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Kindheit auslagern

Ich bin zu Besuch bei meinem elfjährigen Enkel, der tausend Kilometer von mir entfernt wohnt. Er hat sein Zimmer neu eingerichtet. Auf einem grossen Schreibtisch steht nun ein Bildschirm. Den schwarz-weissen, bereits gebrauchten Bürostuhl habe er online erstanden, erzählt er mir. An den Wänden hängen alte Landkarten. Fotos, die ihn als Kleinkind zeigen und eigene Zeichnungen sind nicht mehr da. Stofftiere verschwunden, Bücherregale seltsam leer, im Kleiderschrank dominieren gedeckte Farben. T-Shirts mit irgendwelchen Prints drauf, die Hölle, sagt er. In einer Ecke stehen zwei grosser Koffer. Und was ist da drin, fragte ich ihn. Bücher, sagt er, die ich nicht mehr brauche. Und was passiert mit ihnen, frage ich. Weiss ich noch nicht, sagt er. Hauptsache, sie stehen nicht mehr für alle sichtbar da, so peinliches Zeug von Drachen, Dinosauriern und Detektiven.

Beherbergen die Regale in den Kinderzimmern statt Büchern wie hier nur noch Spielkonsolen und digitale Gadgets? Bild Freepik

Als der Junge einen Freund besucht, um mit ihm zu gamen, kann ich nicht widerstehen und öffne die beiden Koffer. Vor mir liegen Geschenke der letzten Jahre, die er von vielen Menschen bekommen hat zu allen möglichen Gelegenheiten. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass dieses Kind bereits so etwas wie Vergangenheit hat. Dieses Kind, von dem mir scheint, es sei eben erst angekommen auf der Welt. Einmal mehr überfällt mich die Gewissheit, dass die Zeit einem im Sauseschritt um die Ohren fliegt und niemand weiss, wohin sie überhaupt geht. Ein kleiner Teil davon befindet sich in den beiden Koffern hier im Zimmer. Befindet sich in der Drachenserie, die ich dem Jungen stets bestellte, wenn er mich anrief und um die Fortsetzung bat.

Buch um Buch gehe ich durch. Ich stosse auf persönliche Widmungen für ihn von meinen Freundinnen und Freunden, die für Kinder schreiben. Stosse auf ein Jahrbuch der ausgezeichneten Kinderliteratur, das viele Verse und Gedichte enthält. Und da greife ich zu, überschwemmt von Büchermitleid: Was soll denn mit diesem armen Buch passieren, wenn ich es nicht rette? Ich lege es in meinen eigenen Koffer und es bekommt Gesellschaft von noch zwei weiteren Exemplaren. Dabei blende ich aus, wie überfüllt meine Bücherregale zuhause sind.

Einerseits bewundere ich meinen Enkel, der es schafft, sich so radikal von einst geliebten Büchern zu trennen. Andererseits registriere ich ein Gefühl der Wehmut, als ich die anderen Werke wieder in ihr Kofferverliess zurücklege. Ich überlege, wann ich dem Jungen zum letzten Mal vorgelesen habe, wann er begonnen hat, mir vorzulesen und wann er nur noch still für sich lesen wollte. Und wird er jetzt den Büchern den Rücken kehre, weil gamen so viel cooler ist als lesen?

Als ich seine Kissen und die Decke aufschüttle, stosse ich auf folgendes: Unter der Decke liegen ein ziemlich abgeliebter Plüschmaulwurf und eine Riesenkrake, der er sein Weihnachtsgeschenk, ein Kettenhemd, angezogen hat. Unter dem Kissen liegt das Märchenbuch der Gebrüder Grimm, eine alte, illustrierte Ausgabe aus den Fünfzigerjahren. Und sein Handy, das er immer wieder zuhause liegen lässt.

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2 Kommentare

  1. Der Artikel ist gut geschrieben, er zeigt die Veränderungen, die mit dem Aelterwerden der Kinder kommen, andere Interessen, Computer, Smartphone, Games. Auch ich denke mit etwas Wehmut zurück, als ich regelmässig Kinderbücher verschenkte und damit Freude bereitete. Nun sind die Enkelkinder älter, sind Teenager, einige lesen aber immer noch gerne in der Freizeit, sogar Klassiker, wie zum Beispiel Wuthering Heights.
    Was mir aber gar nicht gefällt an dieser Kolumne, ist das Verhalten der Grossmutter. Sie betritt das Zimmer des Enkels in dessen Abwesenheit, stöbert in Schachteln herum und schaut sogar unter das Kopfkissen. Das empfinde ich als Eindringen in die Privatssphäre eines Kindes, was absolut nicht geht und für mich recht übergriffig ist! Mir käme es nie in den Sinn das Zimmer von einem meiner fünf Enkelkinder zu betreten, ohne dazu aufgefordert zu sein und schon gar nicht darin rumzusuchen.

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