Schlecht vergleichbare Offerten. Im Vergleich mit dem Ausland viel höhere Preise. Personal, das gerne teure Geräte verkauft. Zu tiefe Pauschalen für AHV-Bezüger. Zum Glück gibt es über den Hörgeräte-Markt auch Positives zu vermelden.
Pro Audito beurteilt als unabhängige Non-Profit-Organisation den Markt. Co-Geschäftsleiterin Heike Zimmermann fordert unter anderem mehr Transparenz und dass AHV-Bezüger bessergestellt werden. Andere Hinweise der Expertin klingen erfreulicher, sind aber der Käuferschaft kaum bekannt. So bieten die meisten Akustikerketten Geräte an, die nicht der allerneusten Technik entsprechen, aber deutlich grünstiger sind.
Heike Zimmermann verdeutlicht ihr Insider-Wissen im Interview.
Seniorweb: Die Schweizer Akustiker werben gerne und häufig mit Rabatten bis zu 50 Prozent. Das macht misstrauisch. Ist die Konkurrenz so gross oder operiert die Branche mit Mondpreisen?
Heike Zimmermann: Die grossen Rabatte, vor allem für Neukunden, machen tatsächlich stutzig, Die Preisgestaltung der Hörgeräte ist teilweise undurchsichtig. Solch hohe Rabatte verhindern Transparenz. Das Zusammenspiel zwischen Herstellern und Anbietern durchschauen auch wir von Pro Audito nicht gänzlich. Wobei man auch immer sagen muss: Wir kennen auch Akteure, die seit Jahren transparent kalkulieren.
Namen bitte.
Die kann ich leider nicht nennen.
Viele Akustiker nennen nur die Endpreise einschliesslich Beratung und verheimlichen die Kosten der Geräte. Das verhindert Vergleiche.
Es gibt keine Vorgaben, wonach der Akustiker die Offerten erstellen muss. Vor allem der Punkt Beratung/Service wird sehr unterschiedlich gehandhabt. Hier klarere Vorgaben zu haben, würde ermöglichen, die Offerten miteinander zu vergleichen. Wir wünschen uns solche verbindlichen Vorgaben, aber die Rechtsgrundlagen fehlen dafür. Wobei auch angemerkt werden muss, dass viele Kundinnen und Kundinnen gar nicht nach einer Offerte fragen. Dies zu machen, ist eine klare Empfehlung von uns.
Unübersichtliche Rabatte für Hörgeräte erschweren oder verhindern Preisvergleiche. Die Akustikerketten gewähren diese Preisnachlässe vor allem den Neukunden.
Ist zu vermuten, dass die Akustiker möglichst teure Geräte empfehlen?
Wir möchten auf keinen Fall alle Akustikerinnen und Akustiker in einen Topf werfen. Es gibt viele, die machen einen guten Job. Aber es gibt auch Geschäfte, die den Hörgeräte-Verkäuferinnen und Verkäufern Provisionen geben. Das führt gegebenermassen zu unguten Anreizen, dass möglichst teure Geräte verkauft werden.
Hörgeräte sind im Ausland, vor allem in Dänemark, viel günstiger.
In Dänemark werden die Apparate durch den Staat zentral eingekauft und an die Akustikergeschäfte weiter vermittelt. Dieses Modell ist allerdings ein grosser Eingriff in den Markt und würde bei uns aktuell politisch scheitern.
Aber nach Lörrach oder Konstanz zum günstigeren Akustiker zu fahren lohnt sich doch. Die AHV-Pauschalen fliessen auf das individuelle Konto des Käufers, unabhängig davon, wo er die Geräte kauft. Preisüberwacher Stefan Meierhans hat 2025 in einem «Kassensturz»-Interview die Differenz kritisiert: «Der Preisunterschied zum Ausland kann aktuell bis Faktor zwei oder drei ausmachen.»
