Stefan Haupt hat mit «Walter Lietha. Drum sing i grad drum» eine persönliche und tiefsinnige, informative und humorvolle Würdigung des Schweizer Liedermachers geschaffen, die uns in diese Zeit mitnimmt und ans Herz rührt. Ab 16. April im Kino.
Walter Lietha kam 1950 in Basel zur Welt, wuchs in Arlesheim und Chur als jüngster von vier Brüdern auf. Eine Ausbildung am Lehrerseminar brach er ab, um als 19-Jähriger eine Buchhändlerlehre zu beginnen. Wichtige Stationen waren seine Reisen als Tramp kreuz und quer durch Europa, dann nach USA, Mexiko, Indien und Brasilien.
Im Alter von 20 Jahren sang er seine ersten eigenen Lieder, 1976 wurde seine erste Platte veröffentlicht. In den Jahren 2006 – 2012 erschien Liethas Anthologie in fünf CDs mit praktisch sämtlichen Aufnahmen von 1974 – 2012. Von etlichen Liedern, die er seither gedichtet und komponiert hat, existieren keine Aufnahmen.

In den 1970er-Jahren zählte Lietha zu den grossen Namen der Schweizer Musikszene. Als Sänger und Dichter mit seismographischem Gespür, Komponist und mitunter scharfer Zeitkritiker schrieb er unzählige Mundartlieder und wurde zur Stimme einer ganzen Generation. Doch anfangs der 80er-Jahre, zur Zeit der Jugendunruhen und der Fichenaffäre, wurden seine Lieder am Radio DRS kaum mehr gespielt, und es wurde still um den Bündner Musiker. Parallel zu seinem Musikschaffen entwickelte er eine weitere Leidenschaft. Die Welt der Bücher wurde zu seinem zweiten Standbein. Jahrzehntelang leitete er in der Churer Altstadt ein Antiquariat und die Buchhandlung «Das Narrenschiff». Vor wenigen Jahren zog er mit Tausenden von geschichtsträchtigen Büchern nach Trin in die Surselva.
Im August 2025 veranstaltete das Musikfestival «Alpentöne» ein Hommage-Konzert zu seinen Ehren und lud dazu verschiedene Schweizer Musikerinnen und Musiker ein. Corin Curschellas, Stephan Eicher, Sophie Hunger, Michael von der Heide, Max Lässer und das Team der eigens zusammengestellten «Narrenschiff-Band» erzählen, was ihnen Liethas Lieder bedeuten. Gemeinsam mit ihm treten sie in diesem Konzert auf, welches zum Herzstück des Films wurde, um das herum sich seine Lieder, Gedanken, Erinnerungen und Lebenswelten versammeln.
Anmerkungen des Filmemachers Stefan Haupt
Ich erinnere mich, wie ich in meiner Jugend, zu Beginn der 80er-Jahre, zur Zeit der Jugendbewegung in Zürich, mit meinem älteren Bruder zu einem Konzert von Walter Lietha pilgerte. Dieser Sänger mit seinen langen Haaren, begleitet von Corin Curschellas, Max Lässer und weiteren trafen einen Nerv in uns. Seine Texte, seine klare, helle, eigenwillige Stimme, sein ganzes Auftreten! Benommen und begeistert zogen wir nach dem Konzert wieder in die Nacht hinaus, sangen die Lieder, deren Zeilen wir bereits auswendig kannten, weiter. Viele Jahre später bot sich mir nun die Möglichkeit, filmisch zurückzublicken und dabei zu reflektieren, wie und in welche Richtungen sich unsere Zeit weiterentwickelt hat.
