Die Kunsthalle München bietet einen sinnlich-überraschenden Rundgang durch drei Jahrtausende Kunst- und Kulturgeschichte des Haars. Die Ausstellung unter dem Titel «Haar – Macht – Lust» macht Spass und rüttelt gleichzeitig auf, bis hin zur Irritation.
Vom Symbol für Jugend und Potenz über geschlechtstypische Klischees bis hin zu Frisuren mit politischer Aussagekraft: eine grosse Ausstellung in der Kunsthalle München geht dem Thema Haare in jede erdenkliche Richtung nach. Der provozierende Streifzug ist absolut sehenswert!
Frisch gewaschene Haare, blumig duftend und seidig glänzend. Und dann plötzlich: Haare auf einer Frauenbrust, eine Punk-Frisur, ein fremdes Haar in der eigenen Suppe oder in der Hoteldusche. Keine Frage: das Verhältnis des Menschen zu Haaren ist ambivalent. Auch in der Kunst mangelt es nicht an Haaren.
Eingang zur Kunsthalle München.
Zuweilen verraten Haare etwas über den Status einer Person oder Gruppe. Aufwändige Frisuren signalisieren Macht und Reichtum. Wer dabei modisch ist, wird von persönlichem Geschmack und den Regeln der Gesellschaft beeinflusst.
Die Kulturgeschichte der Frisur
Überraschend ist, wie unterschiedlich ihre Bedeutung je nach Kontext sein kann, nur eines ist immer gleich: Haare stehen für Kraft, Vitalität und Jugend, sagt Kuratorin Juliane Au: «Das ist zum einen einfach eine Beobachtung, die Menschen gemacht haben: Je jünger man ist, desto kräftiger ist das Haar, es wird im Alter einfach ein bisschen dünner.» Zum anderen hätte man sehr lange gedacht, dass Lebenskraft in den Haaren gespeichert sei und diese nach dem Tod weiterwüchsen.

Frisuren können Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe signalisieren.
Ausdrucksmittel für Macht und Identität
Ein Porträt zeigt Ludwig XIV. mit Zepter, Hermelinfell und üppiger, aber falscher Lockenpracht. Aufwändige Perücken standen am französischen Hof für hohes Ansehen, denn Perücken machen grösser und damit sichtbarer. «Louis XIV. ist früh kahl geworden, wahrscheinlich schon in der späten Jugend», erklärt die Kuratorin. «Da man als König nie nur Mensch ist, sondern auch physisch den Staat repräsentierte, sollte der Körper vital sein und deshalb mussten irgendwann Perücken her.»
Ludwig XIV mit Perücke (undatiert, Maler unbekannt).
Von der schlangenhaarigen Medusa bis zu Maria Magdalena im Haarmantel, vom Schmuckstück aus echten Haaren bis zur Krawatte in Form eines geflochtenen Zopfs: Die Münchner Ausstellung spürt dem Thema Haare in alle erdenklichen Richtungen nach. Die Gefahr, dass daraus ein Potpourri aus wahllos zusammengeworfenen Beispielen wird, haben Juliane Au und ihre Kollegen gekonnt umschifft: «Worum es uns geht, ist, wie vielfältig Haar ist, und wie schnell man an sehr grundlegenden Fragen dran ist, an identitären Fragen: Wer sind wir, wer wollen wir sein, wie gehen wir miteinander um, und wie sehen wir einander?»
Mitunter wird Haar zum Markenzeichen einer Person. Friedrich Nietzsches markanter Schnauzer, Ludwig van Beethovens wildes Haar oder Marilyn Monroes blonder Bob sind bis heute ikonisch.
The Sergant (mit Schnauz). Foto August Sander 1925.
