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Lokaler Service Public auf Papier

Wegen der Halbierungsinitiative steht derzeit die SRG im Fokus. Ihr Budget dürfe nicht halbiert werden, sonst seien die Demokratie sowie der Zusammenhalt der Schweiz in Gefahr, argumentieren die Gegner der Initiative. Dabei geht vergessen, dass auch kleine Regional- und Lokalzeitungen einen lokalen Service Public erbringen.

In den 1990er-Jahren begann in der Schweiz die Konzentration der Zeitungslandschaft mit Fusionen: Grossverlage legten Komplettzeitungen zusammen, kauften kleinere Blätter auf und bauten massiv journalistisches Personal ab. Neben dem Aufkommen der Gratiszeitungen und des Internets trieben sinkende Anzeigen- und Werbeerträge den Strukturwandel voran.

Der inzwischen pensionierte Medienprofessor Roger Blum und langjährige SRF-Ombudsmann hatte Ende der neunziger Jahre prophezeit, dass in der Deutschschweiz nur zwei bis drei Grossverlage sowie Lokal- und Regionalzeitungen überleben würden. Mittelgrosse Medien sollten, so Blums These, dem Zeitungssterben zum Opfer fallen.

Wir fragten Roger Blum und seinen Kollegen, Vinzenz Wyss, ob sich die Prognose von damals bewahrheitet hat und wenn ja, weshalb.

Seniorweb: Herr Blum, beschreiben Sie die Entwicklung der Schweizer Zeitungslandschaft in den letzten 20 bis 30 Jahren?

Roger Blum: Das Internet hat alles verändert. Erstens wurde das Meiste gratis. Zweitens entstanden die Tech-Giganten. Drittens kamen «Social Media» auf. Das Publikum begann, sich anders zu informieren. Früher steckte am Morgen die Zeitung im Briefkasten, am Mittag hörten der brave Schweizer und die pflichtbewusste Schweizerin Radio, und am Abend sass man vor dem Fernseher. Die Zeitungen und die Programmmedien konnten auf ein festes Publikum zählen, das heisst: Sie hatten Reichweite, und das generierte Werbeeinnahmen.

Mittlerweile ist das Publikum nicht mehr treu. Es informiert sich permanent und in kleinen Brocken über das Smartphone. Es braucht die ständige Begleitung der Zeitung oder des Radio- / TV-Programms nicht mehr zwingend. Diese verloren an Reichweite, was zur Folge hatte, dass die Werbung bei den klassischen Medien wegbrach und zu den Tech-Giganten abwanderte. Die Medienkrise war da.

Warum trifft sie die mittelgrossen Medien am stärksten, die ganz grossen Häuser aber weniger und die ganz kleinen kaum? Die mittelgroßen Zeitungen (in der Schweiz mit Auflagen von 20`000 Exemplaren oder weniger) kamen kaum an die grossen nationalen Werbekampagnen (z.B. von Migros und Coop) heran, mussten auch bei den Abopreisen moderat bleiben, hatten also zu wenig Einnahmen, um sich eine grosse, spezialisierte Redaktion zu leisten. Trotzdem versuchten die meisten dieser Zeitungen, nicht nur das Regionale abzudecken, sondern auch in den Bereichen Ausland, Inland, Kultur, Sport und «Faits divers» etwas zu bieten. Das wurde aber mit dem Wegbrechen der Werbung zu teuer.

Ich habe über die Geschichte der «Basellandschaftlichen Zeitung» ein Buch geschrieben (<Das Blatt der Patrioten. Geschichte der Basellandschaftlichen Zeitung>. Liestal. Verlag Baselland. 2024): Verleger Mathis Lüdin verdiente mit seinem Unternehmen bis zur Jahrtausendwende viel Geld. Danach wurde alles schwierig: Druckaufträge gingen nach Indien statt nach Liestal. Die Papeterie der Migros hatte längst das grössere Angebot als die der Lüdin AG. Die Zeitung verlor an Auflage, Werbung und Reichweite. Mathis Lüdin ging 2006 eine Kooperation mit dem Aargauer Verleger Peter Wanner ein. Es entstand eine Mantellösung. 2007 verkaufte Lüdin seinen Verlag an Wanner.

