2 KommentarePapiermangel - Seniorweb Schweiz

Papiermangel

Wovon fühlen Sie sich magisch angezogen? Von Parfümerien vielleicht, von Feinkostläden oder Schuhgeschäften? Ja, ich weiss, Zurückhaltung beim Konsum ist angesagt und wir alle sollen uns Mühe geben, weniger bzw. nur das zu kaufen, was wir wirklich brauchen. Auch ich möchte eine bewusste, zurückhaltende, überlegte Konsumentin sein, was mir oft gelingt nur leider gar nie, wenn ich an einem Schreibwarengeschäft vorbeikomme. Papeterie hiessen diese Läden früher. Leider – zum Glück bloss für die Vorsätze oben – sind solche Geschäfte rar geworden, aber sie werden mich immer magisch anziehen.

Ich muss eintreten. Muss die Stifte betrachten. Beistifte und Farbstifte, Filzschreiber, Fineliner, Faserstifte. Und Füllfedern. In richtig guten Geschäften darf man die edleren Stifte ausprobieren. Auf kleinen Schreibblöcken, die auf Tischchen liegen, direkt neben den Stifteregalen. Immer wieder lustig zu beobachten, dass die allermeisten Menschen stets ihre Unterschrift auf diese Blöcke setzen, mehr oder weniger schwungvoll.

Die zweite, noch viel grössere Verlockung im Geschäft sind die Notizbücher. In allen Farben und Formaten liegen sie da. Mit einfarbigen oder bedruckten Umschlägen, das Papier innen matt oder glänzend, weiss oder farbig, blank, kariert oder liniert.

Abwechslungsweise nehme ich ein paar von ihnen in die Hand, streife über ihre Einbände, schlage sie auf, rieche an ihnen. Kurzfristig vergesse ich, dass zuhause stapelweise leere Notizbücher und Hefte liegen. Selbst wenn ich über hundert Jahre alt werden würde, würde ich sie nie alle füllen. Zwei wähle ich nun aus, mindestens zwei, lege sie wieder zurück, greife erneut nach ihnen, schaue mich um, niemand beobachtet mich, niemand weiss, dass ich weder Stifte noch Notizbücher benötige. Dann gehe ich zur Kasse und bezahle und freue mich.

Ich erinnere mich: An Papier herrschte zuhause Mangel, als ich ein Kind war. Es gab weder Schreibblöcke noch Briefpapier. Wozu auch? Mutter notierte gelegentlich auf der Rückseite der Abreisskalenderblätter oder auf den weissen Rändern von Zeitungspapier, was es zu besorgen gab. Ich erinnere mich, wie ich mich freute, wenn es zuhinterst in einem alten Schulheft oder einem Schulbuch eine oder zwei leere Seiten gab. Sorgfältig trennte ich sie heraus. Nun besass ich Papier.

Welch Glück. Wenn ich heute in einem zu Ende gelesenen Buch auf leere Seiten stosse, trenne ich sie nicht mehr heraus, streiche aber immer über die unbeschriebenen Seiten und freue mich. Manchmal schreibe ich aus reiner Lust am Schreiben eine kleine Notiz hinein. Wie heute: Ein Glück aus Papier.

Unsere Autorin Theres Roth-Hunkeler pausiert mit ihrer Kolumne bis mindestens Herbst 2026.

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2 Kommentare

  1. Die Magie der Schreibwarengeschäfte, eben der Papeterien in früheren Zeiten, teile ich mit Ihnen. Bevor die grossen Warenhäuser dieses Segment für sich entdeckten, gab es diese wundervollen Geschäfte mit dieser kostbaren Vielfalt und inklusive hingebungsvoller Beratung, z.B. beim Kauf eines neuen genau für mich passenden Füllfederhalters. Den Duft nach Leder, Papier und gehobenen Schreibutensilien beim Eintritt in das Geschäft, zusammen mit der Türklingel, ist in meinen Erinnerungen gespeichert.

  2. Ich stimme der Autorin zu. Während andere Frauen Schuhe oder Handtaschen kaufen, erstehe ich Notizbücher. Schöne. Bunte. Exklusive. Mit Bändchen. Und dann sind mir die Büchlein zu schade, um benützt zu werden. Ich schenke sie gern weiter und schreibe selber in einfache Schulhefte hinein. Bin halt ein wenig eigenartig… Schöne Stifte sind auch verlockend. Ja, Papeterien sind eine grosse Versuchung.

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