FrontLebensartZu Besuch bei Heinz J. Zumbühl

Zu Besuch bei Heinz J. Zumbühl

Anhand historischer Gemälde hat der Berner Gletscherforscher Heinz J. Zumbühl (78) die Veränderungen der beiden Grindelwaldgletscher wissenschaftlich dokumentiert und ausgewertet. Seine Leidenschaft gehört aber auch den Schiffen und der Kunst.

Bei gutem Wetter schweift der Blick vom Dreigestirn der Berner Alpen über die Voralpen zu den Wäldern des Mittellandes. Von seinem Wohnzimmer aus kann Heinz Zumbühl sein jahrzehntelanges Forschungsobjekt, das «ewige» Eis, mit blossem Auge erkennen. Ein schöner Ort, um alt zu werden. Schon als Jüngling hatte er den Wunsch, eines Tages in der Vorzeigesiedlung im Norden Berns zu wohnen. 1978 bot sich diese Gelegenheit. Seither bewohnt der emeritierte Professor eines der Häuser mit Weitblick.

Wer in seine Welt eintaucht, staunt über die vielen Bücher. Mehrere 1000 Exemplare sollen es nach seinen Angaben sein: Fachliteratur aus den Bereichen Städtebau, Kunstgeschichte, Glaziologie, Klimatologie, Kunstbände über die Alpen, Gletscher, Vulkane, Schiffbau, Schiffahrt, Michelangelo, Goya usw. gehören dazu, verteilt auf Wohnzimmer, Büro, Gästezimmer und Keller. Überall Bücher.

Seit 1953 sammelte der emeritierte Berner Professor Schiffsmodelle, Werftbücher, Schiffspläne und -memorabilien.

An den Wänden hängen Teppiche, Gemälde und gerahmte Plakate von riesigen Schiffen, Leuchttürmen, Vulkanen, Landschaften. In den hellen Räumen gibt es weitere Kunstwerke von mehr oder weniger bekannten Künstlern. Ein Bronzekopf von Karl Geiser steht im Wohnzimmer, im Hof eine Bronzestatue ebenfalls von Geiser.

Ausser Kunst sammelt Heinz Zumbühl auch Schiffsmodelle. In einer Glasvitrine hat er die schönsten Exemplare ausgestellt. Als Kind wollte er Schiffsdesigner werden. Grosse Schiffe faszinieren ihn heute noch. Angesichts der vielfältigen Interessen des Gastgebers wagt der Besucher die Frage, was ihn denn nicht interessiere: «Fussball. Ich war noch nie an einem Fussballmatch», antwortet der Sammler mit einem Augenzwinkern.

Vielfältiger Werdegang

Heinz Zumbühl hat das Berner Kirchenfeld-Gymnasium besucht und mit der Matura Typus C abgeschlossen. Von 1962-1971 studierte er an der Universität Bern Geografie, Geologie, Geschichte und Kunstgeschichte, speziell Architekturgeschichte. Ein Semester verbrachte er an der Universität Kiel, ein Semester an der Uni Zürich. 1976 promovierte er bei Professor Messerli mit einer Dissertation über die beiden Grindelwaldgletscher.

Von 1972-2005 wirkte Zumbühl als Lehrer für Geografie und Geschichte am Gymnasium Neufeld. Ab 1987 hielt er regelmässig Vorlesungen am Geographischen Institut der Uni Bern über Städtebau und Geografie. 1990 folgte seine Habilitierung mit einer Arbeit über die Kleine Eiszeit in den Alpen. Prof. Wanner holte Zumbühl hauptberuflich an die Uni Bern. 2005 wurde er ordentlicher Professor und gab seinen Job als Gymnasiallehrer auf. Während seiner Lehrtätigkeit wirkte er bis zu seiner Emeritierung an mehr als zwanzig Fachbüchern und Publikationen über Gletscherforschung und Gletscherkunst mit. Seit seiner Pensionierung publiziert er munter weiter mit ehemaligen Doktoranden, inzwischen Kollegen auf seinem Fachgebiet.

Das Gemälde von Caspar Wolf weckte sein wissenschaftliches Interesse an der Gletschergeschichte. 

Das ewige Eis der Alpen fasziniert Zumbühl seit seiner Jugend. Auslöser für die historische Erforschung von Gletschern war ein Gemälde von Caspar Wolf, das den Unteren Grindelwaldgletscher im Jahr 1774/76 zeigt. Blaugrün fliesst die Gletscherzunge bis tief ins Tal, gewaltig türmen sich die Zacken und Pfeiler auf, winzig-klein präsentieren sich die Menschen davor. Das Bild, von dem eine gedruckte Kopie  aus der Zeit, eine Farbaquatinta mit Dedikation, über Zumbühls Esstisch hängt, fesselte den jungen Lehrer so sehr, dass er zum Gletscherhistoriker wurde. Gemälde aus früheren Jahrhunderten sind eine wichtige Informationsquelle, die Klimatologen und Physiker nicht auswerteten bis Zumbühl dies wissenschaftlich tat. Der Berner macht mit seinen Recherchen in Archiven und Museen wichtige Informationen über den Stand der Gletscher zugänglich.

