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«Morgenländer» in Hohenems

In Hohenems lebte einst neben der christlichen eine jüdische Bevölkerung. Daran erinnert die Dauerausstellung im Jüdischen Museum Hohenems. Die aktuelle Ausstellung «Die Morgenländer. Jüdische Forscher und Abenteurer auf der Suche nach dem Eigenen im Fremden» zeigt Hintergründe aus der Zeit, als Europa vom «orientalisch Anderen» fasziniert war.

Die jüdische Geschichte in Hohenems in Vorarlberg nahe der Schweizer Grenze beginnt 1617 mit der Ansiedlung der ersten jüdischen Familien. Die Reichsgrafen holten sie, um den Marktflecken wirtschaftlich zu beleben. Das ehemalige jüdische Quartier an der Judengasse (heute Schweizergasse) trennt sich im spitzen Winkel von der Christengasse (heute Marktgasse). Doch schon im 19. Jahrhundert löste sich die Trennlinie auf. Nach der rechtlichen Gleichstellung der Juden 1867 folgte eine starke Abwanderung in grössere Städte. 1935 zählte die Jüdische Gemeinde noch 35 Mitglieder. 1942 endete sie durch die Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt.

Postkarte «Judengasse und Christengasse» in Hohenems, um 1900. JMH

1983 erwarb die Stadt Hohenems die 1864 erbaute Villa der Fabrikantenfamilie Rosenthal und richtete 1991 darin ein Museum zur Dokumentation der Jüdischen Gemeinde Hohenems ein. Durch vielfache Schenkungen im Kontakt mit den Nachkommen der Hohenemser Juden in aller Welt entstand eine grosse Sammlung von Alltagsgegenständen und Dokumenten.

Das Jüdische Museum Hohenems in der ehemaligen Fabrikantenvilla Heimann-Rosenthal an der alten Judengasse, heute Schweizergasse. Foto: JMH

In der Dauerausstellung werden Menschen in den Vordergrund gestellt: Salomon Sulzer, den Begründer der modernen europäischen Synagogenmusik, genauso wie Hausierer und Gastwirte, Rabbiner und Lehrer, Kaufleute und Fabrikanten, wie die Familie Rosenthal. Auch die Dichter Stefan Zweig und Jean Améry hatten ihre familiären Wurzeln hier.

Hanno Loewy (*1961), Kurator des Jüdischen Museums von 2004 bis April 2026, hat mit seiner kritischen und innovativen Ausstellungs- und Vermittlungsarbeit das Haus weit über die österreichischen Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht. Foto: Wikimedia Commons

Seit 2004 und noch bis April 2026 leitet der Kurator, Literatur- und Filmwissenschaftler Hanno Loewy das Jüdische Museum Hohenems. Als kritischem Denker gelingt es ihm immer wieder, verfestigte Meinungen aufzubrechen. Seine Ausstellungen basieren auf Fragen. Etwa wie das Zusammenleben in einer von Migration geprägten Welt funktionieren kann. So thematisierte er die verschiedenen Perspektiven in einer Stadt wie Jerusalem, die Juden, Christen und Muslimen als heilig gilt. Dabei stösst Loewy Denkprozesse an, sich mit den eigenen Vorurteilen auseinanderzusetzen.

Max von Oppenheim (1860-1946) und die «Grosse Sitzende», Berlin Juni 1930. Ausgrabungen in Nordsyrien.

Die aktuelle Sonderausstellung Die Morgenländer. Jüdische Forscher und Abenteurer auf der Suche nach dem Eigenen im Fremden schaut auf die Entstehung der Orientwissenschaften im 19. Jahrhundert. Die Entwicklung der Islamwissenschaften, der Arabistik und der Orientalistik ist eng mit der Wissenschaft des Judentums verbunden.

Welches Make-up würde Nofretete heute tragen? Vier Topvisagisten schminkten Nofretete an einer Nachbildung des Ägyptischen Museums Berlin. «Ist das kulturelle Aneignung – oder ironische Dekonstruktion?», fragt sich die Journalistin Franziska Meister in ihrem Beitrag in der WOZ Die Wochenzeitung

Die beiden Kuratorinnen Felicitas Heimann-Jelinek und Dinah Ehrenfreund-Michler stellen im Eingangsbereich Fotografien von vier jüdischen Orientalisten vier fantasievoll geschminkten Figuren der Nofretete gegenüber. Als Eyecatcher in Form einer weissen Gipsbüste steht Nofretete auch im Ausstellungsraum im Zentrum. Nofretete, ein etwa 3300 Jahre altes Meisterwerk der ägyptischen Kunst, wurde 1912 unter der Leitung von Ludwig Borchardt (1863-1938) im ägyptischen Tell el-Amarna ausgegraben. Finanziert wurde die deutsche Expedition vom jüdischen Unternehmer und Kunstmäzen James Simon (1851-1932). Erstmals werden jüdischen Orientalisten wie Borchardt und Simon Raum gegeben. Und man staunt, wie viele unterwegs waren.

Blick in die Ausstellung. Foto: JMH

Die Orientalistik hatte sich im Deutschen Kaiserreich als neuer Wissenschaftszweig etabliert. Jüdische Gelehrte, Sprachwissenschaftler und Religionsforscher reisten durch den Orient in die Gebiete Vorderasiens und Nordafrikas, um die Quellen des Islam aus erster Hand zu studieren. Sie tauschten sich mit islamischen Gelehrten aus und nahmen am religiösen Leben teil. Für sie war es zugleich eine «Suche nach dem Eigenen im Fremden», wie der Untertitel der Ausstellung heisst. Die Biografien auf den zahlreich präsentierten Texttafeln erzählen von abenteuerlichen Forschungsreisen, vorwiegend von Männern. Daneben werden einzelne Funde und Schriften, die sie auch übersetzten, präsentiert. Schaut man sich die Lebensdaten dieser Forscher an, enden sie oft im Jahr 1942.

Gruppenbild mit Eduard Glaser (1855-1908) in Jemen (Zweiter von rechts), österreichischer Orientalist und Forschungsreisender. Foto: JMH

Der Ausstellungskatalog beleuchtet die Rolle des Orientalismus auch kritisch. Exotische Pavillons auf Weltausstellungen, Kaffeehäuser, Theater- und Kinobauten illustrieren die Faszination des Fremden um die Jahrhundertwende. Künstler inszenieren den Orient als theatralisch übersteigerte Gegenwelt. Der Jugendstil integriert ornamentale Formen und Arabesken in die Grafik. Die Juden gehören zu den Entdeckern, Forschern und Vermittlern orientalischer Kulturgüter und werden zugleich als «Orientalen» antisemitisch diffamiert. Ihre Rolle als jüdische Wissenschaftler, Sammler und Archäologen oszilliert «zwischen Fremdmarkierung, ironischem Spiel und Selbstermächtigung», gibt die Kuratorin Felicitas Heimann Jelinek im Katalog zu bedenken. Die Schätze, die sie zurückbrachten, nahmen die Museen gerne entgegen und schützten sie auch während des Zweiten Weltkriegs.

Titelbild: Eingang zum Jüdischen Museum Hohenems
Fotos: Jüdisches Museum Hohenems JMH und rv

Bis 4. Oktober 2026
«Die Morgenländer. Jüdische Forscher und Abenteurer auf der Suche nach dem Eigenen im Fremden» im Jüdischen Museum Hohenems
Ausstellungskatalog, Hrsg. Felicitas Heimann-Jelinek und Dinah Ehrenfreund-Michler, Verlag Wallstein, Göttingen 2025, 28,80 Euro. ISBN 978-3-8353-6033-4

 

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