Unter dem Titel «Murten, ausgeschlachtet. Ein Sieg wird in Szene gesetzt» zeigt das Bernische Historische Museum (BHM) eine Ausstellung, in der es nicht nur um Fakten der berühmten Schlacht, sondern auch um die Art und Weise geht, wer wie über Kriege berichtet. Zum Beispiel über die neusten Angriffe Israels und der USA auf den Iran.
Vor fünfzig Jahren war ich Teil der nachgestellten Schlacht vor den Toren Murtens. Ich erinnere mich genau: Als Figurant des eidgenössischen Heeres kämpfte ich auf dem «Schlachtfeld» gegen die Burgunder (darunter etliche Mitschüler) und genoss nach dem «Sieg» genüsslich eine Wurst mit Kartoffelsalat. Patriotisch betonte der damalige Bundesrat Rudolf Gnägi, Vorsteher des EMD, in seiner Festansprache, «Murten» sei «ein Ort des Gedenkens an die Bundestreue der Eigenossen».
Heute, fünfzig Jahre später, sieht man die Sache deutlich weniger patriotisch und noch weniger martialisch. Zwar nehmen wir die Schlacht nach wie vor als wichtiges Ereignis in der Schweizer Geschichte wahr. Doch heute reden wir auch von den Verlusten, vom Leid, das die Schlacht über Zehntausende von Familien brachte, und von der Instrumentalisierung des Siegs der Eidgenossen als Mythos. Anders als nach dem kurzen Sonderbundskriegs und der Gründung des Bundesstaates, als die Schlachtfeier 1876 ganz im Zeichen des Patriotismus und Zusammenhalts stand, ist unsere heutige Perspektive auf Schlachten kritischer, weniger heroisch.
Die 360-Grad-Rundum-Leinwand mit dem digitalisierten Murtenpanorama.
Kern und Höhepunkt der neuen Ausstellung ist das berühmte Murtenpanorama, das seit der Expo 02 (im Monolith von Jean Nouvel) nie mehr zu sehen war. Das 1894 fertiggestellte Murtenpanorama besteht aus drei riesigen Rollen, jede über eine Tonne schwer. Eine der Giga-Rollen wird in der Ausstellung im BHM gezeigt.
Nach der Expo 02 entstand die Idee, das Panorama in einem Sonderbau des BHM permanent auszustellen. Die Stiftung «Murtenpanorama» und das BHM besiegelten die Absicht vertraglich, doch aus finanziellen Gründen wurde nichts aus dem Projekt. 2017 wurde die Vereinbarung aufgelöst.
Gigantisches digitales Kunstwerk
Ab 2023 digitalisierte die EPFL Lausanne das Monumentalgemälde aus 27’000 Bildern zur weltweit grössten digitalen Objektabbildung. Geschaffen wurde ein Terapixel-Panorama mit einer Gesamtauflösung von 1,6 Terapixel. Als die Berner Ausstellungsmacher dieses gigantische Produkt sahen, entschlossen sie sich, es in die Erinnerungsschau «550 Jahre Schlacht bei Murten» zu integrieren. Zur Entstehung des Immersionsprodukts existiert ein YouTube-Video (Kommentar in englischer Sprache):
Zu sehen sind auf der 360-Grad-Rundum-Leinwand zahllose Details wie die Ringmauer, von Murten, der See, das Schloss Muntélier, umliegende Dörfer, Zelte, Schlachtpferde, Soldaten in Rüstungen, Pfeile, Himmel, Bäume. Der Verteidiger von Murten, Adrian von Bubenberg, verlässt mit seinen Getreuen gerade das Städtchen, während der Zürcher Hans Waldmann, die Anführer Kaspar von Hertenstein, Segesser von Brunegg in Kämpfe mit den Burgundern verwickelt sind. Herzog Karl der Kühne ist auf dem Bild im Begriff, die Flucht zu ergreifen.
Das teilweise abgerollte Murtenpanorama kann im Original betrachtet werden.
Das digitalisierte Panorama eröffnet ganz neue Möglichkeiten, die Schlacht im Museum zu erleben: Mit einem Controller navigieren Besuchende individuell durch die unzähligen Szenen und zoomen so nah heran, dass selbst kleinste Details wie das verzerrte Gesicht eines Sterbenden sichtbar werden. Die optischen Eindrücke werden von einer Soundkulisse begleitet, mit tumultartigen Kriegsgeräuschen, stöhnenden Verletzten, aufscheuchten Pferden sowie Vogelgezwitscher.
