Eine Frühlingswanderung oberhalb des Hinterrheins führt in die erwachende Natur und je nach Wunsch zu uralten kleinen Kirchen am Schamserberg. Ausgangs- und Endpunkt ist Zillis mit der berühmten Kirchendecke aus dem 12. Jahrhundert.
Die Talschaft Schams liegt an der vor allem zu Ostern, Pfingsten und anderen Ferien-Hoch-Zeiten am Weg, der als Ausweichroute bei Stau am Gotthard empfohlen wird: Die A13 Chur-Bellinzona führt durchs Schams, das zwischen zwei spektakulären Schluchten des Hinterrheins liegt, der Via Mala im Norden und der Rofla im Süden. Aber wir montieren Wanderschuhe und -stöcke.
Letzte Schneereste auf den Bergwiesen unterhalb von Mathon am Schamserberg.
Immer wieder ist zu Unzeiten im März und auch noch im April Schnee gefallen und in höheren Lagen liegen geblieben. Nochmals mit den Schneeschuhen in die Höhe wie mehrmals wöchentlich, dazu hat Barbara L., Gewährsfrau aus der Gegend, keine Lust mehr. Und mit dem Mountain Bike in der Osterzeit ist es wegen der Auto-Touristen weniger empfehlenswert: «Ich habe mich für eine Wanderung entschieden, dort, wo früh schon die Sonne wärmt».
Im Tobel sammeln sich kleine Nassschneelawinen, nur baut hier kein Kind einen Schneemann daraus.
Barbaras Tipp für Tüchtige: Von Zillis über Donat nach Casti und über Farden wieder zurück. Das ist eine dreistündige Fusswanderung am unteren Schamserberg. Wer weniger gut zu Fuss ist, kann den Rundweg erst in Donat beginnen und ausserdem gibt es Postautokurse.
Leberblümchen als Frühlingsboten leuchten aus dürrem Laub.
Ihre spezielle Empfehlung für den Spaziergang: «Man ist schnell weg vom alltäglichen Betrieb, so richtig abseits und draussen in der Natur. Ich bin keinem einzigen Menschen begegnet, jedoch einigen Rehen, die mich angebellt haben, weil ich stehen geblieben bin».
Wölfe gibt es zurzeit keine mehr, das Rudel wurde ja geschossen, und neue Einwanderer sind noch nicht da. Wenigstens einen einzigen Fischreiher sah Barbara L. diesmal am Fluss – das Restwasser ist so bescheiden, dass hier wohl kaum viele Fische schwimmen. Das Fischerweglein linksrheinisch führt vom grossen Parkplatz in Zillis nach einigen Minuten unter der Autobahn A13 durch zu einer Brücke über den Suden-Bach.
Mit seltener Eleganz schwingt sich die Valtschielbrücke übers Tobel.
Von da geht es an einem Bauernhof vorbei Richtung Fahrstrasse nach Donat. Wir durchqueren das Dorf und überqueren das Valtschiel-Tobel über eine Fussgänger- und Velobrücke die unter Denkmalschutz steht. Die Flachbogenbrücke aus Eisenbeton hat der Genfer Ingenieur Robert Maillard 1925 gebaut. Sie wurde vor einem Dutzend Jahren als Opus Magnum Maillards instand gestellt.
Links vom massiven Turm des Kirchleins von Casti ist der Piz Beverin noch ganz in weiss zu erkennen.
Auf der Fahrstrasse bergwärts haben wir Richtung Casti die Wahl: Ein Wanderweg biegt rechts aufwärts ab, schöner jedoch ist es, wenn wir etwas später dem Wegzeichen links in der grossen Kurve folgen und um Ostern unvermittelt auf einem Teppich voller Krokusse und Leberblümchen wandern. Das Kirchlein liegt auf einem Sporn über dem Dorf. Es ist wie all diese kleinen Dorfkirchen am Schamserberg vom Tal her weithin sichtbar.
Der Innenraum mit den Fragmenten der Fresken von Evangelisten und deren Symbolen aus dem 15. Jahrhundert.
Durch den Friedhof geht es zur Pforte und in den Innenraum: Die Saalkirche wurde im 12. Jahrhundert gebaut, der Turm mit Glockenstuhl kam im Spätmittelalter dazu. Reste der Fresken, gemalt von einem der berühmtesten Kirchenmaler des 15. Jahrhunderts, dem Waltensburger Meister, sind erhalten.
Auf solchen Wegen erreichten Bauern jahrhundertelang ihre Wiesen und Weiden. Heute haben sich einige davon als Wanderwege erhalten.
