StartseiteMagazinLebensartDrei Männer und der «perfekte Mensch»

Drei Männer und der «perfekte Mensch»

Es entsteht etwas Sonderbares im Keller eines kleinen Häuschens in Basel. Ein «Vitruvianischer Mensch» wird erschaffen. Othmar Striby (Bild), 73 Jahre alt, Freigeist und Buchhalter, ist seit Jahren von einer Idee getrieben.

Othmar Striby baut den «perfekten Menschen» nach der Vorstellung des römischen Architekten und Ingenieurs Vitruvius dreidimensional als Skulptur aus Holz nach. Als Vorlage dient ihm die von keinem geringeren als von Leonardo da Vinci angefertigte Skizze, welche um 1490 entstand.

Vom Erdgeschoss der Liegenschaft in den Keller sind es genau zwölf Treppenabsätze. Hier arbeitet Othmar Striby konzentriert. Empfangen wird man von dem Geräusch der Fräsmaschine und Musik aus dem Radio, die nicht besser zum Hauptakteur passen kann: «Lucy in the Sky with Diamonds» von den Beatles 1967 veröffentlicht, schwebt im Raum. Laut McCartney thematisiert das Lied das Halluzinogen LSD. Ein feiner Holzstaub legt sich auf die Kleidung. Den angenehmen Duft der Hölzer spürt man mit jedem Atemzug.

Inmitten dieses Geschehens ist der Hauptakteur am Wirken. Mit Schutzbrille und einer Rollmütze aus Wolle in die Arbeit vertieft, wirkt er schon fast verloren. Dies ist nicht verwunderlich. Seine Holzkonstruktion ist mit einer Grösse von 193 Zentimetern Höhe und gleicher Spannweite mehr als beeindruckend.

Othmar Striby an seinem Schreibtisch mit der überdimensionalen Zeichnung von Da Vinci.

Genau darüber liegt das Büro der Zahlenarithmetik: Hier wird kontiert und korrespondiert. Stribys Beruf: Buchhalter. Im Wohnzimmer daneben klebt die überdimensionale Zeichnung von Da Vinici an der Wand. In diesem Raum wird ebenfalls gerechnet, geplant und vermessen. Es sind Fähigkeiten, die zur Tätigkeit eines Buchhalters gehören. Aber diese Tätigkeiten sind nicht für seine Klientel oder die Steuerbehörde bestimmt. Hier werden keine Kontenblätter ausgefüllt, sondern Tabellen erstellt. Dies alles akribisch genau, um eine Figur aus Holz zu erschaffen. Striby hinterfragt beim Entstehen seines Werkes die Definition des perfekten Körpers.

Innere Werte oder Äusserlichkeiten?

Wie definiert sich die Schönheit oder Perfektion des menschlichen Körpers? Diese Frage beschäftigt seit Jahrhunderten die Menschheit. Existiert der perfekte Körper? Sind es die inneren Werte wie Humor, Intelligenz, Bildung, Manieren, die den Menschen per Definition zum perfekten Menschen machen? Sind es Erfolg und Reichtum? Oder Äusserlichkeiten wie das kolportierte Idealmass für Mann und Frau? Die da wären: 100-80-100 und 90-60-90. Nein, es handelt sich nicht um die Kombination einer Telefonnummer oder eine Postleitzahl. Es ist eine Orientierung für den Brust-, Taillen- und Hüftumfang der menschlichen Spezies.

Seine persönliche philosophische Auseinandersetzung mit dieser Thematik hat Othmar Striby aufgezeichnet:


Philosophische Betrachtungen von Othmar Striby

«Vitrus als Architekt interessierte sich für die ideale Form des Menschen als Körper und hat ihn auch ausgemessen. Eine Betrachtung des Menschen im Einklang mit Seele und Geist, irgend einer Göttlichkeit, lag für ihn wohl nicht auf der Hand, da für den menschlichen Gemütszustand und dessen Handeln verschiedenste Götter zuständig waren.

Als 19-jähriger fand ich die Zeichnung einfach sehr schön – ohne zu wissen, von wem sie stammte. Nachdem mir Shimon Korngut im Kibbutz das Arbeiten mit Holz beigebracht hatte, entstand zehn Jahre später mein Traum, diese Zeichnung, deren Ursprung ich mittlerweile kannte, irgendwann in meinem Leben in drei Dimensionen in den Raum zu stellen, mir wünschend, mein handwerkliches Geschick möge sich soweit entwickeln, dies zu realisieren.

