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Wo bleibt das Licht

Kurz nach ihrem 80. Geburtstag las Ilma Rakusa im Januar in Zürich aus ihrem neuen Buch «Wo bleibt das Licht», stellte sich den Fragen des Literaturwissenschaftlers Thomas Strässle und kam mit der Leserschaft beim Signieren ihres Buches ins Gespräch.

Ilma Rakusa ist 1946 in der Slowakei geboren, kam 1951 mit ihrer Familie nach Zürich und wurde Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Übersetzerin aus dem Französischen, Russischen, Serbokroatischen und Ungarischen in die deutsche Sprache. Von 1977 bis 2006 war sie Lehrbeauftragte am Slawischen Seminar der Universität Zürich. Für ihr reichhaltiges Schaffen als Schriftstellerin und Übersetzerin erhielt sie viele Auszeichnungen und Ehrungen.

In ihrer Dankrede zur Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises (2025) sagte sie zu ihrer sprachlichen Heimat: «Eingewandert bin ich in die Schweiz, eingewandert auch in die deutsche Sprache. Doch ein Heimatgefühl empfinde ich nur gegenüber der Sprache. Die mich grosszügig aufgenommen hat und die ich freudig an- und aufgenommen habe, um auf ihrer reichen Klaviatur zu spielen. Keine Frage, die ersten Sprachen, Ungarisch und Slowenisch, sind da, ich habe sie nie aufgegeben, liebe ihre spezifische Emotionalität und Temperatur. Doch nur im Deutschen kann ich mich bis in feinste Nuancen ausdrücken, ein wesentlicher Unterschied.»

Ilma Rakusa (80), Schriftstellerin, Übersetzerin

Tagebuchprosa

Auf die Frage von Thomas Strässle, warum sie ihre Aufzeichnungen vom Sommer 2022 bis Ende 2024 Tagebuchprosa nenne, meinte sie: Tagebuchartig sei, dass sie fast jeden Tag Alltagserfahrungen habe festhalten wollen, aber auch Begegnungen,  Träume, Spiele mit ihrem Enkel, Zeitungslektüren und die emotionalen Wirkungen der schrecklichen Nachrichten aus aller Welt, insbesondere aus der Ukraine und aus Gaza. Aber das sei nicht spontan hingeschrieben, sondern sie erhebe dabei schon  einen literarischen Anspruch. Das Buch ist formal vielfältig: Gespräche mit lieben Menschen, Traumerinnerungen, Gedichte, Monologe, Dialoge, literarische Verarbeitung von Ohnmacht und Melancholie angesichts der erschütternden Weltlage, Texte über Besuche von Museen und Städten, subtile Betrachtungen von Innen- und Aussenwelten.

Wo bleibt das Licht – ohne Fragezeichen

Thomas Strässle ist aufgefallen, dass die Frage «Wo bleibt das Licht» nicht mit einem Fragezeichen versehen wurde. Für Ilma Rakusa sei ein Fragezeichen nie in Frage gekommen, denn ein Fragezeichen hätte vielleicht die Hoffnung auf eine Antwort geweckt. Aber das Schreckenspanorama erlaube im Moment keine Antwort. Auch auf religiöse Tröstung sei kein Verlass. Oft finden wir im Text ein verzweifeltes, fragendes «Vater unser». Dann ist das Gebet auch schon abrupt zu Ende. Oft melancholische Passagen, Gefühle der Ohnmacht und die Frage: Was kann Literatur bewirken in diesen Zeiten?

Erfreulich sind immer Szenen zwischen Ilma Rakusa und ihrem Enkel Theo. So endet das Buch auch: «Auf das Papier schreibt er THEO und ILMA. Sind wir glücklich gewesen? Ja! Glücklich, glücklich, glücklich.»

Lesempfehlung

Mir hat das Buch bei der Lektüre grosse Schwierigkeiten bereitet. Zunächst wollte ich die 556 Seiten möglichst schnell lesen. Ging nicht. Überfliegendes Lesen? Unbefriedigend. Oft fühlte ich mich in meinem eigenen Ohnmachtsgefühlen, etwa bei der Zeitungslektüre, ertappt.

Langes Verweilen bei ein paar Textstellen? Oh ja! Hier ein paar Beispiele, in denen das Wort «Licht» auftaucht:

S. 10: «Der See ist ein Reservoir aus Licht, überwältigend hell. Da und dort Schattierungen, Schraffierungen. Gekräuseltes. Und Wellenschlag. Sofort überkommt mich Ruhe. Agiert so das Glück?

S. 11: «Inge lebt hier. Sie ist Lichtmalerin, Weißmalerin. Fotografiert, spachtelt, pixelt. Ist dem Lichtspiel Tag und Nacht auf der Spur, sekundengenau. Während ihr Mann oben am Hang die isländischen Pferdchen füttert und die Heugabel schwingt.»

S. 66: « In den Kinderaugen Licht.»

S. 131: «Wenn das Licht den Vorhang umarmt.»

S. 324: «Heute liegt Saharastaub in der Luft, das Licht ist fahl und freudlos. Ich runzle die Stirn, wie geblendet. Wie damals in Triest auf der Mole, als Mutter mich fotografierte. Sie hantierte immer lange, zu lange für ein Kind, das nicht ruhig stehen will.

S. 325: «Immer noch dieses verschleierte Licht. Die Vögel schweigen. Aber bräutlich strahlt der Apfelbaum.»

S. 353: «Hölderlins Wortschatz: singulär. »Beredsame Bäche«, »leichtanregendes Licht«, »allschauende Sterne«.»

S. 531: «Ich habe einen zierlichen Traum geträumt und erwachte in einem Wasserfall aus Licht.»

Mit ein paar Textstellen ins Gespräch kommen? Ja! In ihrem Dank am Schluss des Textes schreibt Ilma Rakusa: «Schreiben ist ein Gespräch und trotzt damit ideologischen und kriegerischen Auseinandersetzungen, die unsere Zeit mehr und mehr prägen.»

Nun liegt das Buch von Ilma Rakusa in Greifweite rum. Hie und da lese ich einen Satz und schau, was er mit mir macht.

Titelbild: Ilma Rakusa im Gespräch mit Thomas Strässle am 12. Januar 2026 in der Orell Füssli Buchhandlung am Bellevue in Zürich. (Fotos bs)

Buch: Ilma Rakusa: Wo bleibt das Licht. Wien 2025. ISBN: 978-3-99059-192-5

Lesungen: Am 17. Februar liest Ilma Rakusa im Coalmine Café, Turnerstrasse 1, in Winterthur. Beginn 19:30 (Organisation «Die Literarische Vereinigung Winterthur»). Am Sonntag, 15. 3. um 11 Uhr liest Ilma Rakusa im Zentrum Paul Klee in Bern.

Vgl. Artikel im Seniorweb zum Begriff «Heimat» mit Ilma Rakusa

 

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