Gletscherpanoramen machen den Klimawandel über zwei Jahrzehnte im Direktvergleich sichtbar. Die Neuerscheinung «Schweizer Gletscherlandschaften im Klimawandel» ist ein eindrucksvoller Bild‑Textband, der die ästhetische Faszination der Schweizer Hochgebirgswelt mit der nüchternen Diagnose eines rasch voranschreitenden Klimawandels verbindet.
Der Gletscherrückgang in der Schweiz zeigt sich heute sehr konkret in der Landschaft, in den Gebirgsgefahren und in der Wasserverfügbarkeit: Gletscherzungen ziehen sich stark zurück. Einst zusammenhängende Eisflächen zerfallen in kleinere Reste, über tausend kleine Gletscher sind bereits verschwunden. An vielen Stellen entstehen neue Eisrandseen oder vergrössern bestehende, weil das Schmelzwasser sich hinter Moränen oder Felsriegeln staut. Wo früher meterdickes Eis lag, treten dunkle Schutt‑ und Felsflächen zutage. Wanderwege, die über oder an Gletschern vorbeiführten, müssen verlegt oder mit Leitern und Seilen gesichert werden.
Von all diesen Veränderungen handelt ein im Berner Haupt-Verlag erschienenes Buch. Es enthält viele Panoramafotos ausgewählter Schweizer Gletscher. Die qualitativ hochstehenden Bilder wurden im Abstand von rund zwanzig Jahren aufgenommen und machen im direkten Nebeneinander den massiven Rückzug des Eises auch für Laien sichtbar. Die aktuelle Situation wird durch einen historischen Teil zur Entwicklung der Gletscher seit dem 19. Jahrhundert sowie einen Ausblick auf die Zukunft der Eislandschaften und Beispiele von anderen Kontinenten ergänzt.
Vor fast 200 Jahren: Die Eismassen des Oberen Grindelwaldgletschers mit Baumstaffage im berühmten Gemälde «Grindelwaldgletsjeren, 1838» des norwegischen Malers Thomas Fearnley. Quelle: Nasjonalmuseet Oslo.
Vier Gletscherexperten
Die Autoren – der Berner Gletscherhistoriker Heinz J. Zumbühl, der Geograf und Panoramafotograf Andreas Wipf sowie die Gletscherexperten Samuel U. Nussbaumer und Horst Machguth – verbinden in ihrem Werk geowissenschaftliche Erläuterungen mit erzählerischen Elementen aus der Feldarbeit und Forschungspraxis. Erklärt werden Grundbegriffe der Gletscherkunde und der Klimaforschung. Regionale Kapitel zu einzelnen Gletschern enthalten Bildpaare, Karten und erklärende Texten.
Bildsprache und wissenschaftlicher Gehalt
Die Stärke des wertvollen Buchs liegt im konsequenten Einsatz von Fotovergleichen: Wo abstrakte Zahlen wenig auslösen, machen die Panoramen den Höhenverlust, das Schrumpfen der Gletscherzungen und das Anwachsen der kargen Vorfelder unmittelbar sichtbar. Die Bildauswahl ist sorgfältig komponiert, oft aus nahezu identischer Perspektive, sodass selbst kleine Veränderungen in Moränen, Felsbändern oder Schmelzwasserläufen deutlich zu erkennen sind.
Das Blüemlisalpmassiv ob Kandersteg mit dem Bluemlisalpgletscher 2013 (Bild oben) und 2024 (Bild unten). Die steilen Gletscherzungen sind in der elfjährigen Zeitspanne markant zurückgeschmolzen.
Begleittexte erläutern, wie Satellitendaten, Drohnenaufnahmen, Eiskernanalysen und klassische Vermessung helfen, den Wandel quantitativ zu fassen. Dadurch bleibt das Buch nicht bei der ästhetischen Schockwirkung stehen, sondern verankert die Visualisierungen in der aktuellen Gletscher‑ und Klimaforschung. Gerade die Hinweise auf globale Zusammenhänge – Meeresspiegelanstieg, veränderte Wasserverfügbarkeit, neue Naturgefahren durch Gletscherseen – verleihen dem auf die Schweiz fokussierten Band eine internationale Dimension.
