StartseiteMagazinKulturEdle Raumgestaltung in römischen Villen

Edle Raumgestaltung in römischen Villen

Die Abegg-Stiftung in Riggisberg BE, bekannt für ihre ausserordentlich qualitätvolle Textilsammlung, zeigt in ihrer aktuellen Sonderausstellung kostbare Ausstattungen aus der Antike: «Zuhause in der Spätantike – Textile Innenausstattung des 4. – 7. Jahrhunderts».

Das Römische Reich erstreckte sich bekanntlich über den gesamten Mittelmeerraum. Vielerorts, wie in der Schweiz, sind von den Wohnhäusern, den Villen der reichen und angesehenen Römer, nur ein paar Mauern erhalten. Im plötzlich untergegangenen Pompeii finden die Forschenden bis heute interessante Innenausstattungen, aber es sind Mosaike oder Malereien. Textilien sind beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 zerstört worden.

Doch Textilien waren eines der wichtigen Elemente, wenn nicht das hervorragendste, zur Gestaltung der Räume. – In Ägypten, ebenfalls eine bedeutende Provinz des Römischen Reichs, erlaubte es das trockene Wüstenklima, dass wesentliche Teile von Wandbehängen, Raumteilern, Vorhängen, Polstern und Decken erhalten blieben. Möbel aus Holz waren weniger haltbar oder wurden im Laufe der Jahrtausende anders genutzt.

Die Weberei und die für die Wandbehänge besondere Wirkerei befanden sich damals schon auf einem hohen künstlerischen Niveau. Das Titelbild illustriert das: In einer Bogennische erscheint eine tanzende und musizierende Mänade, eine der Begleiterinnen des Gottes Dionysos. – Solche Szenen, die den Gott des Weines und der Ekstase zusammen mit seinem Gefolge bei ausgelassenen Festlichkeiten zeigten, waren unter den mythologischen Darstellungen besonders beliebt.

Zur Bequemlichkeit ebenso wie als Statussymbole statteten die Familien der Oberschicht ihre Villen mit Textilien aus – und mit was für welchen! Ästhetik und Qualität in der Herstellung dienten nicht nur ihrem Wohlbefinden und dem ihrer Gäste, sondern waren Zeichen ihrer sozialen Stellung und ihres Reichtums.

Die Textilien erzählen alte Mythen

Meleager und Atalante. Ägypten, Ende 4.–Anfang 5. Jahrhundert. Wirkerei, Leinen und Wolle. Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 1100

Dieser Wandbehang zeigt das Jägerpaar Meleager und Atalante. Der Überlieferung zufolge besiegten sie gemeinsam den kalydonischen Eber, ein gewaltiges Ungeheuer. Die Wirkerei wurde aus besonders feiner Wolle gefertigt und umfasst mehr als dreissig verschiedene Farbtöne. Schon das Färben der Garne war äusserst kostspielig. Hier können wir Textilkunst der Spätantike in höchster Vollendung betrachten.

Was ist «Wirkerei»

Weben – das Handweben – gilt heute als besonderes Kunsthandwerk und als Hobby. Was «Wirkerei» bedeutet, scheint hingegen weitgehend vergessen, obwohl es (fast) so alt ist wie die Kunst des Webens. In den historischen Objekten der Abegg-Stiftung kommt die Wirkerei häufig vor, als «Bildwirkerei». Während ein gewebtes Tuch aus Kette und Schuss (im rechten Winkel zueinander) entsteht, wird bei der Bildwirkerei der Schussfaden nicht über die gesamte Webbreite eingearbeitet, sondern nur bis zum Rand der geplanten Farbfläche hin- und zurückgewirkt. Für ein Textilbild werden je nachdem, was dargestellt werden soll, zahlreiche Fäden in verschiedenen Farben eingesetzt.

Mythologische Szenen (Ausschnitt). Ägypten, 4.–6. Jahrhundert. Wirkerei, Leinen und Wolle. Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 1385.

Ein Ausschnitt aus einem Zierstreifen (s.o.) eines Wandbehangs: Er zeigt im oberen Quadrat einen Mann, der auf einem Seeungeheuer reitet. Er spielt – wie im Titelbild – ein antikes Saiteninstrument, die Kithara. Darunter ist ein Kentaur im Galopp dargestellt. Gestalten aus der Mythologie waren bei Textilien, die zur Ausstattung von Wohnräumen dienten, beliebte Motive.

Ornamentstreifen (Ausschnitt). Ägypten, Mitte 4.–Anfang 5. Jahrhundert. Wirkerei, Leinen und Wolle. Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 5422

Kunstfertigkeit und Farbenreichtum

Beim Gang durch die von Michael Peter kuratierte Ausstellung zieht ein Streifen in kräftigen Farben den Blick an. Dieser in fünf schmale Bänder unterteilte Ornamentstreifen mit Weinranken gehörte zu einem Wandbehang, der Dionysos und sein Gefolge zeigt. Seine Farbenpracht fasziniert uns noch heute. Der Streifen befand sich ursprünglich zwischen den Figuren. In Berlin gab es früher weitere Teile von diesem Behang, die jedoch seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen sind.

Aphrodite und Adonis. Ägypten, 4.–6. Jahrhundert. Leinengewebe, Färbung in Reservetechnik. Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 819

Die Sage von Aphrodite und Adonis gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Erzählungen der Antike. Auf diesem Fragment ist rechts die Liebesgöttin dargestellt, erkennbar an Schleier und Diadem. Sie berührt den kurz zuvor bei der Jagd ums Leben gekommenen Adonis an Arm und Schulter. Der Stoff, diesmal ein Leinengewebe, keine Wirkarbeit, wurde mit batikähnlicher Reservetechnik gefärbt. Die Herstellung verschiedener Farbabstufungen war dabei besonders aufwendig.  – Die Textilie ist nur in Fragmenten erhalten. Hier zeigt sich die Perfektion, mit der die Restauratorinnen und Restauratoren der Abegg-Stiftung solche Fragmente instand setzen können.

Von antiken Mythen zum Christentum

Während der Periode, zu der die Textilien dieser Ausstellung gezeigt werden, verbreitete sich der christliche Glauben stetig. Unter Kaiser Konstantin erhielt das Christentum die offizielle Anerkennung. Das zeigt sich auch in den künstlerischen Objekten: Das Kreuz und andere christliche Symbole wurden dargestellt und solche Wandbehänge aufgehängt. – Die altgewohnten Motive verschwanden allerdings nicht von einem Moment zum anderen.

Noch ein Tip: Nahe dem Museumseingang hängen mehrere sehr sehenswerte Wandbehänge aus Ägypten, die ihrer Übergrösse wegen besonders viel Platz beanspruchen.

Die diesjährige Ausstellung der Abegg-Stiftung «Zuhause in der Spätantike – Textile Innenausstattung des 4. – 7. Jahrhunderts» ist bis 8. November 2026 täglich von 14 – 17:30 Uhr geöffnet.

Beachten Sie die zahlreichen Sonderveranstaltungen auf der Webseite.

Titelbild:  Kitharaspielerin. Ägypten, 4.–5. Jahrhundert. Wirkerei, Leinen und Wolle. Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 1637.
Alle Bilder:
© Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg (Foto: Christoph von Viràg

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