Wir verlassen Kirche und Dorf und steigen nach einem kurzen Stück Fahrstrasse (Achtung, während der landwirtschaftlichen Saison – Mist oder Gülle ausführen, Heuen – ist mit Verkehr zu rechnen) führt ein alter Hohlweg als Direttissima bergan, zunächst gibt es links und rechts Trockenmauern.
Trockenmauern sind landschaftsprägend – sofern sie gepflegt oder – wie hier – wieder für eine nächste Ewigkeit wieder aufgebaut werden.
Hohlwege waren einst der Zugang zu den Feldern und Wiesen. Heute werden sie oft mit Abfallholz oder mit Steinen aus den Wiesen, welche die mechanisierte Heuerei stören könnten, aufgefüllt. Vielleicht werden auch sie irgendwann – wie die Kirchen – als Kulturgut restauriert. Hier aber ist der Hohlweg als gepflegter Wanderweg bis zu einem Wegweiser erhalten, der entweder links nach Wergenstein oder rechts aufwärts nach Farden zeigt.
Auf der Holzbrücke über den Wildbach im Valtschiel-Tobel sind Tierspuren auszumachen. Seit dem letzten Schneefall ist hier kein Mensch durchgekommen.
Nun geht es durch den Wald Richtung Valtschieltobel, wo der Schnee noch länger liegen bleibt. Tierspuren sind zu erkennen, Rehe, Gämsen, vielleicht auch Hirsche oder Hasen sind hier je nach Tages- und Jahreszeit unterwegs.
Blick ins Bachbett von der sicheren Brücke aus.
Nach der schmalen Brücke über den imposanten Bergbach erreichen wir später einen Südhang voller Sanddorn: Die Beeren sind gelb, wohl x-mal gefroren und zu weich zum Pflücken. Auch die Dornen sind Schutz:«Ich habe es einmal gemacht», sagt Barbara L., «aber heute kaufe ich den Sanddorn lieber im Reformhaus».
Sanddorn-Dickicht an einem südexponierten Steilhang
Der Wanderweg endet in einer Kurve der alten Mathoner Strasse, winters eigentlich Schlittelweg, aber diesmal war zuwenig Schnee. Richtung Farden ist die Rundsicht auf die Gipfel Mittelbündens Thema, aber auch auf das höher gelegene Mathon mit der Ruine der Antoniuskirche aus der gleichen Zeit wie die anderen, aber schon 831 erstmals erwähnt und nach dem Bau der Barockkirche aus dem 18. Jahrhundert verfallen.
Wer genau hinschaut, entdeckt auch Skurriles, die Skulptur eines Naturgeists?
Heute sind die Mauern archäologisch untersucht und unter Denkmalschutz wie die Gotteshäuser rundherum. Spuren von Fresken, die wiederum auf den Waltensburger Meister weisen, konnten gesichert werden.
Die Kirche von Pazen-Farden auf einem Felssporn, vom Dorf her aber bequem zu erreichen.
Mittlerweile gelangen wir zur Kirche von Pazen-Farden, auch sie muss, wie vielleicht alle diese Dorfkirchen am Schamserberg, reich dekoriert gewesen sein. Erhalten haben sich Fragmente, darunter ein Heiligenzyklus. Von Farden führt der Wanderweg direkt abwärts nach Donat, wo der Rundgang endet. Vorbei wiederum an einer südexponierten wilden Sanddornhecke.
Die Kirchendecke von St. Martin in Zillis erzählt das Leben Jesu und die Legende des Kirchenpatrons Martin, umgeben von Fabelwesen.
Von Donat aus geht es zurück nach Zillis, wo die älteste und berühmteste Dorfkirche der Talschaft, vielleicht halb Europas, steht: Der Waltensburger Meister hat sich im 14. Jahrhundert mit einem monumentalen Christophorus an der Aussenwand verewigt, während die Kassettendecken-Malerei, ein Comic der Heilsgeschichte, aus dem frühen 12. Jahrhundert stammt.
Die Route der Fussreise am unteren Schamserberg.
Titelbild: Der Piz Beverin (2998m) ist der bekannteste Aussichtsberg in Mittelbünden und dominiert den Schamserberg.
Die Fotos von B. L., R. H., E. C. sind im Rahmen von zwei Wanderungen Ende März und Anfang April auf der beschriebenen Route im Gebiet des Naturparks Beverin entstanden.
Mehr über die Landschaft Schams samt Tipps für Ausflüge und Gastgewerbe gibt es bei Viamala Tourismus, mehr über die Geschichte des Schamserbergs ist bei Wikipedia zu erfahren.

Eine schöne Wanderung! Gut geschrieben! Mit prächtigen Bildern!
Danke!
Kleine Kritik: Das veraltete Wort FISCHREIHER sollte durch GRAUREIHER ersetzt werden.