Der russische Journalist Andrey Gurkov hat ein pessimistisches Buch über den Bruch zwischen Russland und Europa geschrieben. Seine Analyse trägt den Titel «Für Russland ist Europa der Feind. Warum meine Heimat mit dem Westen gebrochen hat». Laut seiner Prognose ist die Hoffnung, dass nach Putin alles besser wird, eine Illusion.
Ein russischer Freund, der auch die Schweizer Staatsbürgerschaft besitzt, hat mir kürzlich ein Buch geschenkt, das aufgrund der politischen Grosswetterlage sofort mein Interesse geweckt hat. Es geht um das Verhältnis zwischen Russland und Europa. Während der Rekrutenschule (1975) hatten wir gespottet, der Feind sei rot und komme aus dem Osten. Hat sich diese Behauptung bewahrheitet?
Hasspropaganda gegen alle
Andrey Gurkov geht in seinem Buch der Frage nach, warum Putins imperiale Träume und Aggressionen in der russischen Gesellschaft auf so breite Zustimmung stossen konnten, bis hin zur Kriegsbegeisterung. Dabei erwähnt er auch die orthodoxe Kirche, deren Führung dem Kreml nach dem Mund redet. Gurkov analysiert historische, kulturelle, politische und massenpsychologische Faktoren, die dazu geführt haben, dass die Hasspropaganda gegen Ukrainer, Amerikaner und insbesondere Europäer heute auf fruchtbaren Boden fällt.
Die orthodoxe Kirche unterstützt Putins Grossmachtfantasien.
«Wie konnte es dazu kommen, dass ein Land, das einst den Reformer Michael Gorbaschow hervorbrachte, sich dermassen radikal verändert hat und zu einer Gefahr für den Westen wurde?» (Zitat)
Ein roter Faden in dem Buch ist die These, dass die russische Gesellschaft sich längst nicht mehr als Teil einer europäischen Wertegemeinschaft versteht, sondern Europa systematisch zum Feindbild macht. Gurkov warnt eindringlich davor, zu hoffen, man könne nach einem Ende des Ukrainekriegs zu „normalen“ Beziehungen zurückkehren. Die Entfremdung sei strukturell und nicht nur ein Produkt Putinscher Tagespolitik. «Meine Landsleute sind seit jeher von Grösse besessen…. Je grösser, desto besser. Russland ist (in ihren Augen) das mit Abstand grösste Land der Welt, folglich muss es auch das allerbeste Land auf dem Planeten sein.»
Der Traum vom Grossrussischen Reich in der Grenzen von 1914.
Russische Grossmachtträume
Der Autor verbindet persönliche Erfahrungen als gebürtiger Moskauer mit einer analytischen Distanz, die er als langjährig in Deutschland lebender Journalist gewonnen hat. Er rekonstruiert die Tradition der russischen Grossmachtträume, die Spannungen zwischen europaphilen und slawophilen Strömungen und zeigt, wie mit Putin eine autoritär-slawophile Politik die Oberhand gewonnen hat. Gurkov zeigt auf, dass diese Haltung selbst von intellektuellen Kreisen in Russland geteilt wird.
«Ich hätte nie gedacht, dass so viele Kulturschaffende aus dem Film, dem Theater, der Musik bis hin zum Rock – und vor allem derart viele Journalistinnen und Journalisten so offen, so aktiv, so inbrünstig den Krieg befürworten, die Ukraine hassen und den Westen verteufeln.»… «So eine Verwandlung von gut gebildeten, vielgereisten und belesenen Menschen macht mich immer noch fassungslos.» (Zitat)
Putins Propaganda wirkt laut Gurkov bei der eigenen Bevölkerung.
Besonders überzeugend ist, wie Gurkov die propagandistische Kommunikation Putins und das „wirre Weltbild“ eines Teils der russischen Öffentlichkeit beschreibt: Fakten verlieren an Gewicht gegenüber Zugehörigkeit, Ressentiment und Identitätspolitik. Dadurch erklärt sich auch, warum Dialogbemühungen aus Europa ins Leere laufen, sobald sie auf eine Öffentlichkeit treffen, die Feindbilder und Verschwörungsnarrative verinnerlicht hat.
