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Du nimmst dich mit

Auf der Zunge meines Schwiegervaters lag der Spruch: «Wenn du fortgehst, nimmst du dich mit.» Er sagte dies, wenn Leute prahlten, sie hätten genug vom kleinen Dorf, sie würden verreisen. Es konnte sich um eine längere Reise in ein fernes Land handeln oder um einen Wegzug in die Stadt. Er arbeitete während des ersten Weltkriegs in Berlin und es war ihm bis zum Kriegsende verboten, in die Heimat zurückzukehren. Diesem Satz, den er stante pede wiederholte, begegne ich gerade in einem Brief von Ludwig Wittgenstein*, der einem Freund antwortet, der ihn nach Amerika einlädt

Wer die Biographie dieses Philosophen näher betrachtet, wird einem Mann begegnen, der kein Sitzleder hatte, der immer wieder den Ort wechselte, sich entschloss zu bleiben und doch nicht blieb. Sein grosses Erbe schenkte er seinen Geschwistern, ging nach London, wechselte beständig den Wohnsitz, entschied sich, Lehrer zu werden in einem kleinen österreichischen Dorf, wo er einige Jahre Primarschüler unterrichtete. In Cambridge dozierte er später Philosophie, lernte Freunde kennen, um sich dann eine Weile nach Norwegen zurückzuziehen. Er liebte die Einsamkeit, aber er hielt sie nicht aus.

In einem Brief an seinen amerikanischen Freund schreibt er: «Gespräche brauche ich nicht. Was ich gerne hätte, wäre jemand, dem ich gelegentlich zulächeln könnte.» Einsamkeit zu ertragen, ist auch für einen Philosophen und wilden Denker äusserst schwierig. Wechselt er immer wieder seinen Wohnort, wird er kaum mit einem Lächeln begrüsst werden.

Als sein Freund mit seiner Familie nach Amerika zog, lud dieser ihn für einige Wochen ein. Wittgenstein erwog, die Einladung anzunehmen, obwohl er es für schwierig hielt: «Die Hauptquelle meiner Schwierigkeiten, weisst Du, das bin ich selbst, und mein Selbst würde leider immer mitkommen, wohin ich auch gehe.» Diese Briefstelle erinnert mich an meinen Schwiegervater. Alle die aus der Heimat in ein anderes Land gehen, sollten sich diesen Satz merken.

Von Expats höre ich, die Schweiz sei sehr schön, aber sie würden kaum mit einem Lächeln begrüsst und man finde hier nicht leicht Anschluss. Wer dies sagt, müsste den Satz von Wittgenstein memorieren. Klagt ein Zuwanderer oder Auswanderer, ihm fehle am neuen Ort das Lächeln, könnte es daran liegen, dass er nicht bemerkt, dass er sein Selbst mitgenommen hat. Der Satz meines Schwiegervaters beherzigte ich, als ich mit meiner Familie nach Berlin umzog.

Ich schrieb mich als Student auf der Universität ein, wo es mir nicht gelingen wollte, mich der preussischen Redeweise anzupassen. Mir schien, die deutschen Studenten seien alle Schnelldenker. Wollte ich mir in den Kolloquien auf der Universität Gehör verschaffen, musste ich mehr Mut fassen und mein Selbst stärken, sonst drohte, ich als graue Maus zu verkümmern. Ich versuchte mich mit Kollegen anzufreunden. Einer Kollegin, sie hiess Gisela, die eher langsam sprach, machte ich ein Kompliment. Wenn sie rede, könne ich ihren Gedanken, im Unterschied zu vielen Kollegen, gut folgen. Ich fragte sie, warum sie ihre Gedanken eher langsam entwickle. Sie antwortete: «I bi umegäng während em Chrieg bi minere Tante zBern gsi.» Nun hatte ich eine Person gefunden, wie sie sich Wittgenstein wünschte, der ich gelegentlich zulächeln konnte, und dies ohne mein Selbst in der kurzen Zeit in Berlin gross zu ändern.

*Norman Malcolm: Erinnerungen an Wittgenstein. Bibliothek Suhrkamp 1987.

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2 Kommentare

  1. Ein Ausspruch meiner Mutter: Deinen Rucksack nimmst du überall mit. Bevor ich ihn durch eigene Erfahrung wirklich begriff, hat er mich von Anfang an beeinflusst. Ich wurde eine grosse Verdrängerin meiner Gefühle und meine Überlebensstrategie. Ich hatte keine Privilegien wie Sie, Herr Iten. Trotz Intelligenz, guten Schulnoten und Neugierde, war ein gewünschtes Studium als Anwältin in meinem Lebenslauf nicht vorgesehen. Ich musste mich als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern in den 1980-2000 Jahren durch berufliche und persönliche Anforderungen durchkämpfen. Mein Leben war ein Hürdenlauf mit der inneren Verpflichtung, IMMER für meine Kinder da zu sein. Das habe ich nie bereut, doch es bleibt im Alter ein Wermutstropfen.

    Wann immer ich Ihre oder andere Schilderungen von älteren Männern über das Leben und ihre Gedankenwelt höre, macht es mich einfach nur wütend. Wütend, dass nur weil wir Frauen sind, uns so viele Stolpersteine und Vorurteile in den Weg gelegt wurden und Selbstverwirklichung immer mit schmerzlichen Erfahrungen und Verlusten einhergingen, bis heute.

  2. Zum Glück nehme ich mich jeweils selber mit, wenn mich ab und an die Unruhe heimsucht und ich mich nach Inspiration, Rückzug und neuen Ufern sehne. Ich möchte nicht ohne mich weiterziehen. Was ich jedoch festgestellt habe auf meiner nomadischen Reise durchs Leben, dass ich mich zwar mitnehme, dass ich jedoch anderswo mehr Resonanz und Inspiration erfahre, mich wohler und aufgehobener fühle. Und irgendwann wir zwei – ich und ich oder ich und mein Rucksack 😉 – wieder los und erleben neue Abenteuer. ob ich wohl Wittgenstein’sches Blut in mir habe? .

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