Im Rahmen einer Partnerschaft mit der EPFL wird das digitalisierte Panorama erstmals in einer 360°-Inszenierung gezeigt. Zudem finden an ausgewählten Tagen Führungen mit speziell entwickelten Duftkompositionen – von köchelnder Suppe bis zu schweissnassen Kämpfern – statt.
Zeitgeist beeinflusst Interpretation
1476 schlugen die Eidgenossen in einer eintägigen, äusserst blutigen Schlacht die Truppen von Karl dem Kühnen. Rund 10’000 Tote soll die Schlacht gefordert haben, die meisten auf der Seite der Burgunder. Der gloriose Sieg spielte später eine herausragende Rolle im Selbstverständnis der Schweiz, als der Schweizer Bundesstaat gegründet wurde.
«Die Ausstellung macht deutlich, dass Kriegsverherrlichung in der Rückschau nicht nur im Ausland stattfand, sondern auch in der Schweiz – etwa im späten 19. Jahrhundert, um den Zusammenhalt des jungen Bundesstaats zu stärken», erklärt Aline Minder, Verantwortliche des Fachbereichs Programm, anlässlich der Eröffnung.
Zwischen Realität und Wirklichkeit: Die Schlacht bei Murten digital ins Szene gesetzt.
Die Interpretation des Panoramas hat sich seither erneut geändert: Im rostigen Monolithen von Jean Nouvel wollte sich die Schweiz noch als weltoffenes Land präsentieren. 24 Jahre später erhält das Schlachtbild wieder eine neue Bedeutung: Museumsdirektor Thomas Pauli-Gabi bezieht sich auf die neuste Aktualität: «Aktuelle Konflikte zeigen, wie notwendig es ist, Narrative der Beteiligten zu hinterfragen. Die Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen wie der Schlacht bei Murten helfen, solche Mechanismen besser zu verstehen und so Bezüge zu unseren Erfahrungen herzustellen.»
Weitere Ausstellungsobjekte
Ausser dem wertvollen Panorama werden im BHM weitere Objekte der Burgunderbeute gezeigt: Darunter befinden sich Kriegstrophäen, die zu Kulturgütern wurden, etwa eine Caesar-Tapisserie. Die grossformatigen Wandbehänge sind in Bern seit der Museumsgründung 1894 ausgestellt und werden seit 2012 in einem aufwendigen Restaurierungsprojekt konserviert, das 2027 zum Abschluss kommen soll. Eine der Tapisserien ist bereits fertig restauriert und kann nun erstmals wieder in ganzer Pracht bewundert werden.
Neben Rüstungen und Waffen wird im BHM auch eine frisch renovierte, wertvolle Tapisserie (links) gezeigt.
Die neue Ausstellung im Bernischen Historischen Museum (BHM) gibt Gelegenheit, über Kriege, über Schlachten nachzudenken. Wer erzählt die Geschichte, zu welchem Zweck, und wem nützt die Inszenierung von Krieg anlässlich von Jubiläen?
Just am 4. Jahrestag des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine gelangte anlässlich der Ausstellungsvernissage die «Festkantate zur Jubelfeier der Schlacht bei Murten» zur Aufführung. Gespielt nicht durch das Berner Symphonie-Orchester, sondern – symbolisch wirkungsvoll – durch das Jugendorchester der Ukraine.
An der Vernissage im Casino war auch die Rede von Patriotismus, Nationalismus und Verherrlichung. Angesichts des anhaltenden Ukrainekriegs und der neuen Angriffe Israels und der USA auf den Iran sind die nationalistischen Interpretationen von Kriegen und Schlachten nur schwer zu ertragen. Die neue Ausstellung im BHM ist zum Glück keine patriotische Verherrlichung, sondern eine Warnung davor, dass die Menschheit auf dem besten Weg ist, sich selbst zu vernichten.
Fragen zur Interpretation von Schlachten und Kriegen: am Ausgang der Ausstellung.
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Begleitprogramm
Nebst Führungen und vielseitigen Angeboten für Gruppen und Familien bietet das BHM ein vielfältiges Rahmenprogramm. Am 27. und 28. Juni 2026 verwandelt sich der Museumspark in einen historischen Schauplatz. 80 Darstellende der Reenactment-Gruppe Company of Saynt George zeigen authentisches Lagerleben, Schaukämpfe und mittelalterliche Küche.
