Die Schweizer Fotogeschichte hat ein Gender-Problem: Von 160 Nachlässen in der Fotostiftung Winterthur stammen gerade einmal 26 von Frauen. Die Ausstellung «Frauen. Fragen. Fotoarchive» holt sieben Pionierinnen von 1900 bis 1970 ins Licht.
Seit den Anfängen der Fotografie widmen sich Frauen diesem Handwerk: Bereits in den 1840er-Jahren veröffentlichte die englische Botanikerin Anna Atkins ihre Cyanotypien von Algen und Pflanzen im ersten Fotobuch überhaupt, in der Schweiz wurde Franziska Möllinger als Daguerreotypistin bekannt. Frauen haben fotografiert, experimentiert und dokumentiert – so auch die sieben Schweizer Fotografinnen Anny Wild-Siber (1865-1942), Gertrud Dübi-Müller (1888–1980), Marie Ottomann-Rothacher (1916–2002), Margrit Aschwanden (1913–2004), Hedy Bumbacher (1912–1992), Leni Willimann-Thöni (1918–2002) und Anita Niesz (1925–2023), deren Archive in der Ausstellung gezeigt und deren Biografien nachgezeichnet werden.
Anny Wild-Siber fotografierte Blumenarrangements, Stillleben, Stimmungen, Gesellschaftsszenen, Reise- und Landschaftsaufnahmen, und experimentierte mit verschiedenen Farbverfahren
Die Fotografiegeschichte der Schweiz war lange Zeit eine Geschichte männlicher Fotografen, überliefert aus männlicher Perspektive. Ein Umstand, der sich auch in den Archiven der Fotostiftung Schweiz widerspiegelt: Von den rund 160 Archiven sind nur 26 weiblichen Fotoschaffenden zuzuschreiben. Diese Archive sind so unterschiedlich wie ihre Autorinnen und deren Biografien: Manche Lebenswerke weisen Brüche auf, andere zeigen eine klare Entwicklung. Obwohl sich einige Bildautorinnen in einem männlich dominierten Berufsfeld etablieren konnten, standen sie oft im Schatten ihrer Kollegen, Lehrmeister und Ehemänner. Auch technisch versierte Amateurfotografinnen blieben mit ihren eindrucksvollen Zeitzeugnissen am Rande der Geschichtsschreibung der Schweizer Fotografie.
Gertrud Dübi-Müller war eine bedeutende Dokumentarfotografin der Schweizer Kunstszene des frühen 20. Jahrhunderts. Sie fotografierte vor allem Künstlerinnen und Künstler wie Giovanni Giacometti und dessen Familie.
Die Ausstellung «Frauen. Fragen. Fotoarchive.» öffnet ein Feld, in dem die Fotografie eine vielschichtige Rolle spielt. Fotografien zeugen im Dialog mit Schriftdokumenten von Ambitionen, Ausbildungsverhältnissen, beruflichen Herausforderungen. Die ausgewählten Bildgruppen vermitteln zugleich die Perspektive der Fotografinnen auf die Lebenswelten, die ihnen zugänglich waren.
Marie Ottomann-Rothacher fotografierte häufig Kinder und Jugendliche sowie das entbehrungsreiche Leben in Schweizer Bergregionen, oft im Auftrag gemeinnütziger Organisationen wie Pro Juventute.
Die sieben Fotografinnen werden in den beiden Ausstellungsräumen der Fotostiftung Schweiz mit ausgewählten Bildgruppen, Belegexemplaren, schriftlichen Dokumenten und Informationen zur Biografie vorgestellt. So geht es zunächst um die Amateurfotografie, die sich Anny Wild-Siber und Gertrud Dübi-Müller Anfang des 19. Jahrhunderts als Autodidaktinnen aneigneten. Die Autochromplatten, Edeldrucke und Stereofotografien – letztere als 3D-Projektion erfahrbar – spiegeln nicht nur die fotografischen Ambitionen, sondern auch das Umfeld der beiden gut situierten Frauen.
Margrit Aschwanden leitete in den Kriegsjahren zeitweise das Fotogeschäft ihres Bruders Richard Aschwanden in Altdorf. 1950 heiratete sie Jakob Tuggener und wandte sich nach ihrer Scheidung vermehrt der Malerei zu.
