3 KommentareZu Besuch bei Peter Sutter, 76 - Seniorweb Schweiz
StartseiteMagazinGesellschaftZu Besuch bei Peter Sutter, 76

Zu Besuch bei Peter Sutter, 76

Der pensionierte Oberstufenlehrer Peter Sutter lebte nach dem Tod seiner Frau einige Jahre allein in seinem grossen Haus, bis eine Flüchtlingsfamilie aus Afghanistan bei ihm einzog. Wie kam es dazu und was ist daraus geworden?

Grund für meinen Besuch bei Peter Sutter war sein soeben erschienenes Buch «Mein Haus soll deine Heimat sein. Wie eine Flüchtlingsfamilie mein Leben veränderte.» Das Buch besteht aus Tagebucheinträgen vom 10. Juni 2024 bis 21. November 2024.

Die Geschichte beginnt am 13. März 2024, als Peter den damals 27-jährigen Abbas aus Afghanistan auf dem städtischen Sozialamt zum ersten Mal sah. Abbas hatte sich nach einem Privatlehrer erkundigt, der ihm Deutschunterricht geben könnte. So kamen Peter und er zusammen. Abbas war Mitte 2022 aus Afghanistan in den Iran geflüchtet, zusammen mit seinem Vater, der Angehöriger der Regierungstruppen gewesen war. Als sein Vater ein Jahr später an einem Herzinfarkt starb, beantragte Abbas ein Einreisevisum in die Schweiz, das ihm aufgrund seiner besonderen Leidensgeschichte unter den Taliban gewährt wurde. Im Oktober 2023 kam Abbas per Flugzeug in die Schweiz. In den verschiedenen Camps, wo er sich während seines Asylverfahrens aufhielt, lernte er intensiv Deutsch, mit Hilfe von Apps, Videofilmen und verschiedenen Lernprogrammen.

Eines Tages fragte Peter Abbas, ob er sich vorstellen könne, in seinem geräumigen Haus mit Baujahr 1907 einzuziehen, wo Peter nach dem frühen Tod seiner Frau infolge eines Krebsleidens eine Dreizimmerwohnung eingerichtet hatte, ohne zunächst zu wissen, an wen er sie vermieten würde. Abbas war sofort begeistert und zog anfangs Mai 2024 dort ein, nachdem er mit Peter seine Sachen im Veloanhänger aus der Asylunterkunft geholt hatte. Für Peter war es eine ideale Möglichkeit, das grosse Haus besser zu nutzen. Trotz der neuen Dreizimmerwohnung ist im Haus immer auch noch Platz für seine Kinder und Enkelkinder, wenn sie zu Besuch kommen.

Beginn der afghanisch-schweizerischen Wohngemeinschaft

Abbas’ Frau Ela, der vierjährige Rezwan und der einjährige Yasin waren zu diesem Zeitpunkt noch in Teheran, erhielten nun aber im Rahmen eines regulären Familiennachzugs die notwendigen Dokumente für die Einreise in die Schweiz. Am 7. Juni 2024 trafen sie in der Schweiz ein, mit einem einzigen Koffer, in dem ihre sämtlichen Habseligkeiten verstaut waren.

Die afghanischen Familie mit der soeben geborenen Hana (Foto bs)

In den Tagebuchnotizen wird sehr anschaulich, herzerwärmend und oft heiter beschrieben, wie Peter von Rezwan und Yasin bald als Opa adoptiert wird, wie er mit der Flüchtlingsfamilie den Alltag gestaltet, wie alle miteinander essen und sich ohne Probleme in ihre Privaträume zurückziehen können – eine ideale Wohngemeinschaft. Peter muss finanziell nicht für die Familie aufkommen, da die Miete und Alltagskosten aus Asylgeldern bezahlt werden.

Rezwan und Yasin spielen mit Bauklötzen von Peters Kindern (Foto zVg.)

Nazanin und das SEM

In den Tagebuchnotizen taucht ab 4. September 2024 plötzlich Nazanin auf, die zwei Jahre jüngere Schwester von Ela. Die Lesenden erfahren von einer dramatischen sieben Jahre dauernden Flüchtlingsgeschichte von Afghanistan über den Iran, die Türkei, Bulgarien, bis nach Griechenland. Nazanin wurde im Alter von elf Jahren gegen ihren Willen mit einem

Nazanin (Foto zVg.)

Mann aus der Verwandtschaft verlobt. Drei Jahre später wurde geheiratet und ab dann musste Nazanin mit ihrem gewalttätigen Mann zusammenleben, der sie wie eine Sklavin behandelte und sie oft schlug. Dreimal brach er ihr die Hand, zweimal ein Bein, viermal einen Arm und einmal zerfetzte er ihr Trommelfell. Mit 17 zeigte sie ihren Mann an, ihr Mann kam eine Nacht lang in eine Gefängniszelle, wurde sofort freigekauft und nachher war alles schlimmer als zuvor. Eines Nachts, als ihr Mann schlief, flüchtete sie in den Iran – der Anfang einer äusserst schmerzhaften Flüchtlingsgeschichte.