Hörgeräte sind in der Schweiz tatsächlich teurer, das ist ja bei anderen Sachen auch so. Sie sind auch kaufkraftbereinigt teurer. Zu bedenken ist jedoch, dass die Schweizer Kundschaft damit rechnen muss, dass sie zum Testen oder auch später zur Nachjustierung mehrmals ins Ausland fahren muss. Das kann die Einsparungen schmälern. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass nur Hörgeräte, die auf der sogenannten Metas-Liste stehen, von den Sozialversicherungen unterstützt werden. (Die Metas-Liste umfasst alle Hörgeräte, die von der IV/AHV anerkannt sind. Redaktion.)
Früher entschädigten IV und AHV den Schwerhörigen die tatsächlichen Kosten ihrer Geräte, abgestuft nach dem Grad der Beeinträchtigung. Seit 2011 erhalten sie nur noch Pauschalen, die meistens tiefer sind als die realen Kosten.
Zuerst: Besser sagt man Menschen mit Schwerhörigkeit. Sie sind ja in erster Linie nicht Schwerhörige, sondern Menschen mit gewissen Einschränkungen.
Danke, ich werde daran denken.
Die neuen Regeln hat man 2011 eingeführt, weil vorher sehr viel Geld in die Hörgerätebranche wanderte. Mit Pauschalen wollte man das stoppen. Nun erhalten IV-Bezüger 840 Franken für ein einzelnes Gerät und 1650 Franken für beide. Die Ansätze für Menschen im Referenzalter AHV liegen deutlich tiefer: 630 und 1237 Franken. Nötig ist zwar immer noch eine ärztliche Verordnung, sie ändert aber nichts an den Pauschalen.
Wenn ich diese Beträge mit den tatsächlichen Preisen vergleiche, reicht das hinten und vorne nicht.
Wir haben ausgerechnet, dass Menschen mit Schwerhörigkeit für ein Zweierset durchschnittlich über 3700 Franken aus der eigenen Tasche zahlen.
Ich höre wohl nicht gut. Der Bund spart auf Kosten der Menschen mit Schwerhörigkeit.
Die Politik hat das wohl nicht so beabsichtigt. Die Konsequenzen sind aber so: Die Branche verdient in etwa gleich viel wie vor dem Systemwechsel. Die Mehrkosten tragen sowohl die AHV- als auch die IV-Versicherten. Wobei dies nicht zwingend so sein muss: Es gibt auch die so genannt zuzahlungsfreien Geräte, die man mit dem Beitrag aus der Sozialversicherung zahlen kann.
Auch bei anderen Bereichen sind die AHV-Entschädigungen bedeutend tiefer, als jene der IV, Dieser nicht zu rechtfertigende Graben besteht also auch bei den Hörgeräten.
Leider ja. Er existiert zum einen bei den oben erwähnten Pauschalentschädigungen. Da bezahlt die AHV bei allen Hilfsmitteln nur 75% des Betrags der IV. Er besteht zum andern auch bei der Hörschwelle, ab der die Sozialversicherungen Beiträge zahlen. IV-Versicherte erhalten ab einem durchschnittlichen Hörverlust von 20 Prozent eine Unterstützung. AHV-Rentnerinnen und -Rentner müssen einen Hörverlust von mindesten 35 Prozent haben. Diese Differenz ist gewaltig und aus unserer Sicht nicht tragbar. Wer einen solch hohen Hörverlust hat, kann zum Beispiel Singvögel nicht mehr hören. Pro Audito fordert, dass die AHV-Grenze auf die IV-Grenze gesenkt wird.
Was meinen die Expertinnen und Experten: Soll man sich erst dann ein Gerät anschaffen, wenn man deutlich schlechter hört?
Nein, bereits vorher. Hören mit Geräten muss man lernen. Wenn man erst bei einem grösseren Hörverlust einsteigt, wird es viel schwieriger, als wenn man sich von Anfang daran gewöhnt hat. Wer die Vögel noch hört, kann besser beurteilen, wie das Hörgerät zum Beispiel auf Vogelgezwitscher angepasst werden muss. Ein unbehandelter Hörverlust führt zu Rückzug, sozialer Isolation und erhöht das Risiko von Stürzen oder an Depressionen oder Demenz zu erkranken. Eine gute Hörversorgung ist also auch Prävention.
