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Dorothee Elmigers Dschungelbuch

Der grauenvollen Finsternis im undurchdringlichen Urwald kann man sich nach dem Einstieg in die Lektüre kaum entziehen. Das Buch „Die Holländerinnen“ ist ein ausgezeichneter Roman: Dreimal konnte Dorothee Elmiger einen Buchpreis entgegennehmen.

Was und wie die Autorin diese Geschichte auf rund 150 Seiten erzählt, hat die dreifache Auszeichnung mit wichtigen Buchpreisen zu recht verdient. Der Text ist ein Wunder an Sprachverdichtung, dennoch ist er ohne grosse Mühe lesbar, denn die Worte führen wie beim mündlichen Erzählen vom einen ins nächste. Man folgt den Inhalten mit Spannung: Die Lektüre entwickelt einen Sog, der einen weiter und weiter in den unheimlichen Dschungel zieht, der jedoch auch schreckliche Grossstadt oder desaströse Paarbeziehung, Albtraum am Ground Zero oder Katastrophe im Ziegenstall sein kann.

Der Roman beginnt mit einer ganz normalen Situation des Literaturbetriebs: Literaten werden von Universitäten und Lesegesellschaften zu Vorlesungen über ihre Poetik eingeladen. Hier steht eine gefeierte Schriftstellerin im Hörsaal, aber statt der angekündigten Gedanken zur Poetik berichtet sie über eine Reise in den Dschungel Mittelamerikas auf den Spuren von zwei jungen Holländerinnen, die dort 2014 verschollen, vielleicht verstorben sind. Was sie erlebt hat, muss sie loswerden, Poetikvortrag hin oder her. Zudem äussert sie Zweifel, ob Erzählen noch möglich sei, ob Sprache in einer Welt, die uns abhanden kommt, dieselbe noch darstellen könne.

Der Urwald auf dem Buchumschlag (Ausschnitt)

In den Urwald Panamas, wo einst Werner Herzog und Klaus Kinski an ihre Grenzen kamen, bringt sie ein exzentrischer Theatermacher, der sie als Protokollantin in seinem Team von Darstellerinnen und seiner Filmcrew dabeihaben will, alles soll sie niederschreiben, was sie hört, sieht, erfährt. Sein Projekt: Auf den Spuren der jungen Touristinnen aus Holland ein Theaterstück zu schaffen. Er führt seine Crew in den Urwald – eine vor allem nachts gefährliche Welt der Geräusche – und immer wieder auf die Spur der Holländerinnen. Deren Mobiltelefone werden entdeckt, aber der Inhalt – vor allem eine Kaskade von Fotos ohne entschlüsselbarem Bildinhalt – bleibt ein unauflösliches Rätsel.

Wer lesen will, ohne Rücksicht auf zitierte Philosophen oder Dichter und ohne bei Wikipedia nachzusehen, der findet in Dorothee Elmigers Buch einen fantastischen Abenteuerroman. Die Schriftstellerin berichtet dem Auditorium über unheimliche Erfahrungen in der Urwald-Lodge und bei Expeditionen in eine düstere Natur. Und sie erzählt all jene Geschichten, die sie von den Crewmitgliedern und anderen Menschen, denen sie im Lauf der Expedition begegnen, gehört und protokolliert hat. Diese Erlebnisse und Erinnerungen packen und erschüttern zugleich. Da steckt viel menschlicher Abgrund und Verzweiflung drin, aber auch ab und zu der Hinweis, wie jemand sich aus der Gewaltspirale befreit hat.

Wer mit der Dialektik der Aufklärung oder den Namen von Thomas Bernhard, Petrus Martyr und anderen Grössen der Hochkultur zurechtkommt, der erschliesst sich eine universale und intellektuelle Ebene des Romans. So doppelbödig und doch lesbar, so wuchtig und doch komplex über die schwierige Arbeit des Erzählens zu erzählen, ist genial.

Dorothee Elmiger: «Ich habe trotz allem eine grosse Zuversicht.» (Aus: WOZ vom 18. September 2025) Foto © Georg Gatsas 

Also einfach mal lesen, oder noch besser: sich gegenseitig vorlesen, vielleicht kurz irritiert oder (wie ich) begeistert über einen Text, der fast durchwegs im Konjunktiv, also in der indirekten Rede verfasst ist, und erfahren, wie einen die Geschichten über Gewalt und Schrecknisse in diesem Decamerone- oder Geschlossene Gesellschaft-Layout in den Bann ziehen, ist ein beglückendes Leseerlebnis. Das hat mit dem Kunstgriff zu tun, jede Äusserung (der Schriftstellerin) als indirekte Rede aufzuschreiben. So bewegt sich das Erzählte nah am alltäglichen Sprechen, wo mündlich erzählt wird und Abschweifungen einfach mitgehört und mitverstanden werden.