Vergrössert man Leonardo’s Zeichnung von Mensch, Quadrat und Kreis um das ca. 11fache, so wie ich es gemacht habe, entsteht interessanterweise ein Mensch mit der Körpergrösse von 193 cm mit einer schlanken Figur, so wie wir uns heute – 2100 Jahre nach Vitrus – einen gut gewachsenen, fitten, gesunden Menschen vorstellen.

Leonardo (wie wir auch) – im Gegensatz zu Vitrus – lebte in einer Zeit, in welcher die alten Götter zum einen Allmächtigen fusionierten, sei es im Katholizismus, dem Islam, dem Judentum oder dem Buddhismus. Der Mensch wurde um die Faktoren Seele und Geist erweitert und die Religionen geben vor, welch göttlicher Gemütszustand zu erreichen ist – auch in einem Jenseits unseres irdischen Daseins – und welches Handeln des Menschen gottgefällig ist. Es war wohl sehr gewagt, dass Leonardo in eben jener Zeit, sich für des Menschen «Einzelteile» und Innereien interessierte. Er legte wohl den Grundstein zur heutigen Medizin, dank derer Menschen im wahrsten Sinne des Wortes ein «zweites» Leben erhalten, nachdem ihnen eine Niere, Leber, Herz etc. gespendet wurde.

Die durchschnittliche Grösse der Menschen zu Leonardo’s Zeit dürfte wohl eher bei ca. 160 cm gelegen haben, was sicherlich auch mit den Ernährungsmöglichkeiten und -gewohnheiten zusammen hing. Die Durchschnittsgrösse des heutigen Menschen dürfte dank seiner Ernährungsmöglichkeiten entsprechend näher bei Leonardo’s Vorstellung liegen. Der heutige «westlich orientierte» Mensch strebt auch – und das sehr intensiv, ja zuweilen fanatisch – nach seiner idealen körperlichen Architektur, widerspiegelt an den unzähligen Fitness-, Make-up und Nailstudios in allen Metropolen auf unserem Planeten und es wird gepostet, was das digitale Zeug hält; meist abgekoppelt von den religionsgegebenen Möglichkeiten, Seele und Geist miteinzubeziehen.

Leonardo’s kräftiger und trotzdem schlanker, mitten im Leben stehender Körper, aber mit klumpigen Händen und Füssen kann hingegen in jener Zeit nur durch harte körperliche Arbeit errungen worden sein.»


Zeitreise
Wir befinden uns in der Zeit zwischen 33 und 22 vor Christus, als der römische Architekt Vitruvius seine «Zehn Bücher über Architektur» verfasste. Dort stellte er unter anderem die Theorie des «wohlgeformten Menschen» mit einem idealen Verhältnis der Körperteile zueinander auf.

Vitruvius war auf der Suche nach dem perfekten Menschen und definierte ihn folgendermassen: «Ferner ist natürlicherweise der Mittelpunkt der Nabel. Liegt nämlich ein Mensch mit gespreizten Armen und Beinen auf dem Rücken und setzt man die Zirkelspitze an der Stelle des Nabels ein und schlägt einen Kreis, dann werden von dem Kreis die Fingerspitzen beider Hände und die Zehenspitzen berührt. Ebenso, wie sich am Körper ein Kreis ergibt, wird sich auch die Figur eines Quadrats an ihm finden. Wenn man nämlich von den Fusssohlen bis zu Scheitel Mass nimmt und wendet dieses Mass auf die ausgestreckten Hände an, so wird sich die gleiche Breite und Höhe ergeben, wie bei Flächen, die nach dem Winkelmass quadratisch angelegt sind.»

Rund 1500 Jahre später kam Leonardo mit dem Text von Vitruvius in Berührung. Auf einer Reise lernte er Francesco di Giorgio kennen, der Vitruvius ins Italienische übersetzte und den Vitruvianischen Menschen selbst zeichnete. Doch nur Leonardo gelang es um das Jahr 1490 den aufrechtstehenden Menschen in die geometrische Form des Quadrates und des Kreises einzufügen. Dafür wählte Leonardo für das Quadrat einen anderen Mittelpunkt als für den Kreis. Wie aus seiner Zeichnung ersichtlich ist, setzte er den Zirkel exakt am Nabel an. Interessant: die Zeichnung in einem Tagebuch ist lediglich eine 34,4cm x 24.5 cm grosse mit Feder und Tinte gefertigte Notiz.