Die Ausstellung begreift Haare als universelle Sprache, als Ausdrucksmittel, mit dem wir uns inszenieren können. Der grösste Raum ist folgerichtig der Politik gewidmet und der Rolle der Haare als Zeichen des politischen Widerstands. «Bekannt sind die Punk- oder die Hippiebewegung, aber auch der Kolonialismus kann mit Frisuren zu tun haben», sagt Kuratorin Juliane Au. Fotografien von Pieter Hugo zeigen Richter aus Ghana, die bis heute die weissen Richterperücken tragen, die aus der Kolonialzeit Englands stammen.
Frisuren mit politischer Botschaft
Ganz anders die Selbstporträts der Ivorerin Laetitia Ky, die ihre langen schwarzen Haare stolz und mit souveränem Humor mal zu Boxhandschuhen, mal zu den Konturen des afrikanischen Kontinents formt.
Die Kämpferin: Afric’hair mit politischer Botschaft. Laetitia Ky
Ausdrucksstark ist die Schau immer dort, wo mit Klischees gebrochen wird: ein männlicher Torso, wie man ihn aus den üblichen Antikensammlungen kennt, hier aber nicht als glattem Marmor, sondern in Silikon mit aufgeklebtem Brusthaar. Ein Foto mit langen Beinen in Absatzschuhen im Stil von Strumpfhosenwerbung. Allerdings sind die Beine unter der Strumpfhose behaart und wohl eher männlich.
Oder die Fotoserie einer feministischen Performance von Ana Mendieta von 1972: Die junge Frau ist mit einem Kommilitonen zu sehen. Er rasiert sich den Bart ab, sie klebt ihn sich an und eignet sich damit auch seine Stellung, seine Möglichkeiten, seinen Zugang zur Welt und zum Kunstmarkt an.
Zwischen Klischee und Selbstermächtigung
Frisuren oder Teile davon können Hinweise auf religiöse Überzeugungen oder Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen sein. Schläfenlocken orthodoxer Juden oder langes ungekämmtes Haar hinduistischer Priester sind Ausdruck von Hingabe. Das Bedecken der Haare gilt in verschiedenen Kulturen als Zeichen von Demut und Tugend.
Figur am Kulasai Festival in Indien. Tintenstrahldruck auf Hochglanzpapier. Charles Freger.
«Haar – Macht – Lust» ist eine umfassende, aber gut geordnete Ausstellung, die Spass macht, die auch mal irritiert und definitiv niemanden völlig unberührt lässt, egal wie viel oder wie wenig man sich bisher für Haare interessiert hat. «Selbst wenn ich mich gar nicht kümmere, signalisiere ich damit, dass mir bestimmte Dinge einfach egal sind», findet die Kuratorin.
Wissenswertes und Überraschendes
Schliesslich erfährt man in der Ausstellung auch Wissenswertes über das Haar, zum Beispiel über dessen chemischen Aufbau oder über die Zahl: «Auf dem Kopf eines Menschen befinden sich im Durchschnitt 100’000 Haare, die etwa 0,3 bis 0,5 mm am Tag wachsen. Das sind in einem Jahr ca. 15 cm Dabei gibt es Unterschiede je nach Haarfarbe: Blonde Menschen haben durchschnittlich am meisten Haare auf dem Kopf. Darauf folgen Menschen mit schwarzen oder braunen Haaren, dann Rothaarige. Insgesamt haben wir am ganzen Körper etwas fünf Millionen Haare.
Titelbild: Die Adelige Senora de Delicado de Imaz, gemalt von Vicente Lopez Portana. Das Aussehen des Models (ausgeprägte Behaarung der Oberlippe und der Augenbrauen) wird für einmal nicht beschönigt. Alle Fotos: PS

Am Schluss des Rundgangs können Besuchende am Fotoautomaten auf einem Coiffeurstuhl eigene Frisuren kreieren und sich damit fotografieren lassen.
In der Kunsthalle München ist die Ausstellung noch bis zum 4. Oktober 2026 zu sehen. Vom 14. November 2026 bis 18. April 2027 wird sie in veränderter Form im Augustinermuseum Freiburg im Br. gezeigt.
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