Bei einer der vielen Veranstaltungen, zu denen Elmiger in den Wochen nach den Bücherpreisen eingeladen worden war, verglich eine Gesprächsteilnehmerin Die Holländerinnen mit einem der Wimmelbilder von Pieter Brueghel d. Älteren: Der Kampf zwischen Karneval und Fasten von 1559 beispielsweise löst in der Gleichzeitigkeit und Gleichwertigkeit der Szenen das Geschehen in Unübersichtlichkeit und Chaos auf. Dem Verlust der Orientierung – im Urwald so gut wie in der eigenen Biographie und in der Politik – nachzuforschen, der existentiellen Verlorenheit eine Stimme zu geben, erinnert an 1001 Nacht, wo Erzählen existentiell ist.

Dreimal hat Dorothee Elmiger mit ihrem Dschungelbuch wichtige Literaturpreise gewonnen: den Deutschen Buchpreis, den Schweizer Buchpreis und den Bayerischen Buchpreis.

Dorothee Elmiger hat es gewagt, abseits der üblichen und auflageträchtigen Schreiberei mit einem Plot und womöglich autofiktionaler Betroffenheit, einen Roman zu schreiben, der kunstvoll und zugleich mit ganz alltäglichen Beobachtungen und Gefühlen einen neuen Zugang zu existentiellen Fragen bietet. Mit den Geschichten, die sich als Geflecht durch die 150 Seiten ziehen, scheinen sich die Erzählerinnen und Erzähler am Leben zu erhalten – einige sind der privaten Hölle einer Mann-Frau-Beziehung entkommen, andere berichten über den Tod als Folge der totalen Überforderung, oder auch über die Verlorenheit in einer Welt, der sie hilflos ausgesetzt sind.

In den Geschichten geschehen einfache und schreckliche Dinge, beispielsweise der Betrug bei einer Kühlschrankreparatur in New York City, welcher am Ende ein altes Ehepaar in den Tod treibt, gespiegelt in den unentzifferbaren Handyfotos der Holländerinnen,  oder der launische Künstler, der seine Partnerin kontrolliert und verprügelt, bis sie es schafft, ihn zu verlassen, gespiegelt wiederum in einer Szene mit Klaus Kinski und seiner Frau damals bei den Dreharbeiten zu Aguirre im Urwald.

Es geht um Zukunftsträume und Scheitern, um Kontrolle und Feminismus, um Verlust und Überleben, aber auch um Kapitalismus und Kolonialismus. Dorothee Elmiger hat ein hochpoetisches und eminent politisches Buch verfasst, das dem privaten und globalen Chaos Ausdruck gibt.

Selbst wenn das Düstere und Schreckliche, Gewalt und Kontrolle immer wieder in neuem Gewand erscheint, ist das Leseerlebnis nicht herabziehend und hoffnungsvernichtend. Auch das ein weiser Schachzug, den die Autorin uns als Gehhilfe durch das Dickicht dieses Romans anbietet. Im nachgestellten Abschnitt führt eine Traumsequenz ins Licht: „Dann sieht sie, wie sich weit vor ihnen eine schimmernde Öffnung in der Luft anzeigt, ein Riss, ein Spalt, ein flimmerndes,instabiles Portal.“ So enden Die Holländerinnen.

Titelbild: Dorothee Elmiger, 2025. Foto: © Georg Gatsas 

Buchhinweis: Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen. Hanser Literaturverlage, 2025. ISBN 978-3-446-28298-8 

 

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1 Kommentar

  1. Hallo, mit Ihrer Beurteilung des Buches von Elmiger bin ich gar nicht einverstanden. Das Buch ist kaum entspannt zu lesen, die verschiedenen Ebenen der Geschichte sind verwirrend. Was passiert, wann, wo, mit wem, das ist kaum auszuhalten. Es ist ein Zumutung. Ich gebe zu, den Hype um das Buch nicht zu verstehen.

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