Schonungslos mit der Heimat
Eine Stärke des Buches liegt in seiner Schonungslosigkeit gegenüber der eigenen Heimat und der Kritik an westlichen Illusionen. Ohne Rücksicht auf diplomatische Befindlichkeiten fordert Gurkov, «dass den Europäern und vor allem den Deutschen nicht noch einmal der Fehler unterlaufen darf, im Russischen sträflich das latent aggressive Grossrussische, das der Putinismus freigesetzt und angefacht hat, zu übersehen und zu unterschätzen». (Zitat)
Gerade weil der Ton so klar und oft desillusionierend ist, wirkt das Buch streckenweise düster. Mögliche Gegenkräfte oder Oppositionsbewegungen in Russland treten in den Hintergrund. Wer nach Handlungsoptionen für eine zukünftige Kooperation mit Europa sucht, findet weniger konkrete Vorschläge als eine Warnschrift, die vor allem dazu dient, die Realität des tiefsitzenden Bruchs anzuerkennen.
Keine Umkehr nach Ende des Eroberungskriegs
Pessimistisch ist Gurkovs Blick auf eine Zeit nach dem Ukraine-Krieg: «Was ich mir ganz und gar nicht vorstellen kann, zumindest in absehbarer Zukunft nicht, wäre ein Eingeständnis künftiger Machthaber in Moskau, dass die russische Armee in der Ukraine einen unredlichen Angriffskrieg geführt und dabei massenhaft Verbrechen begangen hat.»
Ungewiss, ob aus den Reihen dieser Kinder Gegenstimmen oder Oppositionelle entstehen werden.
Biografische Angaben zum Autor
Andrey Gurkov ist gebürtiger Moskauer und arbeitet seit vielen Jahren als Journalist in Deutschland, unter anderem als Russland- und Osteuropa-Experte. Er lebt in Köln, gehört also jener Generation von russischen Intellektuellen an, die ursprünglich an «Wandel durch Handel» und Verständigung mit Europa glaubten, sich davon aber spätestens seit dem Ukrainekrieg desillusioniert abgewandt haben.
Seine Doppelperspektive (sozialisiert in der Sowjetunion bzw. im postsowjetischen Russland, heute im Westen beheimatet) prägt den Ton des Buchs und macht seine Analyse für ein internationales Publikum besonders zugänglich. Indem er biografische Einsichten mit politikwissenschaftlich anmutender Analyse verbindet, stellt das Buch «Für Russland ist Europa der Feind» einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des gegenwärtigen russischen Autoritarismus und des tiefen Risses zwischen Moskau und Europa dar.
Fazit: Verglichen mit den spöttischen Warnungen vor fünfzig Jahren, unser Feind sei rot und komme aus dem Osten, präsentiert sich die Konflikt- und Kriegsgefahr heute weitaus dramatischer und realistischer. Angesichts des Bruchs zwischen Russland und dem Westen müssen wir uns wohl noch längere Zeit warm anziehen.
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«Für Russland ist Europa der Feind, Warum meine Heimat mit dem Westen gebrochen hat». Andrey Gurkov. Kiepenheuer & Witsch. 2025. ISBN 978-3-462-00728-2
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Kippenheuer & Witsch
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Titelbild: Russischer Soldaten während einem Manöver. Fotos Pixabay / Freepik. Montage PS.

Habe den Hinweis auf das Buch von Gurkov sehr geschätzt. Das latent grossrussische Gebaren ist nicht neu. Gromyko und Lavrov haben die UNO und den Sicherheitsrat immer als geeignetes Gremium betrachtet, um systematische Obstruktion zu praktizieren.
Propaganda ist eine sehr starke Waffe und man kann damit jedes Volk in eine gewünschte Richtung lenken / manipulieren (Hitler, Stalin, Putin, Trump etc.).
Genauso aber kann es gelingen, die Indoktrination zu durchbrechen, vorausgesetzt es gibt genügend finanzielle Mittel, um eine ebenso starke und gute Gegenpropaganda zu bezahlen. Leider gibt es von westlicher Seite keine erkennbaren Bemühungen in dieser Richtung, obwohl Propaganda / Aufklärung eine mächtige und relativ preiswerte Waffe ist (vielseitig einsetzbar, unzerstörbar, leicht reproduzierbar).