Der weit über die Grenzen Grossbritanniens bekannte Schriftsteller, Essayist und Journalist hat auch Kolumnen verfasst, die erst jetzt in deutscher Übersetzung herausgegeben worden sind: «Zeilen der Zeit. Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch».
Wir kennen George Orwell (1903 – 1950) als Verfasser von «1984» (englisch: Nineteen Eighty-Four, 1949 zuerst veröffentlicht), einer Dystopie, über die inzwischen einige Jahrzehnte hinweggeflossen sind, ohne dass die düsteren Zeichnungen einer untergehenden Welt gänzlich vergessen wären. Und wir kennen ihn als Schöpfer der Animal Farm («Farm der Tiere», 1945 entstanden), deren scharfe Kritik an autoritärer Herrschaft, Machtstreben und Unterdrückung erst recht nicht überholt ist.
Die in diesem Band veröffentlichten Kolumnen und Texte erschienen zwischen dem 3. Dezember 1943 in der englischen Zeitung Tribune und – eine Besprechung von Churchills Kriegserinnerungen – am 14. Mai 1949 im New Yorker New Leader. Zwischen die Kolumnen sind hilfreiche Erklärungen zu Orwells Biografie eingeschoben. Sie berichten über Stationen seines persönlichen Lebens und seiner schriftstellerischen Tätigkeit: Orwell hat etwa sein Manuskript zur Animal Farm fertiggestellt, aber dieses ist erst anderthalb Jahre später erschienen.
Ein kurzes, aber reiches Leben
Am 3. Dezember 1943 beschreibt Orwell eine Szene in einem Tabakwarenladen. Sogleich zeigt sich, dass er das Zeitgeschehen mit einem wachen und kritischen Auge betrachtet. Zu dieser Zeit bereiteten sich amerikanische und englische Truppen auf den knapp ein halbes Jahr folgenden D-Day vor, den entscheidenden Schlag gegen Hitler-Deutschland. London war voller amerikanischer Soldaten, die überall herumlümmelten. Orwell schreibt: «. . . fällt es schwer, in London irgendwo hinzugehen, ohne dass man den Eindruck hat, dass England jetzt ein besetztes Land ist.» – Kein sehr freundlicher Kommentar denen gegenüber, die London vom deutschen Bombenterror befreien sollten. Da ich mir Orwell als toleranten Menschen vorstelle, muss seine Kritik gewiss begründet sein.
An der daraus folgenden Erkenntnis, dass in diesem Moment objektives Beschreiben nicht mehr erwünscht scheint, stört sich Orwell. Es stört ihn auch festzustellen, dass die Amerikaner über den vergangenen 1. Weltkrieg anders informiert sind als die Briten, die «sehr verblüfft» sind, «wenn sie merken, dass der Durchschnittsamerikaner glaubt, im letzten Krieg seien mehr Amerikaner gefallen als Briten.» – Fake News zu Zeiten, als der Begriff noch nicht kreiert war!
Grossbritannien ist (noch) eine Kolonialmacht
Um Orwells Gedanken besser zu verstehen, empfiehlt es sich unbedingt, die Lektüre dieses Buches mit dem Nachwort zu beginnen. Der Übersetzer Lutz-W. Wolff zeichnet kurz und doch detailliert genug Orwells Leben und Denken nach. So wird klar, welch weiten Horizont der Schriftsteller in den wenigen Jahrzehnten seines Lebens, er wurde ja nicht älter als 46, erworben hatte.
George Orwell, 1940 / wikimedia.org
Eric Arthur Blair – sein Geburtsname – wurde in Nordindien als Sohn eines englischen Kolonialbeamten geboren. Seine französische Mutter zog schon ein Jahr später mit ihren beiden Kindern, Sohn und Tochter, nach England. Obwohl seine Familie über sehr geringe finanzielle Mittel verfügte, durfte der 14-Jährige ins berühmte «King’s Scholar» in Eton eintreten, aber studieren konnte er anschliessend nicht. Er nahm einen Posten in der Kolonialverwaltung in Burma an. Es ist zu vermuten, dass er den Polizeidienst, für den er dort eingeteilt war, nie als Dauerstelle ansah. Er wird «strafversetzt» nach England, dort muss er auch das hartnäckige Dengue-Fieber auskurieren.