Roger Blum: «Kleine Zeitungen haben überlebt, weil sie in der Regel ein treues Stammpublikum besitzen».  Foto: SRF / Oscar Alessio.

Auch die grossen Medienhäuser leiden unter der Medienkrise, aber sie haben gelernt zu diversifizieren: Längst verdienen sie viel Geld mit Aktivitäten im Internet. Die gedruckten Zeitungen sind nur noch ein Teil der Verlagsaktivitäten (und mit dem eingeführten Titel das Symbol für das Renommée). Durch den Zusammenkauf verschiedener Medien (vor allem durch die tx-Group) haben sie nach wie vor Reichweite. Die grosse Zahl an Medien (bei CH Media auch im Radio-TV-Bereich) erlaubt Synergien.

Weshalb haben viele Lokalzeitungen überlebt? Ganz kleine Medien haben in der Regel ein treues Stammpublikum. Da sie nie den Ehrgeiz hatten, eine Komplettzeitung mit allen Ressorts zu produzieren, sondern sich nach wie vor als Zweitzeitung verstehen, konnten sie sich mit einer relativ kleinen Redaktion begnügen. Da das lokale Gewerbe inseriert, geht die Rechnung auf.

Seniorweb befragte einen zweiten Experten, den Zürcher Medienprofessor Vinzenz Wyss:

Seniorweb: Herr Wyss: Weshalb ziehen sich Grossverlage aus dem Lokaljournalismus zurück?

Vinzenz Wyss: Die Prognose von Roger Blum hat sich bestätigt. Grund für die Entwicklung ist die Finanzierungskrise des Journalismus. Grossverlage ziehen sich laufend aus dem Lokalen zurück, weil sich dort immer weniger Geld verdienen lässt. Sparmassnahmen haben Entlassungen bei vielen Zeitungsredaktionen, die Zentralisierung in der Produktion und die Einstellung von Titeln zur Folge. Es kommt zu Übernahmen und Joint Ventures. Es gibt immer weniger eigenständige Verlage und immer mehr Regionen übergreifendes Medieneigentum.

Vinzenz Wyss: «Lokalzeitungen müssen für jüngere Generationen attraktiv werden und in kostenintensive Innovationen investieren.» Foto: SRF / Oscar Alessio.

Der Grossverlag CH Media übernahm beispielsweise im letzten Jahr das im Jahr 1873 gegründete, bisher eigenständige «Zofinger Tagblatt». Aber auch die reichweitenstarke Gratiszeitung «20minuten» führte die separat geführten Redaktionen in der Deutsch- und Westschweiz zu einer nationalen Redaktion zusammen und zog sich aus Basel, Genf, Luzern und St. Gallen zurück. Inzwischen wurde sogar die gedruckte Ausgabe eingestellt.

Es mag sein, dass sich in einigen regionalen Nischen Kleinverlage halten können, weil sie mit einem treuen, aber in die Jahre gekommenen Publikum rechnen können und das Kleingewerbe noch bereit ist zu inserieren. Aber auch dort muss man zusehends für jüngere Generationen attraktiv werden und in kostenintensive Innovationen investieren. Die Ressourcen reichen meist nicht aus, um im Lokalen neben Verlautbarungen kritische Recherchen anzustellen.

Fazit: Lesernähe und Alltagsrelevanz sind wichtig

Lokalzeitungen wie die Lokalnachrichten Muri-Gümligen, der Frutigländer oder der Anzeiger von Saanen erreichen ihre Leserinnen und Leser mit Berichten über Gemeindepolitik, Vereinsleben und Regionalsport, alles Themen, welche die nationalen Medien ignorieren. Diese Nähe schafft Vertrauen: Im Gegensatz zu «Social Media» liefern Lokalzeitungen geprüfte Fakten, was die Bindung zu den Abonnenten stärkt.

