Weite Felder, Obstplantagen und dazwischen Dörfer prägen die Landschaft zwischen Frienisberg und Berner Seeland. Vom Dorf Frienisberg, Teil der Gemeinde Seedorf BE, sieht man zum Jura hin und bis zum Neuenburger See. Nach Bern fährt das Postauto eine gute halbe Stunde.
«Frienisberg – üses Dorf» nennt sich dieser Ort, eine Genossenschaft mit bemerkenswerten Grundsätzen: «Wir sind ein lebendiges Dorf. Bei uns finden Menschen verschiedener Generationen, die mit Beeinträchtigungen leben, ein Zuhause – unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten.» Weiter heisst es: «Aufmerksamkeit, Respekt und Dialoge fördern Zufriedenheit und Wohlbefinden der Bewohnenden. Wir setzen auf Offenheit und Qualität, was Vertrauen und Geborgenheit schafft und die Nachhaltigkeit unserer Angebote stützt.»
Wer von Bern her über den bewaldeten gleichnamigen Hügelzug kommt, sieht Frienisberg auf halber Höhe liegen. – Ist es wirklich ein Dorf, «unser Dorf»? Zweifellos. Da steht ein jahrhundertealtes Ensemble von Gebäuden mit einem Kirchturm, daneben der Dorfplatz, der zum Sitzen und Verweilen einlädt, gegenüber das Wirtshaus «Hirschen» und ein Weiher, der sicher schon verschiedenen Zwecken gedient hat. Wer auf dem Strässchen Richtung Elemoos weiter geht, sieht auch die Landwirtschaftsgebäude. Zum Frienisberg gehören 95 Hektar Felder, Wiesen und Wald. Links und rechts sehen wir mehrstöckige Wohngebäude – die wirken am wenigsten dörflich, sind aber entsprechend der Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner modern ausgestattet.
Flugaufnahme Frienisberg mit den neu erbauten Wohngebäuden «Wohnen im Alter» / © Frienisberg
Frienisberg hat eine lange Geschichte. Gegründet wurde das Kloster 1131 als Zisterzienserabtei von Graf Udelhard von Saugern, dessen Schloss sich in der Nähe von Delsberg JU befand. Die Zisterzienser kamen aus Lützel / Lucelle, einer Abtei im südlichen Elsass, und nannten ihr Kloster Aurora. Ein Kuriosum aus jener längst vergangenen Zeit sei hier erwähnt: In alten Chroniken ist zu lesen, dass die Mönche ihre Geschäfte nicht immer sorgfältig führten – wohlgemerkt: Zisterzienser, die für ihren Fleiss bekannt waren. Stifter und Gönner mussten das Kloster finanziell unterstützen, bis es unter die Vormundschaft von Bern gestellt wurde.
Nachdem sich die Reformation in Bern durchgesetzt hatte, löste der Rat der Stadt das Kloster 1528 auf. Seit 1533 dienten die ehemaligen Klostergebäude als Amtssitz einer bernischen Landvogtei, diese bestand bis 1798, als Napoleons Truppen Bern überrannten. 1534 war die Klosterkirche abgebrochen worden. – Der markante Turm ist bis heute weithin sichtbar. In den kommenden Jahrhunderten wurden die Gebäude immer wieder verändert oder repariert, die grössten Umbauten erfolgten im 18. Jahrhundert.
Albrecht Kauw (1616–1681): Kloster Frienischperg (um 1670) / wikimedia.org
Dieser Barockstil charakterisiert auch heute noch den alten Kern von Frienisberg. Ein Teil der Gebäude diente als Spital und als Armenhaus. Ab 1834 bestand eine Taubstummenanstalt für Knaben, die im Jahr 1889 zum heutigen Wohn- und Pflegeheim umgewandelt wurde. Heute hat die Geschäftsleitung des modernen Frienisberg hier ihren Sitz. Die altehrwürdigen Gebäude sind sorgfältig renoviert, ein grosser Saal dient regionalen Veranstaltungen, kleinere Räume werden für Seminare vermietet.
