In dem Buch «Wenn Töne salzig schmecken» erzählt Lutz Jäncke Geschichten von Musikerinnen und Musikern und die Wunder, die im Gehirn geschehen können.
Der Neuropsychologe Lutz Jäncke begann in den frühen 1990er-Jahren mithilfe der damals neuen Magnetresonanztomografie MRT, das lebende menschliche Gehirn zu untersuchen, was bislang nur an Verstorbenen möglich war. Mit der Erforschung der Plastizität des Gehirns gehört er heute zu den weltweit einflussreichsten Neuropsychologen. Während zwei Jahrzehnten lehrte er an der Universität Zürich.
Als Teilnehmerin seines mehrjährigen Forschungsprojekts Dynamik des Gesunden Alterns fühlte ich mich jeweils wie an einer Jahresprüfung: Funktioniert mein Gedächtnis noch so gut wie im Jahr zuvor, wie steht es um mein räumliches Vorstellungsvermögen, die Feinmotorik und vieles mehr. Dazu gehörte der Gang in die Zürcher Uniklinik, wo mein Gehirn in der Röhre unter lautem Getöse gescannt wurde. MRT ist ein schmerzfreies Bildgebungsverfahren, das ohne Strahlenbelastung detaillierte Schnittbilder aus dem Körperinneren bzw. aus dem Gehirn erstellt.
Lutz Jäncke (*1957), emeritierter Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich (2002-2022). Seine Sachbücher vermitteln wissenschaftliche Erkenntnisse auf gut verständliche Weise. Foto: © Lutz Jäncke
Jänckes Projekt untermauert die Erkenntnis, dass das Gehirn, wenn es gefordert wird, bis ins hohe Alter plastisch, eben formbar bleibt; Nervenzellen bilden sich und Synapsen verschalten sich neu. Und seine Devise lautet: «Use it or lose it» (Nutze es oder verliere es). Im Alter können neue Herausforderungen zwar mehr Zeit beanspruchen, aber durch mehr Erfahrung arbeitet das Gehirn effizienter und greift auf ein breiteres Wissen zurück.
Aus der Welt der Musik und des Gehirns
Seine Entdeckung ist: «Das Gehirn speichert nicht bloss Informationen, es erinnert das Leben». Dabei fragt er sich, «wie verändert ein Leben mit Musik das Gehirn? Was passiert im Inneren eines Menschen, der täglich übt, hört, spielt? Wie sieht das Gehirn einer Person aus, die über Jahrzehnte hinweg mit Händen, Lippen oder Stimmbändern Klang erzeugt?» Diese Fragen führten ihn zu Begegnungen mit Musizierenden: Er traf auf Pianistinnen und Pianisten, die mit beiden Händen wie mit zwei denkenden Einheiten spielten. Auf Sängerinnen und Sänger, die nach einem Schlaganfall ihre Stimme wiederfanden. Auf Menschen mit dem absoluten Musikgehör. Es sei, als ob sich in diesen Menschen etwas verkörpert habe, das weit über die Musik hinausgehe, schreibt der Autor. Wenn Töne salzig schmecken ist eine Sammlung von Erzählungen solcher Begegnungen. Ein Sachbuch, das gut verständlich und packend zu lesen ist.
Wenn Intervalle salzig oder süss schmecken
«Synästheten leben in einer Welt, in der das Gehirn vergisst, dass es Grenzen zwischen den Sinnen geben sollte.» Mit diesen Worten, eröffnet Lutz Jäncke das Kapitel zur Synästhesie.
Synästhesie ist ein neurologisches Phänomen, bei dem Betroffene etwa Buchstaben oder Zahlen mit bestimmten Farben verbinden. Dass dies auch in Verbindung mit Musik vorkommt, entdeckte sein Assistent, als eine Musikerin behauptete, sie nehme einen bestimmten Geschmack auf ihrer Zunge wahr, wenn sie ein spezielles Tonintervall höre. Bislang war dieses Phänomen unbekannt.
Mit dieser Profimusikerin wurden spezifische Tests durchgeführt. Und tatsächlich schmeckte sie Tonintervalle: Eine kleine Sekunde schmeckt sauer, eine grosse bitter, eine kleine Terz salzig und eine grosse süss. Zudem verfügt sie über eine Ton-Farb-Synästhesie. Beim Hören von Musik oder Klängen sah sie Farben: für den Ton C rot, für D gelb, für G blau. Mit der Entfaltung der Musik änderte sich das Spektrum kaleidoskopartig und passte sich den musikalischen Figuren an.
Die Hirnscans ergaben, dass ihre Synästhesie durch eine enge Kopplung des Hörkortex mit evolutionär alten Hirngebieten in der Mitte des Gehirns entsteht, dort, wo sich auch die Geschmackswahrnehmung befindet. Aber nicht nur Bereiche, die für die synästhetischen Wahrnehmungen direkt verantwortlich sind, sind stark miteinander verbunden, sondern auch andere Teile des Gehirns. Deshalb vermutet man, dass Synästheten durch ihr besser vernetztes Gehirn bessere Gedächtnisleistungen erbringen.
Die Welt der Ohrwürmer
Im Kapitel über Musikhalluzinationen werden auch die nur allzu bekannten «Ohrwürmer» besprochen. Auch wenn noch nicht alle Geheimnisse dieses Phänomens gelüftet sind, gibt es doch Ansätze. Das Musik- bzw. Melodiegedächtnis befinde sich anatomisch in den sekundären Hörarealen, die bei Musikhalluzinationen aussergewöhnlich stark und ungehemmt aktiv werden könnten, schreibt der Autor.
So «hörte» ein Patient trotz seiner Taubheit einen Song aus den 1970er Jahren, der sich ihm immer wieder im Kopf aufdrängte. Die Untersuchung zeigte, dass der primäre Hörkortex durch die Taubheit nicht aktiviert war, doch «der sekundäre Hörkortex feuerte wie wild und war heftig durchblutet». Vermutlich hat sich diese Melodie früher bei ihm tief eingeprägt. So beginnt dieses Kapitel auch mit den Worten: «Ein Ohrwurm ist ein musikalischer Gedanke, der vergessen wurde – aber das Gehirn weigert sich, ihn gehen zu lassen.» Es ruft ungefragt abgespeicherte Gedächtnisinhalte ab.
Musizieren im Alter erhält jung
Musizieren mildert und verhindert teilweise den altersbedingten Abbauprozess. Auch im Alter kann man ein Instrument neu lernen oder die Stimme durch Gesang trainieren. Das fordert Aufmerksamkeit, Gedächtnis und entsprechende Bewegungen. Die Hirngebiete, die solche Funktionen kontrollieren, werden durch regelmässige Aktivierung gestärkt. Es zeigt sich auch, dass Gehirne von Musikern und musizierenden Laien langsamer altern und seltener eine Demenz entwickeln. «Insofern ist Musizieren eine einfache und interessante Anti-Aging Strategie», meint Lutz Jäncke.
Titelbild: Foto © Oliver Knick
Lutz Jäncke, Wenn Töne salzig schmecken, Sachbuchverlag rüffer & rub, Zürich, 2026. ISBN 978-3-907351-47-5
