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Das Scheitern eines Gutmenschen

Im Opernhaus Zürich ereignet sich gegenwärtig eine Sternstunde. Musikalisch, darstellerisch, szenisch. Ein großes Wort! Zumal das Ereignis jener Oper Mozarts gilt, die immer etwas im Schatten seiner anderen Opern steht: «La clemenza di Tito».

Im Zentrum steht die Mildtätigkeit des historischen Titus Vespasianus (39–81 n. Chr.). In seinen jungen Jahren ein typischer römischer Feldherr, ehrgeizig und hart, wurde er in seiner kurzen Regierungszeit am Ende seines Lebens zu einem ausgesprochen milden und wohltätigen Herrscher.

Der viele Jahre unangefochtene kaiserliche Librettist Pietro Metastasio hatte die Fakten mit Intrigen, Komplotten und Liebeshändel frei angereichert und zum operntauglichen Stoff aufbereitet, der unzählige Male vertont worden war. Für die in Prag auf September 1791 angesetzte Krönung Kaiser Leopolds II. zum König von Böhmen überarbeitete Caterino Mazzolà das Textbuch und machte daraus – nach Mozarts eigenen Worten – eine «vera opera». Im Sommer – die Arbeit an der «Zauberflöte» war weitestgehend abgeschlossen – begann er mit der Komposition für die Huldigungsoper, die dann am 6. September vor dem Herrscherpaar und dem geladenen Adel über die Bühne ging – mit mässigem Erfolg.

Regisseur Damiano Michieletto verlegt die Oper in die 1960/70er Jahre. Pene Pati als Tito steht erstmals auf der Bühne des Opernhauses. (Alle Fotos Opernhaus Zürich/ Toni Suter)

Noch heute bietet das musikalisch grossartige Werk mit seinem hehren Edelmut und Gnadenakt eine besondere Herausforderung. Damiano Michieletto, Regisseur der aktuellen Zürcher Produktion, nimmt die «wahre Oper» ernst und dreht die Dramatik sogar noch ein paar Windungen weiter – mit weitreichenden Konsequenzen für das Finale. Er verweigert sich einer bloss musealen Lesart und rückt die Perspektive konsequent in Richtung Gegenwart, etwa in die 1960/70er-Jahre.

Staatliche Machtzentren

Das schmucklose Bühnenbild (Paolo Fantin), zwei im rechten Winkle aufgestellt dunkle Holzwände auf der Drehbühne, markieren das staatliche Machtzentrum, das gleichzeitig eine Abhörzentrale ist, wo alles auf Tonband aufgezeichnet, auf Papier fichiert wird: Ein Überwachungsstaat, der an die DDR denken lässt – und wohl auch an aktuellere Beispiele… Die eleganten Kostüme von Klaus Bruns sind zeitlos modern: Prêt-à-porter für die Damen, Businessanzüge für die Herren; auch für den Chor, der musikalisch oft eng mit den Solisten agiert, vorzüglich klingt und mit berückenden Piani aufwartet (Einstudierung: Ernst Raffelsberger)

Zeitlos moderne Kostüme auch für den vorzüglich agierenden Chor.

Dirigent Marc Minkowski und «La Scintilla» lassen den Reichtum der mozartischen Partitur mit großer Klarheit und natürlicher Spannkraft erklingen. Dabei entsteht ein Fluss, in dem Virtuosität nicht exponiert, sondern organisch integriert wirkt. Bemerkenswert auch, wie Gebärde, Haltung, Aktion und musikalischer Gehalt ineinandergreifen, wie Szene und Atem und Klang selbstverständlich zusammenfinden!

Stimmen der Macht und des Zweifels

Das zeigt sich bereits im ersten Auftritt, einem für die Opera seria eher ungewöhnlichen Beginn mit dem aufgewühlten Duett zwischen Vitellia und Sesto. Ihm Liebe vorheuchelnd, will sie ihn dazu bringen, den in ihren Augen unrechtmässigen Kaiser Titus zu ermorden und gleich auch das Kapitol abzufackeln. Dazu übergibt sie ihm ihre große Tasche mit einem Brandsatz. Margaux Poguet, eine wahrhaft imposante Vitellia, brilliert mit gleißenden Spitzentönen und sinnlichem Brustregister, das bis in die Alt-Lage reicht. Die Spannweite ihrer vokalen Mittel macht den Wandel von Machtanspruch über Rache bis zur verzweifelten Selbstaufgabe erfahrbar – ein letztes Mal in ihrem wundersamen Rondò «Non piú di fiori», sekundiert vom melancholischen Klang des Bassetthorns.