Besorgt über den fortschreitenden Klimawandel

Heinz Zumbühl ist kein Einzelgänger. Er forscht und publiziert immer in Teams, zusammen mit befreundeten Wissenschaftlern in einem riesigen Netzwerk. Der fortschreitende Klimawandel besorgt den Gletscherkenner sehr. Zwar ist nachgewiesen, dass es während der Kleinen Eiszeit, zwischen dem 14. und dem 19. Jahrhundert, in Mitteleuropa drei Abkühlungen gab. Um 1390, um 1600 und im 19. Jahrhundert fielen die Temperaturen, und die Gletscher wuchsen. Zu den diversen komplexen  Ursachen gehören auch vulkanische Ausbrüche.

Die derzeitige Klimaerwärmung indes übertrifft alles, was die Menschheit in den vergangenen Jahrhunderten erlebte: «Wir haben nur noch fünfzig bis höchstens hundert Jahre Zeit, um zu reagieren. Dann bekommen wir massivste Probleme,» sagt Zumbühl warnend und ergänzt. In Pakistan stiegen die Temperaturen bereits heute oft auf über 55 Grad. «Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird die Erde eines Tages für den Menschen unbewohnbar. Das Eis von Grönland wird massiv abschmelzen, der Meeresspiegel wir stark ansteigen und andernorts die Buschfeuer zunehmen. Wenn einmal die immer dünner werdende Eisschicht über dem Nordpolarmeer weg ist, wird sich möglicherweise der Golfstrom verändern, der einen grossen Einfluss auf die Temperaturen und das Wetter in Europa hat,» prognostiziert er.

Der Noch-Forscher und ehemalige Dozent in seinem Büro.

Die Ursache für die Erderwärmung auf die exzessive Fliegerei zu reduzieren, findet er grundsätzlich problematisch. Jeder und jede müsse seinen CO2-Ausstoss reduzieren. Seinen persönlichen Beitrag leistet der 78-Jährige, indem er seit einigen Jahren deutlich weniger fliegt, ein Elektroauto fährt und seine Sauna nur noch ab und zu benutzt.

Bücher und Kunst

Zumbühl ist ein ebenso leidenschaftlicher wie kritischer Leser: Auf seinem Tisch liegt das neuste Buch des vietnamesisch-amerikanischen Schriftstellers Ocean Vuong mit dem Titel «Auf Erden sind wir kurz grandios». In seinem Roman entlarvt der Autor den Mythos vom amerikanischen Traum und zeigt, wie der Vietnamkrieg bis heute viele Seelen vergiftet. Die Hülle zerfällt. Ocean Vuong ist für ihn der Gegenpol zu Ex-Präsident Trump.

Bilder, Stiche, Pläne und Memorabilien: Erinnerungen auf allen Stockwerken seines Hauses.

Als Kunstliebhaber und -sammler hat Zumbühl eine Stiftung gegründet, welche die Erforschung des Klimawandels, ausgewählte Kunst und klassische Musik, vor allem junge Musiker, zuletzt zwei Flötisten, finanziell unterstützt. In seiner Freizeit geht der Stifter gerne in Ausstellungen, etwa in Paris, aber auch in Schweizer Museen. In Basel hat er kürzlich die Goya-Ausstellung gesehen. Besonders fasziniert hat ihn das grafische Werk des Künstlers. «Goya hat den Menschen durchschaut. Für ihn ist der Mensch nicht ein Tier, sondern eine Bestie», sagt Zumbühl über den Maler, der stark von den Grausamkeiten des napoleonischen Krieges gegen Spanien geprägt wurde

Traumreise an den Nordpol

Gereist ist Zumbühl mit der «Queen Mary 2» über den Atlantik, auf einem umgebauten Schiffskutter entlang der Adria-Küste (Maturareise), in einem Ruderboot auf dem Amazonas. Gefragt nach seiner schönsten Reise, kommt der Gletscherforscher ins Schwärmen: Vor fünfzehn Jahren erfüllte er sich einen Jugendtraum: Er leistete sich eine Polarreise. «Mit dem russischen Atomeisbrecher YAMAL erreichten wir am 20.Juli 2006 den Nordpol.» Das Motto der Fahrt lautete: «ICE IS NICE BUT WE BREAK IT». Zumbühl erzählt: «Das war sicher eine der interessantesten Reisen meines Lebens, wie ich sie mir vorher nicht einmal zu träumen wagte. Meer, Eis und vor allem ein Atomeisbrecher. Es war die Krönung meines Studiengebietes Ozeanographie an der Universität Kiel.

Heinz Zumbühl 2006 vor dem russischen Atomeisbrecher YAMAL am Nordpol. (Foto privat)

Der Emeritus hätte noch viele Reisewünsche und -pläne. Doch genug ist genug. Heute reist er klimaneutraler in seinen Kunstbüchern. Das italienische Genie Michelangelo hat es ihm besonders angetan.  Als Kind wollte er «David» zeichnen. Wie der Meister die berühmte Statue aus dem harten Marmor herausschlagen konnte, zeigt für Zumbühl die Genialität des Renaissancekünstlers. Bewundernswert findet er auch, dass der 89jährige Michelangelo bis wenige Tage vor seinem Tod arbeiten konnte. Wer weiss, vielleicht entspricht dies auch Zumbühls Vorstellungen.

Sein wichtigstes Buch.

Die Grindelwaldgletscher,
Kunst und Wissenschaft,
Heinz J. Zumbühl, Samuel U. Nussbaumer, Hanspeter Holzhauser, Richard Wolf,
Haupt-Verlag, 2016,
ISBN  978-3-258-07871-7

Titelbild: Der Gletscherhistoriker auf dem Sofa in seinem Wohnzimmer. (Fotos PS)

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