2 KommentareVom Versagen - Seniorweb Schweiz

Vom Versagen

Der frühere deutsche Bundespräsident Joachim Gauck mahnt die Deutschen, nicht alles so schlecht zu sehen, wie es oft dargestellt wird. Ich gebe ihm recht, und bleibe bei meiner Meinung, dass das Gute das Schlechte bei weitem überragt. Man darf die Welt nicht aus der Sicht der globalen, negativen Meldungen sehen, vielmehr sollte man sie aus dem kleinen Kreis, in dem man lebt, betrachten und da sieht sie anders aus.

Vor einigen Tagen las ich: «Alles geht den Bach herunter!» Das ist ein tief pessimistischer Ausruf und weil ich ihn nicht teile, habe ich vergessen, die Quelle zu notieren. Ich sage mir: «Du bist nun einmal da! Mache etwas aus deinem Leben!». Als ich zwanzig Jahre alt war, besuchte ich den Vortrag eines Dominikaners. Das Thema habe ich vergessen. Ich erinnere mich aber an die gespannte Stimmung im Saal und an ein Wort: «Erst Versagen im Versagen ist Versagen.» Dieser klare Satz begleitete mich durch das Leben und er half mir weiter, wenn mich das Gefühl beschlich, ich hätte versagt.

Dieser Satz klingt dialektisch. Man möchte etwas erreichen, aber es gelingt nicht, ich gebe nicht auf und siehe da, es eröffnet sich eine neue Möglichkeit. Wer die Welt im Grunde für gut hält, glaubt nicht, dass ein Versagen definitiv ist. Die Zustimmung zur Welt ist ein Fundament des Lebens, das schon frühkindlich in der Wärme einer guten Beziehung angelegt wird.

In jüngster Zeit liest man vermehrt Zeitungsberichte, dass junge Menschen nicht daran glauben, im Leben bestehen zu können. Es brauche immer mehr Psychologen und Therapeuten und Hilfestellungen, damit Kinder die Schule schaffen. Häufig spüren Kinder und Jugendlichen den Druck der Eltern und der Gesellschaft, der ihnen bewusst oder unbewusst andeutet, sie würden nicht erreichen, was von ihnen erwartet wird. «Eltern können nicht kontrollieren, wie sich Kinder entfalten.»* Sie sind auch nicht berechtigt, von Kindern etwas zu verlangen, was ihren elterlichen Stolz erfüllt. Heranwachsende brauchen die Freiheit, ihre Fähigkeiten selber einschätzen zu dürfen.

Im Kind muss das Bewusstsein vorhanden sein, dass ein Versagen nicht definitiv ist, denn jedes sogenannte Versagen kann eine Möglichkeit eröffnen, die besser zum Kind passt. Dieses Bewusstsein wird grundgelegt, bevor die Schule beginnt. Die Kinder dürfen nicht im Gefühl leben müssen, sie erfüllten den Ehrgeiz der Eltern nicht.

Der Satz des Dominikaners, den ich mir in jungen Jahren einprägte, enthält einen humanen Gedanken, ja er kann sogar als christlich interpretiert werden. Er erinnert an Ostern. Jesus wird verraten, er geht den Kreuzweg bis zum Tod und er wird auferstehen. Dieses Mysterium der Auferstehung wird zur Hoffnung des christlichen Menschen, welche an Ostern gefeiert wird.

Symbolisch kann dieser Gedanken für jedes schicksalhafte Leben gelten. Es gibt zwar unter jedem Dach ein Ach, aber es gibt auch Hoffnung. Wir lesen oft die Geschichte eines Menschen, der im Kindesalter als Versager eingestuft wurde, später aber Karriere machte, die niemand erwartet hätte. Der Funke des Talents und der Begabung zündeten in sich selbst. Jeder und jede muss den Weg selber finden. Darum: «Erst Versagen im Versagen ist Versagen.»

*Ich empfehle den Artikel von Oskar Jenni in: NZZ 28. März 2026. Von ihm ist der oben zitiere Satz.

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2 Kommentare

  1. Was ist so schlimm am Versagen? Ich weiss, Sie meinen es gut und wollen Hoffnung machen. Ich glaube, es ist die Krux unserer kapitalistischen Weltsicht, dass man nicht versagen darf. Für mich ist versagen relativ; es liegt immer bei uns selbst, was wir als gescheitert betrachten. Kommen die Ansprüche von aussen, sollten sie für die Person, die es betrifft, nicht an erster Stelle stehen. Wenn die Person von sich glaubt, den Ansprüchen nicht zu genügen, sollte sie in sich gehen und sich fragen, ob der Weg den sie beschritten hat, der richtige ist und ob die eigenen Zielsetzungen realistisch und zum eigenen Sein passend sind. Genau wie Erfolg gehört auch das Versagen zum menschlichen Leben. Scheitern ist auch immer eine Chance, seine Sichtweise zu ändern.

    Sorry, aber Ihre Denkweise entspringt der strengen christlichen Lehre, die so viel kaputt gemacht hat und bis heute immer noch nachwirkt. Wir sind nicht auf der Welt um zu leiden, nur weil Christus am Kreuz gestorben ist. Wozu wäre denn all diese herrliche Vielfalt und grossartigen Schönheiten in der Natur da, die uns noch immer umgibt, wenn sie uns nicht täglich erfreuen und uns zu einem unbeschwerten Leben führen sollte? Die lebendige Natur ist uns das beste Vorbild, ein Vergehen und wieder Auferstehen. Ich wünsche Ihnen fröhliche Ostertage.

  2. Liebe Frau Mosimann. Vielleicht sollten Sie den Artikel nochmals lesen, wohlwollend und nicht mit Verbitterung über das Leben, das nicht so war, wie Sie es sich ev. gewünscht hatten. Was heisst denn z.B. der Abschnitt: «Im Kind muss das Bewusstsein vorhanden sein, dass ein Versagen nicht definitiv ist, denn jedes sogenannte Versagen kann eine Möglichkeit eröffnen, die besser zum Kind passt.» Ich verstehe den Text so, dass man eben versagen darf, weil man daraus lernt! Ich finde den Artikel stimmig und danke dem Verfasser Andreas Iten für seine konstruktiven Gedanken.

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