Der Mensch Othmar

Der junge Othmar Striby absolvierte eine KV-Lehre und erhielt danach die Möglichkeit als stellvertretender Chef bei der Lehrfirma einzusteigen. Dafür musste er aber zwingend der französischen Sprache mächtig sein. Nach einem Aufenthalt in Lausanne und Neuchâtel war es für seinen angehenden Patron noch zu früh, ihn in dieser Position zu sehen. Deshalb zog es ihn nach London, wo er illegal Baustellen bewachte und in einem Wohnungseingang auf dem Boden übernachtete. Unter anderem arbeitete er auch kurz für den Personaldienstleister Manpower, der zu dieser Zeit als Logo die zeichnerische Umsetzung des vitruvianischen Menschen benutzte.

Striby fand dieses Logo zwar ansprechend, hatte keine Ahnung, was es darstellen sollte. In dieser Zeit lernte er eine Israelin kennen, welche ihm vom Leben im Kibbuz vorschwärmte. Na, dann mal los, war sein Motto. Die Idee von einem anderen Lebensstil sagte ihm sofort zu. Der Alltag im Kibbuz war genau sein Ding:  «Uns ist völlig egal, was Du machst, nur Drogen sind tabu.» So arbeitete er auf Baumwollfeldern und Orangenplantagen, in der Metallfabrik und einem Hühnerstall, wo er 130’000 Tiere impfte. Es war eine grossartige Zeit, seine Zeit. Freiheit, Alkohol und freie Liebe.

Nach seinem Volontariat wurde er als Gast aufgenommen. Dies bedeutete ein eigenes Zimmer zu haben und mehr Rechte zu geniessen. Eines der Privilegien war, dass er arbeiten konnte, wann immer er wollte -Hauptsache, die Arbeit wurde erledigt. Das kam seinem Naturell als einem Nachtmenschen ungemein entgegen. In der Schreinerei wurde eine Stelle frei und er ergriff die Gelegenheit.

Othmar Striby bei der Arbeit in seiner Werkstatt im Keller.

Das Arbeiten mit Holz hat Striby schon immer fasziniert. Nun, man fängt meistens klein an. Als erstes zimmerte er Särge für gefallene Soldaten zusammen. Doch bald designte er eigene Möbel, Bettumrandungen und Kommoden und stellte diese dann her. Seinen Mitbewohnern im Kibbuz gefielen seine Kreationen und sie bestellten bei ihm diese Individualstücke. In dieser Zeitspanne setzte er sich auch mit dem Werk von da Vinci auseinander und wusste bald: «Irgendwann in meinem Leben werde ich anhand dieser Zeichnung eine Figur aus Holz erschaffen.» Dreidimensional soll diese werden, aber über die Grösse hatte er noch keine konkrete Vorstellung.

Im Alter von 29 Jahren zog es Othmar Striby wieder in die Schweiz zurück und dieses, sein Projekt, schlummerte weitere Jahrzehnte in ihm. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, arbeitete er als Spediteur und bei der Berner Leben. 14 Monate war er arbeitslos, um danach bei Anwälten in der Buchhaltung zu arbeiten. Professionalität war ihm schon immer wichtig und so belegte er während dreieinhalb Jahren im KV einen Buchhaltungskurs im zarten Alter von 44 Jahren. Doch mit einem Augenzwinkern erwähnt er, dass er nie den diplomierten Buchhalter gemacht hat. Nichtsdestotrotz wurde er bei der Steuerverwaltung Basel-Stadt zu 60 Prozent angestellt. Als er 52 Jahre alt wurde, zog er hier einen Schlussstrich und schlug einen neuen Weg ein: Striby gründete seine eigene Firma: Dienstleistung in den Bereichen Buchhaltung und Steuererklärung. Seine Lebensqualität ist seither noch mehr gestiegen, sagt er: «Ich kann meine Zeit selbst einteilen. Genial, ich kann arbeiten, wann ich will; vielfach nachts, denn ich kann und konnte noch nie gut schlafen.»

