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Lernen als Lebensmotor im Alter

Wer im hohen Alter ein sinnstiftendes Leben führt, ist oft lernend unterwegs. Doch wie funktioniert Lernen im Alter? Stefanie Wiloth gab in der Denkbar St. Gallen am 10. März wertvolle Impulse.

Stefanie Wiloth zeigte in ihrem Vortrag, wie körperliche, mentale und soziale Ressourcen zusammenspielen, um ein erfülltes, sinnorientiertes Altern zu ermöglichen und welche Rolle dabei das Lernen spielt.

Non scholae, sed vitae discimus – oder übersetzt: «Wir lernen nicht für die Schule, sondern für das Leben.» Lange ist es her, als uns dieser Satz eingetrichtert wurde. Im Alter lernen wir nicht mehr für das Leben, sondern im Leben selbst, denn das Altern bietet viele Lernsituationen.

Daseinsthemen als Lernfelder

Im hohen Alter gibt es zwar keine Noten mehr, aber es ist sehr gut möglich, dass wir einerseits uns am Lernen und dessen Folgen erfreuen können und anderseits an verpassten Lernchancen leiden müssen. Die «Hauptfächer» oder Daseinsthemen sind nach Auffassung von Stefanie Wiloth im Wesentlichen vier:

  1. Selbstsorge oder die Sorge um sich und die Übernahme einer gewissen Selbstverantwortung.
  2. Bezogenheit, die sich im Gefühl, gebraucht zu werden und angenommen zu sein, ausdrückt.
  3. Die Sorge um und für die andern und die Übernahme einer gewissen Mitverantwortung.
  4. Die Sorge um und für nachfolgende Generationen und die Übernahme einer gewissen Nachhaltigkeitsverantwortung.

Diese vier Daseinsthemen treten je nach Person und Lebensphase unterschiedlich stark in den Vordergrund. Als «Nebenfach» kann man wählen, was gerade Spass oder Freude macht, etwa eine neue Sprache oder Astronomie. Oder man kann sich auch von seiner Neugier leiten lassen, etwa von der Frage, warum x einen Nobelpreis in yz erhalten hat oder warum, wie und mit welchen Folgen Gletscher schmelzen.

Die Daseinsthemen bildlich dargestellt (Foto bs)

Lernen als tun

Zur Frage der Lerndidaktik zitierte Stefanie Wiloth den chinesischen Philosophen Konfuzius: „Was du mir sagst, das vergesse ich. Was du mir zeigst, daran erinnere ich mich. Was du mich tun lässt, das verstehe ich.“ Schön am Altern ist, dass wir in gewissem Sinn selbst entscheiden können, was wir tun. Wir müssen nicht mehr jemanden um Erlaubnis fragen, etwas zu tun.

Allerdings sind wir nicht vollkommen frei in unseren Entscheidungen. Es hängt von unseren Kompetenzen und Interessen, unseren physischen, psychischen, geistigen Schwächen und Kräften und den Prägungen aus unserer Biographie, von der Mit- und Umwelt ab.

Lernsettings im Alter

Lernen im Alter findet selten in Schulen statt, sondern das Leben mit seinen Herausforderungen und Chancen bietet Lernmöglichkeiten zuhauf. Traditionellerweise wird formales, non-formales und informelles Lernen unterschieden. Formal findet Lernen etwa in Bildungseinrichtungen statt, non-formal ausserhalb von Bildungseinrichtungen etwa mittels Medien, in Workshops, Projekten oder auf Exkursionen und informell im alltäglichen Dialog und Erfahrungsaustausch.

Dialog als wichtigste Lernform im Alter

Nach Stefanie Wiloth ist die wichtigste Lernform im Alter das informelle Lernen, das Lernen im Dialog und im Austausch untereinander. Da kann man wechselseitig aufeinander eingehen, sich wertschätzen, empathisch sich einfühlen und authentisch seine momentane Sichtweise kundtun. Gleichzeitig lernt man andere Perspektiven und Ansichten kennen und ist bereit, eigene Standpunkte zu hinterfragen und sich auf andere Sichtweisen einzulassen.

Stefanie Wiloth in der Denkbar vor dem Plakat zum Gallusjubiläum  (Foto bs)

Zitate von Stefanie Wiloth: «Durch Dialog erfährt man Beziehung, Selbstwirksamkeit und Teilhabe.» «Durch Dialog entstehen Vertrauen, ein Wir-Gefühl und Allianzen für gemeinsames Handeln.» «Wir lernen durch Dialog aus verschiedenen Lebenswelten, nicht nur über die Lebenswelten.»

Transformatives Lernen im Alter

Da Menschen vulnerabel oder verletzlich sind und im Alter die Vulnerabilität oft akzentuierter und spürbarer auftritt, ist transformatives Lernen im Alter besonders gefragt.

Transformatives Lernen ist nötig, wenn wir in eine unausweichliche Problemlage kommen, etwa wenn wir aufgrund von Gebrechlichkeit gewisse Dinge nicht mehr tun können. Braucht es eine andere Alltagsgestaltung? Wie können die Probleme des Alterns als Herausforderungen und Lernsituationen verstanden werden, die uns zu einer Veränderung der Lebensgestaltung, zu einer Transformation des Alltags einladen?