Zudem wecken Lokalzeitungen Betroffenheit, indem sie Themen wie Schulschliessungen, Verkehrsprojekte, kirchliche Veranstaltungen oder – in Muri-Gümligen – das Seilziehen um den «Trampelpfad» persönlich machen, was die direkte Demokratie belebt. Solche Ereignisse unterstreichen, wie Lokalmedien emotionale Nähe zu regionalen Konflikten schaffen und Politiker mobilisieren.

Beitrag zur lokalen Meinungsbildung

In einem Land mit häufigen Volksabstimmungen sind Lokalzeitungen essenziell für informierte Debatten. Sie ergänzen die SRG-Angebote sowie die grossen Mainstream-Medien. Der Medienmonitor Schweiz weist jährlich auf die zunehmende Konzentration sowie auf den Umstand hin, dass lokale Blätter Vielfalt und kritisches Denken fördern. Trotz Onlinemedien-Wachstum bleiben Lokalzeitungen unverzichtbar für die lokale Meinungsbildung.

Titelbild: Regionalzeitungen bieten in aller Regel kein publizistisches Komplettangegebot, sondern konzentrieren sich auf die Lokalberichterstattung. Foto/Montage: PS

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2 Kommentare

  1. Es ist doch logisch, dass Regionalzeitungen durch ihre Nähe zur Bevölkerung ehrlicher und aktueller sind und damit auch den Zusammenhalt fördern und stärken, als dies überregionale Berichterstattungen tun können. Sie sind die kleinen Helfer einer funktionierenden Demokratie und sollten, wie das Regionalradio und -Fernsehen, stärker von der öffentlichen Hand unterstützt werden, damit ohne Druck seriöser Service Public in den Regionen landesweit möglich bleibt.

    Ich bin ein überzeugter Fan einer gesamtschweizerischen Gratiszeitung. Leider geht die Tendenz in die Sozialen Medien, wo man jedoch oft die Quelle der Nachrichten nicht kennt. Man sollte wichtige Informationen nicht allein dem Internet überlassen. Zudem können sich viele eine Zeitung schlichtweg nicht leisten.

    Anstatt sich gegenseitig das Wasser abzugraben, könnten hier für einmal die gutverdienenden grossen Zeitungsverlage, die mit ihren Milliardenumsätzen den kleinen und mittleren Dienstleistern das Geschäft kaputt machen, zusammen eine überregionale Gratiszeitung für die Schweizer Bevölkerung finanzieren und damit die demokratische Meinungsbildung in grossem Stil befördern. Gut recherchierte News aus aller Welt, in kurzer und verständlicher Sprache, überall gratis zu haben, hätte bestimmt eine grosse Akzeptanz bei der Bevölkerung. Eigenwerbung inbegriffen! Wer tiefere Einblicke von Nachrichten will, orientiert sich weiter.

  2. «Der Medienmonitor Schweiz weist jährlich auf die zunehmende Konzentration sowie auf den Umstand hin, dass lokale Blätter Vielfalt und kritisches Denken fördern.» Diese Aussage bringt es auf den Punkt. Ich habe die vergangenen 15 Jahre Lokalzeitungen als Chefredaktorin geführt und kenne deshalb die Schwierigkeiten, die sich bieten. Und dennoch: Diese Art des Journalismus, der schwierigste überhaupt, macht sich in vielerlei Richtungen bezahlt. Leider nicht monetär und die Finanzierung solcher Lokalzeitungen muss immer wieder neu diskutiert werden. Aber eine Gratiszeitung, wie sie Frau Mosimann vorschlägt, ist aus meiner Sicht völlig undenkbar, auch weil damit die dahinter stehende Abeit (Redaktion, Produktion, Backoffice) keine Wertschätzung erhalten würde.

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