Der Turtmanngletscher stürzt über zwei Stufen nordwärts. 2012 endete er noch im flachen Talboden (Bild links). Im Jahr 2022 befand sich die Abbruchfront bereits auf 2620 m.ü.M (Bild rechts).
Vermittlungsziel und Lesbarkeit
Die Autoren formulieren ein doppeltes Anliegen: Sie wollen die noch vorhandene Schönheit der Schweizer Hochgebirgslandschaften präsentieren und zugleich sehr konkret zeigen, was bereits verloren ging und weiter verloren gehen wird, wenn die Klimaerwärmung anhält. Dieser Spannungsbogen zwischen Bewahrungspathos und Verlustschmerz ist in vielen Bild‑Text‑Kombinationen spürbar, etwa wenn neu zugängliche, vormals eisbedeckte Passagen beschrieben werden, deren Freilegen als Forschungschance und als schmerzhafte Erfahrung erlebbargemacht wird.
Sprachlich bleibt das Fachbuch auch für Laien verständlich, ohne in Vereinfachungen abzugleiten: Fachbegriffe werden erklärt, zentrale Prozesse wie Massenbilanz oder Gletscherdynamik werden knapp, aber verständlich hergeleitet. Damit eignet sich der Band sowohl für interessierte Laien als auch für Lehrpersonen, Studierende und Fachleute, die Bildmaterial und Fallbeispiele für die eigene Arbeit suchen.
Blick von Talsole auf den Wildstrubelgletscher (im Hintergrund) und den Steghorngletscher (rechts). 2009 (Bild oben) erstreckten sich die Gletscherzungen noch bis ins Tal, 2024 (Bild unten) sind sie stark abgeschmolzen. In der Talsohle ist nur noch ein kleiner Toteisrest vorhanden.
Klimawandel sichtbar machen
Besonders hervorgehoben sei, wie konsequent das Buch den dramatischen Klimawandel «sichtbar» macht: Die Panoramen über zwei Jahrzehnte sind ein starkes Argument, das weit über Diagramme oder Modellkurven hinausreicht. Dass gleichzeitig historische Bildquellen und moderne Messmethoden einbezogen werden, verleiht dem Werk Tiefe und verhindert eine rein nostalgische Rückschau.
Karte mit den im Buch beschriebenen Gletschern.
Wer eine umfassende politische oder ökonomische Analyse der Klimapolitik erwartet, wird diese nur am Rande finden; der Fokus liegt klar auf Landschaftsbild, glaziologischen Prozessen und der dokumentierten Veränderung. Als bildreicher Sach‑ und Essayband überzeugt «Schweizer Gletscherlandschaften im Klimawandel» jedoch auf ganzer Linie und ist für Leserinnen und Leser mit Interesse an Alpenraum, Klima und Fotografie uneingeschränkt zu empfehlen.
Titelbild: Was vom Chaltwassergletscher zwischen Brig und Gondo übriggeblieben ist. Alle Fotos – © Andreas Wipf – stammen aus dem besprochenen Buch.
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Gletscherlandschaften im Klimawandel – eine Panorama-Zeitreise», Andreas Wipf, Samuel U. Nussbaumer, Horst Machguth, Heinz J. Zumbühl, Haupt Verlag, 2025, ISBN 978-3-258-08406-0
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Porträt des Gletscherhistorikers Hans J. Zumbühl

Ein nützlicher Hinweis auf ein eindrucksvolles Buch, nota bene auch dank einer gelungenen graphischen Gestaltung. Schade, dass solche Bildbände aus Kostengründen im Ausland gedruckt werden müssen.