Peter unterstützt Nazanin auch finanziell bei ihren Gesuchen, Rechtsgutachten, Aufenthalten in der Schweiz und in Griechenland. Nazanin möchte in die Schweiz zu ihrer Schwester in Peters Haus ziehen. Alle wären einverstanden, nur das SEM, das Staatssekretariat für Migration, nicht. Nazanins Asylgesuch wurde im Oktober 2024 abgewiesen, ab anfangs 2026 im Rahmen eines von Peter initiierten Wiedererwägungsgesuchs aber wieder neu aufgerollt. Der Fall ist hängig und im Buch werden auch Begründungen des SEM für die Ablehnung des Asylgesuchs im Oktober 2024 eingefügt, so dass an einem konkreten Fall das Wirken des SEM nachvollzogen werden kann, was bei Peter zu harter Kritik an der gängigen Praxis der Asylpolitik führt.

Anfeindungen

Peter, der als Oberstufenlehrer und langjähriger Gemeinderat in Buchs (SG) bekannt ist, wird für seinen Einsatz im Asylbereich auch angefeindet. So fand er beispielsweise am 23. August 2024 ein anonymes Schreiben in seinem Briefkasten. Auszüge davon unter der Tagebuchnotiz vom selben Tag:

Nei nei Peter was hämer da i dä Schwyz oh Kinderlein kommen ä totalä Seich-Politik, äs isch e Schand. Vergewaltigunga, Messerstechereia, Schlägereiä und Mord, das hämär alles dännä dankbara, arma, arma Mänschä zfärdankä. Schwyzer sind die Armä. Für die Flüchtling git Schwiz al Jahr Milliarda us, für die armä Flüchtling, aber der Schwyzer Volk muss goh krampfä für das Gsindel, darum hät mer kei Geld mäh für eus. Peter, warschinli bisch du än Rotä oder än Grüne. Pfui. Wän du öpper wotsch unterstütza, dän gib dini Kohlä üs. Miar sind scho in Dütschland a ko, i han kei verbarmä mit däna Wirschaftsflüchtlinge bi eus i der Schwyz. Pfui Peter, Schämdi Peter.

Peter kontert Vorurteile mit nackten Zahlen, populistische Polemik weist er mit Fakten, mit völkerrechtlichen Verbindlichkeiten und ethischen Begründungen zurück. Solche Anfeindungen würden ihn letztlich eher noch stärker machen. Auch in seiner früheren Tätigkeit als Lehrer, der sich gegenüber dem herrschenden Schulsystem oft kritisch äusserte, habe er lernen müssen, mit Anfeindungen umzugehen.

Heimat

Das Buch trägt den Titel «Mein Buch soll deine Heimat sein.» Für Peter sei sein eigenes Haus nach dem Einzug der afghanischen Familie noch mehr Heimat geworden. Er fühle sich viel wohler als zuvor, als er allein in diesem grossen Haus wohnte. Er teile sein Haus gerne. Zudem sei das Teilen ganz im Geiste seiner verstorbenen Frau Hedy.

Spielzimmer, auch Treffpunkt von Eltern und Kindern befreundeter Familien (Foto bs)

Für die Flüchtlingsfamilie sei nicht nur das Haus Heimat geworden, sondern sie fühle sich auch in der Gemeinde wohl. Abbas und Ela haben auch durch die Kinder gute Beziehungen zu anderen Familien. Man lade sich gegenseitig ein, gehe miteinander aus. Am 75. Geburtstag habe Peter ein grosses Fest gemacht und Abbas habe nachher ganz stolz gesagt: «Ich habe etwa einen Drittel deiner Gäste gekannt.» Das sei gelebte Integration.

Die afghanische Familie habe in Buchs eine zweite Heimat gefunden, es gefalle ihnen sehr gut hier. Aber das Heimweh nach Afghanistan bleibt. Die Sehnsucht nach Angehörigen in Afghanistan schmerzt jeden Tag. Eine Rückkehr sei im Moment unmöglich. Irgendwann, irgendwann ist eine Rückkehr vielleicht nicht mehr lebensbedrohlich.

Buchtitel: Peter Sutter: Mein Haus soll deine Heimat sein. Wie eine Flüchtlingsfamilie mein Leben veränderte. Ziegelbrücke 2026. ISBN: 978-3-9055769-84-5

Titelbild: Peter Sutter vor seinem Haus. Am Haus hängt ein verblichenes Peace-Plakat. Als es tiefer hing, wurde es zweimal in der Nacht von Unbekannten runtergerissen und in den Garten geworfen. (Foto bs)

Website von Peter Sutter

Spenden

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, Sie zum Denken angeregt, gar herausgefordert hat, sind wir um Ihre Unterstützung sehr dankbar. Unsere Mitarbeiter:innen sind alle ehrenamtlich tätig.
Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie uns, die Website laufend zu optimieren, Sie auf dem neusten Stand zu halten. Seniorweb dankt Ihnen herzlich.

IBAN CH71 0028 7287 1801 7101 L

3 Kommentare

  1. Vielen Dank Beat Steiger für diesen schönen, Mut machenden und sinnvollen Beitrag. Menschen wie Peter Sutter sollte es mehr geben. Umso schlimmer, dass er für sein Tun angefeindet wird.

  2. Vielen Dank für diese wunderbare Geschichte, die Mut macht in dieser fremdenfeindlichen Gesellschaft (siehe Chaos-Initiative).

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Newsletter & Mitgliedschaft

Lernen Sie uns über den kostenlosen Newsletter kennen und werden Sie Mitglied von Seniorweb.

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Reduzierter Preis beim Kauf einer Limmex Notfall-Uhr
  • Vorzugspreis für einen «Freedreams-Hotelgutschein»
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-