Ausgehend von diesem Hommage-Konzert 2025 in Altdorf erzählt der Film die Geschichte von Walter Lietha, mit ihm als Hauptprotagonisten, gespiegelt durch wichtige Wegbegleiterinnen und Begleiter. Doch der Film ist mehr als eine Hommage, die in Nostalgie verharrt. Er wirft einen Blick auf jene Zeit, als seine Lieder die Stimmung seiner Generation so genau trafen, und schlägt gleichzeitig eine Brücke zu heute. Wie hat sich unsere «Welt» und unsere Wahrnehmung davon verändert? Und wie Walter Lietha selbst? Der Film ist mitunter auch eine Reflexion zu den Möglichkeiten von Poesie, Gesang und Protest zu den Veränderungen in unserer Gesellschaft und in unserem Zusammenleben und zur nie versiegenden Kraft der Musik.
Die Grösse eines «kleinen» Films
Einen «kleinen» Film habe er mit «Walter Lietha» gemacht, schrieb mir Stefan, als er mich auf sein neues Werk hinwies. Dieser «kleine» Film erinnerte mich spontan an weitere «kleine» Filme des Filmemachers, die ich liebe. Stefan Haupt machte sich 1998 als 29-Jähriger mit «I’m just a simple person» auf die Spurensuche seiner Schwägerin in Kanada, einer aussergewöhnlichen, couragierten Frau, und schuf daraus mit persönlichen, freundschaftlichen Bildern und Tönen einen berührenden Dokumentarfilm. Nach einigen grossen Filmen folgte 2020 ein Film, den man auch als einen «kleinen» bezeichnen kann: «Zürcher Tagebuch», bewegt und bewegend, persönlich und gesellschaftlich verankert, das Tagebuch einer Stadt, einer Zeit und einer Person, die Orientierung sucht, sich sorgt und zweifelt. Diese «kleinen» Filme schätze ich in Haupts Oeuvre besonders: Mit Kleinem schafft er Grosses! Ist er damit nicht verwandt mit dem, was Walter Lietha zeitlebens macht? Beide setzen sich für Werte ein, die vielleicht und hoffentlich in eine bessere Zukunft führen, als Entgegnung zum immer Grösser, das heute die Welt regiert. Dafür danke ich Walter und Stefan herzlich.
Corin Curschellas, Stephan Eicher , Michael von der Heide, Max Laesser, Sophie Hunger, Bruno Spoerri und abwesend Gabiela Krapf.
Was es zu sehen, hören und sinnieren gibt
Ich müsste ein Poet sein, um all das beschreiben zu können, was ich in den 74 Minuten gesehen, gehört und erlebt habe. Und da ja bekanntlich jeder Zuschauer und jede Zuschauerin stets ihren eigenen Film sieht, erinnere ich an den Film, den Patrick Lindenmaier mit der Kamera gestaltet, Christof Schertenleib mit dem Schnitt bearbeitet und Stefan Haupt zu einem runden, reifen, wunderbaren Film über Walter Lietha und seine Welt vollendet und uns geschenkt hat.
Hier ein paar Notizen, die ich als Botschaften aus dem Film mitgenommen habe: Ich bin ein Vogel. Spontaneität. Ein Freigeist. Mit der Natur im Einklang. Teamwork. Entschleunigung. Der See echot die Musik. Was ist das Leben? Den Kindern Musik geben wie Essen. Wir als Teil des Kosmos. Die Finger kennen die Noten. Versteckte Leiden aufdecken und zu heilen versuchen. Geborgen in der Natur. Alltag und immer wieder Alltag. Das Lied kommt zu mir. Suchen. Uns den anderen nähern. Sehnsucht nach dem Paradies. Auf dem Weg zu den Menschen. Das Kind in mir auf- und ausleben lassen. Der Lebenstraum. Du bist nicht allein. Wir sind eine Kraft. Den Vögeln am Himmel folgen. Singen als Berufung. Harmonie in Vielfalt. Vom Kindergarten und der Gesellschaft ausgestossen und befreit. Homo viator. Ein Fest des Lebens. Vagabund. Mir läbed ja no. ̶ All das und viel mehr ist in «Walter Lietha. Drum sing i grad drum» enthalten und eingehüllt in Tönen und Klängen, Worten und Gesten, Stimmungen und Träumen.