Die Ausstellung will zum Nachdenken über Strategien und Mechanismen von Schlachtinszenierungen und Kriegsbildern anregen.
Im Herbst diskutieren Fachpersonen im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Ein Abend im Museum» über moderne Kriegspropaganda, kollektive Identitätsbildung und Desinformation. Zusätzlich zu den ordentlichen Rundgängen gibt es neue inklusive Angebote wie eine «Stille Stunde» für Menschen mit erhöhter Empfindlichkeit gegenüber Sinnesreizen oder Begleittexte in einfacher Sprache.
Titelfoto: Mit einem Controller navigieren Besuchende durch die unzähligen Szenen des Murtenpanoramas. Alle Fotos: BHM / Stefan Wermuth
Die Ausstellung dauert bis zum 9. Mai 2027.
LINKS
Bernisches Historisches Museum
Zoomversion des Panoramas: Es kann mit der Maus und dem Mausrad untersucht werden.
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Das Panorama

Das Panorama der Schlacht von Murten ist ein 10x100m grosses Ölgemälde auf einer Leinwand von sehr guter Qualität, das 1893-1894 entstand.
Die Leinwand besteht aus zahlreichen Teilen, die in der Höhe zusammengenäht wurden, um die gewünschte Grösse zu erreichen (Bahnen von etwa 2 m Breite und 10 m Höhe). Das komplette Gemälde besteht aus drei Rollen mit ähnlichen Längen (etwas mehr als 31 m pro Rolle für insgesamt 94,4 m, was fast 1’000 m² entspricht).
Das Gesamtgewicht nur der Leinwand wird auf 1,5 Tonnen geschätzt, d.h. etwa 500 kg pro Rolle ohne externe Elemente wie Rollen und Wagen. Seit der Expo.02 wird das Gemälde in einem Depot der Schweizer Armee aufbewahrt, das für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Im BHM ist eine von drei Rollen ausgestellt.
Das Gemälde wurde nur selten ausgestellt, etwas mehr als ein Jahrzehnt lang punktuell zwischen 1894 und 1907 (Zürich und Genf), dann gelegentlich bei seiner Wiederentdeckung zwischen 1970 und 1996 und schliesslich während fünf Monaten an der Expo.02 im Jahr 2002. Dieser Umstand sowie die Qualität der Malerei und der Leinwand erklären, warum der Zustand des Panoramas hervorragend ist.
Das Panorama war Gegenstand zweier Konservierungs- und Restaurierungskampagnen, eine zwischen 1996 und 2001 (vor der Expo.02) und die andere 2023 (vor der Digitalisierung). Derzeit prüft die Stiftung «Murtenpanorama» in Gesprächen mit der Stadt Murten, der Stadt Bern und dem Bundesamt für Kultur, ob es eine Möglichkeit gibt, das «Kunstwerk von nationaler Bedeutung» in einem Neubau in der Umgebung von Murten unterzubringen. Die raumplanerischen und finanziellen Hürden sind hoch.

Wo bleibt die Hinterfragung, wer genau denn seit Jahrhunderten Kriege und Schlachten losbricht, anordnet und durchführt? Es ist nicht die gesamte Menschheit, die auf dem besten Weg ist, sich selbst zu vernichten, wie es oben im Text heisst. Es ist fast ausschliesslich nur die Hälfte der Menschheit, nämlich die Männer, die willentlich Gewalt, Elend und Vernichtung über die Menschheit bringen.
Man(n) sollte endlich den Mut aufbringen, das auch so zu sehen und zu kommunizieren.
Es sind nicht nur die Männer, sondern viele Menschen beiderlei Geschlechts ließen und lassen sich von Propaganda verführen.
Die Aufnahmen bei Aufmärschen und Demonstrationen zeigen auch immer viele begeisterte Frauen, die den Despoten zujubeln
(Hitler, Stalin, Erdogan, Putin, Trump etc.).
Leider wirkt Propaganda sehr oft bei fast allen Menschen, sofern sie dauerhaft und mit Einsatz gr0ßer Mittel betrieben wird
(Presse, Radio, Film, Fernsehen, Internet etc.).
Leider wird bisher Propaganda nur destruktiv betrieben zum Aufwiegeln der Menschen und Völker gegeneinander statt zu versuchen, die Aggression zu schwächen und den Friedenswillen zu stärken.