Kloster Frienisberg Kreuzgang Aufnahme vom 21. März 2025 / wikimedia.org
Um die historischen Gebäude herum wurden die modernen, langgezogenen Wohngebäude der Bewohnerinnen und Bewohner gebaut. Sie wirken wie eine Abgrenzung gegen die Weite der Landschaft. Genau das sei die Absicht der Architekten gewesen, erklärt mir Geschäftsführer Peter Gerber: Früher wurden Klöster durch hohe Mauern geschützt. Das ist nicht mehr nötig, heute symbolisieren Platzierung und Architektur der Gebäude den Zusammenhalt in «üsem Dorf».
So könnte der Kreuzgang zur Zeit der Zisterzienser ausgesehen haben. (Zeichnung ohne reale Vorlage) / © Frienisberg
Frienisberg ist aus den alten historischen, nicht mehr zeitgemässen Fundamenten herausgewachsen. Heute wohnen dort im Bereich «Leben im Alter» 140 alte, pflegebedürftige Menschen und im Bereich «Leben mit Beeinträchtigungen» 120 Menschen, die Betreuung benötigen. Die Trägerin der Institution Frienisberg ist eine Genossenschaft von mehr als 30 Berner Gemeinden. Eine alte Urkunde aus dem Jahr 1897 dokumentiert das Prinzip der Genossenschaft: Jede Gemeinde zahlt einmalig 1’000 Franken für einen Pflegeplatz. Es sind nicht nur Gemeinden aus dem näheren Umkreis. Die Einwohnergemeinde Burgdorf zum Beispiel bezahlt für 59 Pflegeplätze, Meikirch auf der südöstlichen Seite des Frienisbergs für 5 Plätze.
Kopie eines «Antheilscheins» aus dem Jahre 1897, dem Gründungsjahr der Genossenschaft, die damals noch den Namen «Bezirks-Armenanstalt Frienisberg» trug. / © Frienisberg
«Heutzutage kommen alte Menschen erst zu uns, wenn sie nicht mehr selbständig wohnen können und die Spitex-Dienste nicht mehr ausreichen», erfahre ich von Peter Gerber. Sie würden zumeist nur eine gewisse Zeit lang hier wohnen, im Durchschnitt zweieinhalb Jahre. Aufgenommen wird jede Person, auch Menschen mit Ergänzungsleistungen. Die Genossenschaft und die mit ihr verbundenen Gemeinden tragen die Kosten. Die Bewohnerinnen und Bewohner können, wenn es hilfreich ist, eine Armbanduhr mit Alarm tragen. Wenn sie nachts stürzen sollten, wird sofort der Nachtdienst herbeigerufen. Im letzten Jahr, erzählt Peter Gerber, konnte so in acht Fällen schnell geholfen werden.
Wer etwa seine alte Tante in Frienisberg besuchen möchte, aber nicht in der Nähe wohnt, kann in einem Bed&Breakfast übernachten, das für diesen Zweck seit kurzer Zeit besteht. Selbstverständlich kann man dort auch länger bleiben, um sich zu entspannen, und schöne Wanderungen und Ausflüge unternehmen. Auch einen Hundehort gibt es neuerdings. – Der freut vielleicht alte Leute, die im Heim selbst keine Hunde mehr halten können. Im Hort besuchen können sie sie allemal.
Für alle, die sich gern noch beschäftigen möchten, gibt es verschiedene kreative Angebote in den hauseigenen Ateliers. – Wenn ich durch Frienisberg fahre, sehe ich oft Menschen, die sich mit Stöcken vorsichtig zu einem kleinen Spaziergang aufgemacht haben.
Titelbild: Begegnungsplatz Wohn- und Pflegeheim Frienisberg mit Turm des ehemaligen Klosters (18. August 2011) / wikimedia.org