Bei der Selbstsorge können physische Beeinträchtigungen, psychische Hindernisse oder mentale Probleme in den Vordergrund treten. Was ist zu tun? Reflexion ist angesagt. Müssen Ziele, Wege verändert werden? Braucht es Unterstützung? Welche Art von Unterstützung? Wie viel? Mit welchen Massnahmen, neuen Rollenverständnissen, konkreten Übungen oder Handlungsweisen können die Probleme gelöst oder mindestens entschärft werden, so dass trotz zunehmender Vulnerabilität eine möglichst hohe Lebensqualität erhalten werden kann?

Dasselbe gilt auch für die anderen drei Daseinsthemen: Was ist zu tun, wenn man sich plötzlich überflüssig vorkommt oder sich einsam fühlt? Wie kann man auch im hohen Alter noch für andere sorgen? Und was kann man im Blick auf die Endlichkeit des eigenen Lebens für die Nachwelt tun, für Angehörige und zukünftige Generationen?

Stefanie Wiloth hat mit ihren Ausführungen über sinnstiftendes und lebenslanges Lernen auf zwei Lernformen des Alterns hingewiesen, welche eine hohe Lebensqualität im Alter ermöglichen können: Dialogisches Lernen und transformatives Lernen. Die Zuhörerschaft dankte mit einem grossen Applaus.

Was können wir selbst unternehmen, um diese beiden Lernformen für ein sinnstiftendes Altern besser zu praktizieren? Was können Gesellschaft, Politik oder etwa Bildung 65+ tun, um diesen beiden Lernformen in Altersinstitutionen, im Quartier oder in der Gemeinde bessere Rahmenbedingungen zu geben?

Dr. Stefanie Wiloth ist die Leiterin des Kompetenzzentrums Soziale Innovationen & Alter(n) am IAF Institut für Altersforschung der OST – Ostschweizer Fachhochschule.   

Fachliche Schwerpunkte: Angewandte soziale Gerontologie (u. a. Entwicklung, Implementierung und Evaluation sozialer Innovationen zur Förderung der objektiven und subjektiven Lebensqualität von Menschen im dritten und vierten Lebensalter und ihren An- und Zugehörigen sowie von professionell Unterstützenden wie z. B. Pflegefachpersonen). Versorgungsforschung (u. a. Analyse sozialer Prozesse, Netzwerke und bestehender Versorgungs- und Befähigungsstrukturen). Interdisziplinäre Forschungstätigkeit an den Schnittstellen der Sportwissenschaft, Bildungswissenschaft, Politik- und Sozialwissenschaft, Pflege- und Gesundheitswissenschaft, Theologie und Ethik.

Spezialisierung: Beziehungsgestaltung und Interaktionsanalyse, insbesondere intergenerationelle Begegnung und Person-Umwelt Austauschprozesse, Partizipationsförderungen im hohen Lebensalter, Massnahmen zur Bewältigung von Herausforderungen im hohen Lebensalter, kritischen Lebensereignissen und Lebensübergängen.

Titelbild: Foto der ersten Folie des Vortrags von Stefanie Wiloth. Im 11. Stock des Hochhauses der OST arbeitet sie mit ihrem Team. (Foto bs)

 

 

 

 

 

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3 Kommentare

  1. „Was du mir sagst, das vergesse ich. Was du mir zeigst, daran erinnere ich mich. Was du mich tun lässt, das verstehe ich.“ Selbst jetzt lerne ich übers Tun: Lesen, schreiben, moderne Kunst und Musik sehen und hören. – Zur Zeit lese ich mit einem 10jährigen Jungen, der intelligent ist, aber sich nicht konzentrieren kann.
    Bin auch ich gern abgelenkt von all den Angeboten, die an uns Senioren herangetragen werden: Führungen, Konzertbesuche, Theater, Diskussionsrunden. Es wird mir dabei nicht langweilig, jedoch geniesse ich Tage, an denen ich gar nichts tun muss. Tage, die gesäumt sind mit Büchern meiner vergangenen Lebensjahre. Im Büchergestell rufen sie mich beim Vorbeigehen: nimm mich wieder mal zur Hand, lies ein paar Seiten und schau, ob du dich noch erinnern kannst.

  2. Hallo Herr Steiger
    So viele Worte, über etwas selbstverständliches.
    Wenn man es bis ins Alter nicht gelernt hat ist es eh zu spät, daher werden auch Ihre Zeilen nicht lesen.

    Dorothea Walther

  3. Das Alter ist eine Zumutung aber auch ein Geschenk. Endlich Zeit zu haben nach einem arbeitsreichen und anstrengenden Leben, empfinde ich als Glück und Chance, die vergangenen Lebensjahre zu reflektieren. Frieden zu machen mit Schwierigem, was Narben hinterliess. Neues zu entdecken an sich und dem zu Ende gehenden Leben. Mein Motto: Solange ich denke, bin ich und mache das Beste daraus, was mir noch möglich ist. Ostern ist eine gute Zeit, um neue Kraft zu schöpfen und sich ganz bewusst über die Vielfalt und Schönheit der Natur zu freuen.

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