StartseiteMagazinKulturDas Video - Licht lässt Farben und Formen tanzen

Das Video – Licht lässt Farben und Formen tanzen

Die Neugier, wie das Video in der Kunst angewendet werden kann, bewegt Künstlerinnen und Künstler, seit die Video-Technik erfunden war. Das Aargauer Kunsthaus und das Kunstmuseum Solothurn zeigen gemeinsam Videokunst aus den letzten vier Jahrzehnten.

Mehr Licht. Video in der Kunst lautet der Titel dieser Doppelschau. Ohne (künstliche) Lichtquelle, also auch ohne Elektrotechnik, ist nichts zu sehen. Daran haben wir uns in den letzten Jahrzehnten gewöhnt: Unser Alltag bricht ohne Elektrizität fast immer und fast überall zusammen. – Da ist es selbstverständlich, dass auch Kunst, Videokunst, dieser Einschränkung unterworfen ist. Faszinierend jedoch, was Künstlerinnen und Künstler mit Licht und Videokamera zuwege bringen.

In den beiden Ausstellungen sehen die Museumsbesucherinnen und -besucher nicht nur die unterschiedlichsten Videowerke, sondern auch Installationen, in die ein Video oder mehrere integriert sind. In Solothurn werden wir gleich im 1. Saal (s. Titelbild) mit einem ironischen Werk von Hannes Vogel, Lichthof (1984) konfrontiert: Sieben gleiche Fernsehgeräte stehen wie dicke Perlen im Kreis. – Die Bildschirme sind leer. Der Künstler steht dem Medium Fernsehen nämlich kritisch gegenüber. Hier hinterfragt er den Anspruch dieses Mediums, unsere Wahrnehmung und folglich unsere Ansichten zu beeinflussen.

Zwei Schritte weiter entdecken wir eine ganz einfache Installation: One Candle (1988), von Nam June Paik (1932-2006). Eine reale Kerzenflamme wird von einer laufenden Videokamera aufgenommen und als stets wechselnde Formen und Farben an die Wände projiziert – zugleich Poesie pur und ein Symbol der Vergänglichkeit.

Emmanuelle Antille (*1972), The Underways 2025, Videoinstallation. Projektion auf Landkarten HD 16:9, Ton, 42’ © Emmanuelle Antille. Foto: Sebastian Verdon

Das Eröffnungswerk in Aarau ist eine grosse Installation des koreanischen Künstlers Nam June Paik: Fire Place (1992). Zerbrochene und funktionierende Monitore liegen auf einem Haufen. Die flackernden Bildschirme vermitteln Unruhe und Verwirrung. Daneben sehen wir Fernsehabend (1981/85) von Guido Nussbaum (*1948). Der Künstler und seine Frau sitzen vor dem Fernseher, dem Garant für einen gemütlichen Abend.

Dieter Roth (1930-1998) Solo Szenen. (1997/98) Videoinstallation. 3 Holzgestelle. 131 Monitore mit Abspielgeräten. SD 4:3 Ton Dieter Roth Estate. Courtesy Hauser&Wirth. Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solothurn. Foto: Stefan Holenstein

In Solothurn hat Pipilotti Rist (*1962) Das Zimmer (1994 / 2026) gestaltet, wo Videoarbeiten der Künstlerin zu sehen sind – auf Sitzbänken für Giganten. Wie beeinflusst das unsere Wahrnehmung? So müssen sich Kleinkinder fühlen. Dazu gibt es eine extragrosse Tastatur, um das Videoprogramm zu wechseln. – Ich fühlte mich daran erinnert, dass überforderte Eltern ihre Kleinkinder vor den Fernseher platzierten, um die Kinder zu beruhigen.

Pipilotti Rist, Schminktischchen mit Feedback (1993) Foto mp

In Aarau ist von Pipilotti Rist ein «Schminktisch mit Feedback» (1993) zu sehen mit einem winzigen Bildschirm, der witzige Verzerrungen produziert.

Eine beeindruckende, surreale Installation füllt in Solothurn einen Saal im Parterre-Ostflügel: Yves Netzhammer (*1970) Adressen unmöglicher Orte (2009 / 2026). Es ist ein Konzentrat dessen, was in der umfangreichen, speziell für diese Ausstellung neu inszenierten Installation von allen Seiten zu entdecken ist. Es geht um Wut, Zerstörung, Einsamkeit, Krankheit und Tod, aber auch um Empathie als Reaktion und um die Frage, was Realität, was Traum ist. Mehrere Bildschirme zeigen «Unmögliches»: Statt wirklicher Hände sieht man aufgeblasene übergrosse Plastikgliedmassen. Oder in einem anderen Video einen Tisch, der seine Beine bewegen und scheinbar tanzen kann, daraus entwickeln sich andere künstliche Wesen. Angesichts der Ereignisse in der realen Welt berührt diese Installation umso mehr.

