Wadimoff, Produktion: 2025, Länge: 114 min, Verleih: Firsthandfilms