Dass er Schriftsteller wurde, schien sich wohl anzubahnen. Lutz-W. Wolff schreibt: «Im Januar 1933, als ein 14 Jahre älterer Gefreiter des Ersten Weltkriegs in Berlin Reichskanzler wird, erscheinen unter dem Namen George Orwell die Erinnerungen Down and Out in Paris and London, die in aller Härte sein Leben als Gelegenheitsarbeiter und Stadtstreicher schildern», die erste Publikation des jungen Mannes, der in Frankreich seine Tante, eine kämpferische Frauenrechtlerin, besucht hatte.
Reisen, um Menschen kennenzulernen
Der Spanische Bürgerkrieg (seit 1936) treibt ihn weiter in die Welt hinaus, Orwell kämpft in verschiedenen Anti-Franco-Einheiten, schreibt darüber, findet aber nur schwer Möglichkeiten zu publizieren – und wird krank: Tuberkulose. Nach einer Kur in Marokko ist er 1939 wieder in England.
Statue von George Orwell am BBC Broadcasting House. Eine Zeitlang arbeitete Orwell für die BBC, dann für die Zeitung Tribune, unter anderem als Feuilletonchef.
Das Spektrum der Themen in den Kolumnen ist breit. Während bis 1945 die Ereignisse des 2. Weltkriegs einen gewissen Raum einnehmen, schreibt Orwell am 7.7.1944 über Literatur und humanistische Bildung, ausgehend von der Zerstörung der Bibliothek von Alexandria durch Kalif Omar. In einer späteren Kolumne (14.3.1947) denkt er über Nu Spelling nach, eine Initiative zur Vereinfachung der englischen Orthografie. Ich erinnere mich, dass ich noch in den 1960er Jahren von dieser Bestrebung gehört hatte. Sie hatte nie eine echte Chance. Das hatte Orwell schon 1947 erkannt.
Auch ein Thema, das seit langem nie gänzlich vergessen war, die Unabhängigkeitsbewegung von Schottland, greift Orwell aus damals aktuellem Anlass am 14.2.1947 auf. Wenig später, am 21.2.1947, schreibt er über die Regeln der Zensur in Grossbritannien – er nennt sie absurd. Den Anlass erklärt der Herausgeber zuvor: Mitte Februar wird das Erscheinen mehrerer Wochenzeitungen verboten, weil aus Mangel an Kohle oft der Strom abgeschaltet werden musste. Obwohl der Krieg seit zwei Jahren beendet war, mussten Menschen und Wirtschaft auch in Grossbritannien Mangel leiden.
Ein klarer Blick auf seine Zeit
Das Buch liest sich gut dank der tadellosen Übersetzung von Lutz-W. Wolff (geb. 1943), der nach der Tätigkeit in mehreren großen Verlagen und zwei Jahren bei der BBC Autoren wie F. Scott Fitzgerald, Jack London und Kurt Vonnegut übersetzt hat. Ein Verzeichnis der Kolumnen, nach Datum geordnet, hätte die Lektüre noch erleichtert.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis gegen Ende des Kalten Krieges pflegte man Intellektuelle gemäss ihrer gesellschaftspolitischen Haltung in Sozialisten und Kommunisten einzuteilen. Auch über George Orwell habe ich eine solche Klassifizierung gelesen – und für nicht tauglich befunden. In meinen Augen ist er ein Humanist im besten Sinne des Wortes.
George Orwell: Zeilen der Zeit. Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch.
Ausgewählt und aus dem Englischen übersetzt von Lutz-W. Wolff. Reclam 2026. 267 Seiten. ISBN 978-3-15-011577-0
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