Mit 60 kam ihm Leonardos Zeichnung in die Finger und damit auch sein Vorhaben, die Figur aus Holz herzustellen, wieder in den Sinn. Weitere vier Jahre vergingen, bis er Holz einkaufte, um das Werk herzustellen. Mit der Lagerung des Holzes war es dann schon getan. Zu gross war die Ehrfurcht für dieses Unterfangen. Mit 67 Jahren war der Gedanke nun endlich so weit gereift, um das Projekt in Angriff zu nehmen. Seine Überlegung: «Wenn ich es jetzt nicht mache, mache ich es nie.» Ein Projekt über mehrere Jahre hinweg wurde geboren und wartete auf das Berechnen, Vermessen, Sägen, Fräsen, Leimen, Hobeln und Schrauben.

Der «Mensch» entsteht

Othmar Striby wollte anhand der Zeichnung «den Menschen» herstellen. Dies rund 500 Jahre nach der Interpretation von Leonardo da Vinci’s Vitruvianischem Menschen. Deshalb vergrösserte er die Originalzeichnung elf Mal, was einer Körpergrösse von 193 Zentimetern entspricht. Aufgrund dieser Masse errechnete er die Grösse der Füsse, Waden, Oberschenkel, Torso, Brustbereich, Arme und Beine. Ebenso das Quadrat, den Kreis und die Bodenplatten, welche er vom jungen Cyrill von Pivot Küng aus rostfreiem Stahl herstellen liess. Striby vermass auch seinen eigenen Körper. nur um festzustellen, dass das Ergebnis nicht zum gewünschten Ziel führen konnte. Zu schmächtig und feingliedrig hat ihn die Natur geformt.

Bei der Wahl des Holzes beliess er es nicht mit einem herkömmlichen einheimischen Gewächs. Der Globus ist von verschiedenen Menschenrassen bevölkert. Und dies auf fünf Kontinenten. Er wählte die zu bearbeitenden Hölzer aus folgenden Sorten aus:

  • Der Ahorn ist hell gefärbt, was eher dem weissen Menschen entspricht.
  • Der Nussbaum ist ein dunkles Holz.
  • Das Birnbaumholz kann dem Mischling zugeordnet werden.
  • Die Farbe des Bankirai ist tiefbraun und das Holz des Padoukbaumes ist rötlich gefärbt.

Dass der Mensch mit Wurzeln aus allen Kontinenten in einem Körper vereint ist, entspricht der Interpretation des Gestalters. Unterschiedlich strukturiert und doch als Ganzes vereint. Eine wahrhaft schöne Idee, die hier umgesetzt wurde. Während rund 3’000 Arbeitsstunden entstand dieser ca. 93 Kilogramm schwere imposante Mensch, den Striby seinem heute 100jährigen Lehrmeister Shimon Korngut, Kibbutz Kfar Menachem, widmet.

Seit kurzer Zeit steht «der Mensch» im kleinen Garten seines Schöpfers und erfreut, erstaunt und irritiert Passanten und Nachbarn, die am Dorenbächlein vorbeigehen. Ein netter Nebeneffekt.

Doch die Figur wurde erschaffen, um Othmar Striby selbst zu erfreuen. Erfreuen, wenn er sein Werk mit einem Bier und einer Zigarette von seinem Sitzplatz betrachtet und sich über die Menschheit seine Gedanken macht. Das Wichtigste: «Es ist mein Lebenswerk. Doch vollkommen ist es noch lange nicht. Ich werde wohl immer etwas an dieser Figur finden, das zu optimieren ist.» Die Natur jedenfalls arbeitet schon daran. Durch die Sonneneinstrahlung verlieren die Hölzer ihre typischen Farben. In einigen Jahren sind die Hölzer ausgebleicht und kaum mehr voneinander zu unterscheiden. Allegorisch gedacht ist dies ganz im Sinne des Werkmeisters: Der Mensch ist und bleibt Mensch. Es ist ein Einzelstück, handmade mit Ecken, Kanten und Fehlern genau wie jeder Mensch aus Fleisch und Blut. Und das ist gut so…

Nein, es ist perfekt so!

Titelbild: Othmar Striby präsentiert im Garten seinen «perfekten Menschen». Fotos: Christian Roth

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