Wie finanziert sich Pro Audito?
Neben Mitgliederbeiträgen, Spenden und Legaten erhalten wir finanzielle Hilfe vom Bund und von Stiftungen. Pro Audito ist von der Zewo als gemeinnützig zertifiziert. Bei manchen Projekten arbeiten wir mit Akustikerketten oder Herstellern zusammen. Wir sind aber in jeder Hinsicht unabhängig.
Sparen
Mit Geräten vom letzten Jahr, mit einfachen Geräten aus der Apotheke, mit Geräten aus dem Online-Handel.
◆ Das wissen viele nicht: Gemäss Heike Zimmermann bieten neun von zehn Akustikern zuzahlungsfreie Geräte an. Das sind Apparate, deren Preis innerhalb der IV/AHV-Pauschalen liegen. Es sind oft Modelle, die über eine solide Grundausstattung verfügen, aber vielleicht nicht dem allerneusten Stand entsprechen. Das nützt jenen, die nicht die modernste, oft komplizierte Technik brauchen. Es lohnt sich, im Geschäft nach solchen Apparaten zu fragen und diese zu testen.
◆ Einige Apotheken verkaufen ohne eigentliche Beratung einfache Modelle. Gemäss Pro Audito habe sich dieses Geschäft nur marginal entwickelt. Heike Zimmermann räumt ein, dass diese Geräte als Einsteigermodelle durchaus ihren Zweck erfüllen können.
◆ Vor einigen Jahren ist auch die Migros mit Misenso und günstigeren Geräten ins Geschäft eingestiegen. 2024 hat die Akustikerkette Neuroth den Migros-Ableger übernommen. Der neue Besitzer versteht sich nicht als Billiganbieter. Die Misenso-Filialen behielten vorerst ihre Standorte meist in grossen Migros-Zentren. Doch im Herbst 2025 schloss Neuroth 11 der 29 Misenso-Filialen, weil sie nicht rentabel waren.
◆ Hörgeräte können auch online bestellt werden. Sie sind über diesen Kanal bedeutend günstiger. Heike Zimmermann gibt zu Bedenken: Sie auf die individuellen Bedürfnisse einzustellen, erfordert digitale Grundkenntnisse.
Geschichte
Hörrohre waren ab dem 17. Jahrhundert gebräuchlich. Ab 1900 folgten elektrische Verstärker. Heute verbauen die Hersteller Hochleistungs-Chips.
Hörrohre.1800 bis 1900. Klassische Bauform. Hörpfannen. 1850 bis 1900. Bündelung der Schallweillen. Hörglöckchen. Ende 19. Jhd. Kompakte Hörrohre. Hörschlauch. Ab 1820. Verdecktes Tragen im Ärmel. Kopfbügel. Ende 19. Jhd., beidohrige Versorgung. Röhrengerät. 1937. Mit Radio-Verstärkertechnik. Kohlenmikrofon. 1901 bis 1935. Erste elektrische Hörhilfen. Modernes Gerät. Im Ohr. Digital. Mit Chips. Kaum mehr sichtbar.
Pro Audito
Beratung, Trainings, kein Verkauf, Vereine in der ganzen Deutschweiz.
Der 3. März ist der Welttag des Hörens.
Die Non-Profit-Organisation bietet zusammen mit 24 regionalen Vereinen betroffenen Menschen Unterstützung für den Alltag – von Hör- und Technologieberatung, bis hin zu Lippenlese- und Hörtrainings. Pro Audito arbeitet mit Fachpersonen zusammen und setzt sich für die Rechte und Chancen der Menschen mit Schwerhörigkeit ein.
Der 3. März ist der Welttag des Hörens. Zu diesen Anlass organisiert Pro Audito an diesem Dienstag von 17.30 bis 18.30 ein Webinar (Online-Seminar mit Videokonferenz). Experte Dominic Höglinger erklärt die finanziellen und gesundheitlichen Konsequenzen der Schwerhörigkeit. Teilnahme gratis, Anmeldung über Pro Audito.
Bilder: zvg, Hörgeräte-Museum Lübeck, pst
