StartseiteMagazinLebensartDer Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus

Aber, hallo!, denken Sie jetzt wohl. Es ist erst Mitte April! Sie haben natürlich recht. Als das Lied geschrieben wurde, da fand der Frühling halt noch im Mai statt. Klimawandel! Deshalb wird, nach dem meteorologischen und dem kalendarischen Frühling der Dritte im Bunde, der phänologische Lenz immer wichtiger. Denn der liegt immer richtig. Nochmals schneien kann es trotzdem.

Als ich, ist schon ziemlich lange her, in der Mittelschule jeweils am «Maisingen» auf den Plätzen der Stadt teilnahm, da stimmte das Lied «Nun bricht aus allen Zweigen das maienfrische Grün» und ähnliches noch voll und ganz. Und die Grosseltern freuten sich auf eine «Bluestfahrt» am Muttertag.

Die Eisheiligen sind ein fester Wert

Heute, da die Aprikosen in manchen Jahren bereits anfangs März blühen – und die Blüten fast zuverlässig erfrieren, wenn sie nicht geschützt werden – gelten die alten Lieder und viele Wetterregeln nicht mehr. Ausser den Eisheiligen Mitte Mai. Die werden immer noch beachtet, obwohl bereits jetzt Tomatensetzlinge und andere «Gfrörli» im Fachhandel erhältlich sind.

Worauf kann man sich denn wetter- und temperaturmässig überhaupt noch verlassen? Auf die Phänologie! Diese alte Wissenschaft befasst sich mit den periodisch wiederkehrenden jahreszeitlichen Abläufen der Natur und damit verbunden indirekt auch mit dem Wetter. Der Begriff bedeutet «Lehre von den Erscheinungen» und wurde vom schwedischen Botaniker Carl von Linné im 18. Jahrhundert erstmals wissenschaftlich angewendet.

Die Forsythie, in vielen Gärten als rein dekorativer Strauch ohne ökologischen Wert verpönt, steht im phänologischen Kalender für den Erstfrühling.

Wie das funktioniert? Hier die komplizierte Erklärung: Der phänologische Kalender kennt zehn Jahreszeiten, je drei für Frühling, Sommer und Herbst und eine für den Winter, basierend auf dem Entwicklungsstand typischer Pflanzen und angepasst an die klimatischen und geografischen Gegebenheiten der einzelnen Regionen. Frühling ist also nicht an ein festes, wiederkehrendes Datum gebunden.

Der Frühling kommt mit Tempo 30 – pro Tag

Der phänologische Frühling beginnt jeweils im Südwesten der iberischen Halbinsel mit dem Aufblühen der «Zeigerpflanzen» des Vorfrühlings. Das sind Schneeglöckchen, Winterling und Haselnuss. Und jetzt muss gerechnet werden: Pro Tag wandert diese Jahreszeit rund 30 Kilometer nach Norden und ebenso viele Meter in die Höhe, bis sie Wochen später im Nordosten Skandinaviens landet. So kann leicht ausgerechnet werden, wann die ersten Frühlingstage bei uns ankommen. Und dass man in den Sommerferien in Finnland die ersten Erdbeeren kaufen kann, verwundert auch nicht.

Schneeglöckchen läuten den Vorfrühling ein. Wissen wir doch schon längst!

KI macht es uns leichter und vermeldet, dass 2026 der Vorfrühling in unserer Gegend bereits Ende Februar begonnen habe. Und auch ohne künstliche Intelligenz kann man diesen Zeitpunkt einfach bestimmen: Wenn an einem sonnigen Tag der Kaffee nach dem Mittagessen in einer geschützten Ecke im Garten oder auf dem Balkon getrunken werden kann, dann ist es Frühling. Vielleicht auch, wenn plötzlich Frühlingsgefühle aufkeimen. Dazu braucht man allerdings weder Zeigerpflanzen noch die Phänologie, die mit 30 Kilometern pro Tag aus dem Süden angekrochen kommt.

Meteo Schweiz ist gut dokumentiert

Wie es nach dem Vorfrühling weiter geht, darüber informiert Meteo Schweiz, die seit 1951 ein phänologisches Beobachtungsnetz mit rund 160 Stationen betreibt. 26 Pflanzenarten sind als «Zeigerpflanzen» erfasst, die die regionale Vegetationsentwicklung beschreiben, also wann die Referenzpflanzen blühen, fruchten oder ihr Laub verlieren. Dazu werden, als Indikatoren zum Frühlingsstart in Genf seit 1808 der Zeitpunkt des Blattaustriebes der Rosskastanie festgehalten und seit 1894 in Liestal die ersten Kirschbaumblüten registriert. Dazu wird regelmässig ein Klimabulletin herausgegeben.

Für die Liebe braucht es keine Zeigerpflanzen. (alle Bilder pixabay)

So stehen wir momentan im Erstfrühling. Das heisst die Forsythien, Beerensträucher, Kirsche und Birne blühen, bei Birken und Buchen erscheint das erste Laub. Wenn dann die Apfelbäume blühen, der Flieder und die Rosskastanie, dann ist es endlich wieder Vollfrühling.

 

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