Marie Ottomann-Rothacher und Margrit Aschwanden machten in den 1930er-Jahren eine Lehre. Während Aschwanden mit ihrer Schwester zusammen zeitweise ein eigenes Atelier führte, arbeitete Ottomann-Rothacher als Fotografin und Laborantin für namhafte Fotografen. Hedy Bumbacher kam nach einem universitären Studium auf Umwegen zur Fotografie und vertiefte ihre Kenntnisse in einem Kurs an der ETH Zürich.
Leni Willimann-Thöni und Anita Niesz absolvierten die 1932 gegründete Fachklasse für Fotografie an der Zürcher Kunstgewerbeschule. Willimann-Thöni blieb dem neusachlichen Stil des Lehrers Hans Finsler verbunden, Anita Niesz jedoch folgte ihrem Interesse an einer sozialdokumentarischen Fotografie. Mit ihren Reportagen aus Italien und Frankreich war sie in den 1950er-Jahren wiederkehrend in der Schweizerischen Monatsschrift Du vertreten.
Hedy Bumbacher schuf gesellschaftlich engagierte Arbeiten, darunter Reportagen für Organisationen wie Pro Juventute, Anbaufonds und Berghilfe von 1937 bis 1945, oft mit Fokus auf Kinder und Leben in Schweizer Bergregionen.
Wie Ottomann-Rothacher, Aschwanden und Bumbacher fotografierte auch Niesz häufig im Auftrag gemeinnütziger Organisationen. In ihren Archiven finden sich auffällig viele Bilder von Kindern und Jugendlichen. Ottomann-Rothacher und Bumbacher beschäftigten sich ausserdem mit dem entbehrungsreichen Leben in den Schweizer Bergregionen, ebenfalls mit einem Fokus auf Kinder. Inwiefern diese thematische Ausrichtung mit persönlichen Interessen zu tun hat oder auch darauf zurückzuführen ist, dass die Auftragsgeber für mutmassliche «Frauenthemen» mit Vorliebe Fotografinnen beauftragten, ist eine der Fragen, die sich bei der Betrachtung der Bestände stellt.
Leni Willimann-Thöni war in der Schule bei Hans Finsler, arbeitete eng mit ihrem Ehemann, dem Typografen Alfred Willimann zusammen und bevorzugte formale Präzision und klare Kompositionen in Stillleben und Dokumentarfotos.
Dass die Nachlässe von Frauen, die in dieser Zeit fotografisch tätig waren, in Archiven wenig präsent sind, hat nicht nur damit zu tun, dass es aufgrund der Um- und Widerstände weniger Fotografinnen gab. Ihre Spuren verschwanden oft hinter den Namen der Väter, Ehemänner oder «Meister», mit denen sie zusammenarbeiteten. Die Voraussetzung für die Aufbewahrung und die Übergabe eines fotografischen Archivs an die Erben oder eine Institution bedingte eine Wertschätzung der eigenen Leistung. Für Frauen der in der Ausstellung vertretenen Generationen war diese leider nicht selbstverständlich. Auch die Sammlungspolitk der Insitutionen trug wenig zur Sichtbarkeit weiblichen Fotoschaffens bei. Zahlreiche Protagonistinnen fielen durch das Raster eines Kanons, der darauf ausrichtet war, die Fotografie als Kunst zu etablieren. Dabei ist Fotografie ein überaus vielseitiges Medium das Zeitzeugnisse liefert und zu einer vielstimmigen Geschichtsschreibung beitragen kann.
Anita Niesz absolvierte eine Ausbildung an der Zürcher Schule für angewandte Kunst bei Hans Finsler. Danach wandte sich von dessen strengen sachlichen Fotografie ab und schuf lebendige Reportagen
Die Aufarbeitung der Archive von diesen Fotografinnen, erweitert mit Dokumenten zur Frauenbewegung aus dem Gosteli-Archiv, ist ein wichtiger Schritt, um diese Vielstimmigkeit zu fördern. Die Bestände von Anny Wild-Siber, Gertrud Dübi-Müller, Marie Ottomann-Rothacher, Margrit Aschwanden, Hedy Bumbacher, Leni Willimann-Thöni und Anita Niesz sind ab Anfang Februar im Bildarchiv Online der Fotostiftung Schweiz einsehbar.
Titelbild: Archivarbeit in der Fotostiftung © Fotostiftung Schweiz
Situationsbilder © Urs Tillmanns
Bis 14. Juni 2026O
Hier gibt es Informationen für Ihren Besuch

Vielen Dank für Ihren wichtigen Beitrag, der zur Aufarbeitung des Frauenbildes in der Schweizer Geschichte beiträgt und die Leistungen von Frauen würdigt und sichtbar macht.