Susanne Hodler (*1970), Vorstadt 2008 / 2026. Videoinstallation, diverse Gegenstände. Projektion SD, 4:3, ohne Ton, 5’’04’ Foto mp

Wir fragen uns vielleicht, was das Video vom Film unterscheidet. Der Film entstand früher und wurde, bis das Digitalzeitalter anbrach, auf Zelluloidstreifen fixiert, während das Video, ähnlich wie Tonaufnahmen, auf einem Magnetstreifen festgehalten wurde. Es ist nicht immer ganz einfach, ältere, vielleicht 40jährige Videos instand zu halten, um sie 2026 wieder zeigen zu können, erklärt Künstler und Kurator Aufdermaur.

Im Video manifestiert sich überdeutlich, was eigentlich für alle Kunstwerke gilt: Wenn wir sie nicht betrachten, uns damit auseinandersetzen, bewirken sie nichts. Ein Video braucht Publikum und eine Stromquelle, um wahrgenommen zu werden. In den Anfangsjahren waren viele Museen meist nicht so gut ausgerüstet, um ständig ein oder gar mehrere Videos zeigen zu können. Im Aargauer Kunsthaus und in Solothurn ist man gut gerüstet.

Wer sich für die Geschichte des Videos interessiert, dem sei das Graphische Kabinett in Solothurn empfohlen. Reinhard Manz (1951-2022), selbst Videokünstler, erklärt und kommentiert die Entwicklung in seiner Videoschau Vom Fortschritt 1990. Neben dieser Präsentation steht ein langer Tisch, wo wir ganz konkret sehen können, wie sich die Kameras und Geräte verändert haben.

Silvie Defraoui, Tide 1994. Videoinstallation. Projektion auf Marmor und Kochsalz. SD 4:3, ohne Ton 22’10. Ankauf der Freunde und Freundinnen des Kunstmuseums Solothurn 2014. Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solothurn. Foto: Stefan Holenstein

Es ist unmöglich, die Vielzahl der Objekte und Installationen einzeln zu beschreiben, sei es in Aarau oder in Solothurn. In beiden Museen liegen ausführliche Saaltexte aus, die sehr gute Erklärungen liefern. Reizvoll ist es, einzelne Künstlerinnen oder Künstler, die besonders beeindruckt haben, im anderen Museum mit einer anderen Arbeit wiederzuentdecken.

Da ist der bekannte Appenzeller Roman Signer (*1938): Seine Installation im Wasserturm (2001) mit zwei blauen Tonnen hat im Aarauer Untergeschoss in der Mitte der Wendeltreppe den idealen Platz gefunden. In Solothurn sehen wir im Obergeschoss ein Werk, das Signer zusammen mit Bernhard Tagwerker (1942-2024) geschaffen hat: Bodensee und Säntis (1975) – eine Neuinterpretation Hodlerscher Landschaftsgemälde, die dort ihren ständigen Platz haben.

Ursula Palla, Sunflower 2 (2013 / 14)  Foto mp

Ursula Palla (*1961) zeigt in Solothurn Rosenblüten, die sich öffnen: Rosegarden (2008), die einzelnen Blütenblätter wirken dabei fast, als würden sie der Besucherin zublinzeln. In Aarau zeigt Palla eine raffinierte und zugleich einfache Installation: An einer Wand steht eine dunkelblaue Vase, die sich verändernden Sonnenblumen darin werden an die Wand projiziert.

Videokunst mag als junge Kunst gelten, die ausübenden Künstlerinnen und Künstler sind eher experimentierfreudig als «alt», so berühmte Seniorinnen wie Silvie Defraoui und Ingeborg Lüscher mögen als Beispiel dienen.

Im Untergeschoss des Aargauer Kunsthauses weist Simona Ciuccio auf Mario Sala (*1965) hin. Er zeichnet auf einem Blatt ein Schlafzimmer aus verschiedenen Perspektiven gleichzeitig und überwindet scheinbar spielerisch unsere Vorstellung der Darstellung. Ein grosses Gemälde White Bunch wirkt, als würden sich Pferde und Reiter bewegen. Bewegung ganz ohne Video.

Judith Albert (*1969), mare mosso (Detail Videostill), 2015. 1-Kanal-Video, Farbe, Ton, 3’44». Aargauer Kunsthaus / Ankauf. Mit Genehmigung der Künstlerin © 2025, ProLitteris, Zürich

Das grosse Vorhaben der beiden Museen an der Aare erfordert eine entsprechend grosse Arbeitsgemeinschaft, in Aarau: Aufdi Aufdermaur (Videocompany), Simona Ciuccio (Leiterin des Aargauer Kunsthauses), Tessa Prati (Wiss. Mitarbeiterin); in Solothurn: Tuula Rasmussen (Wiss. Mitarbeiterin), Katrin Steffen (Direktorin Kunstmuseum) und Karin Wegmüller (Videocompany).

Beide Museen bieten ein umfangreiches Begleitprogramm an.

Mehr Licht. Video in der Kunst.
Im Kunstmuseum Solothurn bis 17. Mai 2026
im Aargauer Kunsthaus bis 25. Mai 2026

Titelbild: Ausstellungsansicht. Raum 1. Werke von Hannes Vogel und Nam June Paik. Kunstmuseum Solothurn. Foto: Sebastian Verdon

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