Lea Desandre in ihrer Hosenrolle als Sesto überzeugt – auch wenn sie gerade einen Brandsatz in den Händen hält.

Auch für Sesto hat Mozart den «menschlichen» Klang von Rohrblattinstrumenten mit sonorer Tiefe eingesetzt: diesmal die Bassettklarinette – und beiden entlockt Robert Pickup zauberhafte Töne. Lea Desandre in der Hosenrolle des Sesto verfügt über eine bemerkenswerte Balance zwischen lyrischer Innigkeit und dramatischem Aplomb. Die Intensität ihrer Darstellung des zwischen Liebe und Freundschaft zerrissenen Jünglings vollzieht sich nicht durch vokale Extreme, sondern durch subtile klangliche Farbnuancen, differenzierte Phrasierung und ein sublimes Piano.

Auch Annio ist mit einem Mezzosopran besetzt. Siena Licht Miller bringt für diesen Jugendfreund Sestos ein herberes Timbre ins Spiel. Servilia, Sestos Schwester, ist vielleicht die ehrlichste und standhafteste Figur in diesem Gefühlschaos. Yewon Han bezaubert mit lichtem, jugendfrischem Sopran nicht nur den Geliebten Annio, sie vermag mit sanften Tönen, aber klaren Worten selbst Vitellia im Innersten anzurühren.

Publio avanciert zum Chef der Geheimpolizeit

Publio, eigentlich eine Nebenrolle, ist zum Chef der Geheimpolizei avanciert. Andrew Moore verleiht ihm stimmlich wie optisch das schillernde Profil eines als Biedermann getarnten Drahtziehers.

Tito (Pene Pati, Tenor) ist Machtmensch und gleichzeitig auch Humanist.

Idealerweise wurde die Partie des Titus einem strahlkräftigen, virilen und doch nicht allzu heldenhaften Tenor anvertraut. Pene Pati, erstmals auf der Zürcher Bühne, bringt alle vokalen und darstellerischen Voraussetzungen für diesen Herrscher mit, ein Humanist, der sichtlich am Zwiespalt zwischen seinem ethischen Ideal und der Macht leidet, die ihm die Härte und Grausamkeit abverlangt.

Jubel mit Untertönen

So kann auch er dem Verhängnis nicht Einhalt gebieten. Der Zeitzünder geht los – kein flammendes Inferno, stattdessen ein klaffendes Loch in der Wand. Der Mordanschlag traf den Falschen, denn Publio hat einen Doppelgänger losgeschickt, vorsorglich mit Schutzweste unter dem Anzug ausgestattet. Dennoch muss Sestos Vergehen, der Vitellias Anstiftung beharrlich verschweigt, geahndet werden. Die tödliche Giftspritze ist bereit. Auf Vitellias Selbstanklage wird der verurteilte Sesto von seinen Fesseln befreit. Noch während dem Schlusssextetts reicht Publio dem Kaiser einen vergifteten Trank. Der ahnungslose Tito leert den Becher…

Der finale Jubel trägt einen kaum zu überhörenden Riss. Die Worte von Milde, Verzeihung und Aussöhnung in strahlendem C-Dur behalten zwar ihren Glanz. Die Musik ist nicht naiv, sondern utopisch überhöht: Sie zeigt, wie Herrschaft sein sollte, könnte, nicht wie sie etabliert ist.

So verlassen wir das Opernhaus nach dem tosenden Applaus nicht in der Gewissheit einer befriedeten Ordnung, sondern mit bangen Fragen: Hat Menschlichkeit in der aktuellen Welt der Macht ausgedient? Sind Vertrauen und Versöhnung zu anstrengend? Und: Wollen wir am nächsten Morgen die Zeitung wirklich aufschlagen?

Opernhaus Zürich: La Clemenza di Tito. Weitere Aufführungen: 3., 8., 15.,17., 20. und 25. Mai.   

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1 Kommentar

  1. Wieso braucht es zu diesem DDR-haften Bühnenbild die Musik Mozarts? Mit diesem zwanghaften «herüberbringen in die heutige Zeit» vertreibt man das Stammpublikum und gewinnt kein neues. Ausserdem ist es eine Herabsetzung von neuzeitlichen Opern, welche dieser Tage noch immer komponiert werden.

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