Von meinem Vater, der 1977 starb, hörte ich das Wort Stress nie und noch weniger die Aussage »Ich bin gestresst». Musste er hart arbeiten, dann sagte er gelegentlich, er hätte viel zu tun und er nannte dies manchmal «einen Chrampf»». Eine 42-Stundenarbeitswoche gab es nicht. Wenn ich mich richtig erinnere, tauchte das Wort Stress erst in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts auf, zusammen mit Job, YouTube und weiteren Anglizismen. Dass gar einer wie Ueli Maurer sein Amt als Bundesrat einen Job nannte, hätte mein Vater nie verstanden. Mich ärgerte es auch, als ich dieses Wort von ihm hörte. Es war zwar gängig geworden, aber für mich war dieses Amt noch immer eine hohe Aufgabe mit einer gewissen Würde. Wörter, die in Mode kommen, verlieren mit der Zeit ihre ursprüngliche Bedeutung. Ich habe das Gefühl, jede einigermassen anspruchsvolle Arbeit werde heute Stress genannt. Ich begann mich zu beobachten, ob ich mich bei anstrengender Arbeit gestresst fühle. Nein, aber dass ich gefordert wurde, gab meiner Arbeit zusätzlich Sinn.
Das Wort Stress, lehrte mich das iPhone, kam ursprünglich vom lateinischen Verb stringere und hiess festziehen, straff schnüren. Es gelangte schliesslich auf Umwegen in die englische Sprache, und einer der Pioniere der Arbeitsforschung, Hans Sevy (1907-1982), beschrieb die Resultate seiner Arbeit. Immer mehr las und hörte ich nun das Wort Stress. Was also hiess Stress oder sich gestresst fühlen und an welchen Symptomen konnte ich Stress ablesen.
So begann ich das Verhalten der Menschen zu studieren. Stresssymptome erkannte ich bei Debatten im Fernsehen. Da trat zum Beispiel ein erfolgreicher Unternehmer auf, der die bilateralen Verträge kritisierte. Seine Argumente aber wurden klar widerlegt. Es zeigte sich, dass er seinen Standpunkt dreimal unverändert wiederholte, aber jedes Mal wurde er lauter und glaubte offenbar, durch das Lautwerden könne er den Gegner besiegen.
Ein weiterer trat zu Beginn der Debatten schon laut auf und schien damit den Gegner beeindrucken zu wollen. Er fuhr seinem Gegenüber dauernd in die Rede. Ich gewann den Eindruck, er habe Angst vor einem offenen Dialog, der sorgsam begründe, was wahr in der Sache sei. Die Angriffe vertuschten seine Unsicherheit. So ein Auftritt war von Stress beherrscht.
Ich kann hier nicht eine Typologie des Gestresst-Seins entwickeln, aber mir wurde durch das Auftreten verschiedener Menschen bewusst, dass sich gestresst fühlt, wer eine Sache nicht souverän beherrscht. Das bemerke ich auch bei mir selbst. So darf ich sagen, gestresst ist ein Mensch oftmals, der seiner Lage nicht sicher ist und nicht über ihr steht. Er ist nicht in der Lage, seine Gedanken gelassen zu entwickeln. Darum meine ich, man müsste dem Wort Stress seine wahre Bedeutung zurückgeben und die anstrengende Forderung als Arbeit bezeichnen. Oft fühlt man sich gestresst, wenn man im Leben eine Position erlangt, in der man sich überfordert sieht. Dann versucht man, seine Wichtigkeit durch Aktivismus oder Grosstun zu überspielen und versteckt, wie gestresst man ist. Das Umfeld erkennt meist die Unstimmigkeit.
Wer sich souverän einer Aufgabe annimmt, erlebt sie nicht nur als sinnvoll, sondern auch als Genugtuung. Er wirkt ruhig, gelassen und strahlt dies aus. Wer ihr hingegen nicht gewachsen ist, flüchtet sich in Ersatzlösungen und Ausreden, die sein Gestresst-Sein signalisieren.
