Wienliebe

Eine Städtereise nach Wien empfiehlt sich zu jeder Jahreszeit. Ausser im Sommer muss man allerdings häufig, fast täglich, mit kühlen Windstössen rechnen. Das Wetter allein ist aber nicht der wichtigste Reisegrund, denn Wien ist eine Kulturstadt schlechthin. In jedem Winkel, jeder Gasse stecken Geschichte und Kultur.

Besonders hervorzuheben ist Wiens öffentliches Verkehrssystem. Die Wiener «Öffis», wie sie genannt werden, beginnen schon am Flughafen, wo die CAT (City Airport Train) im Takt und ohne Zwischenhalt mitten in die Stadt fährt. U-Bahn, Strassenbahn (liebevoll «Bim» genannt) und Bus führen quer durch die Stadt in alle nur erdenklichen Bezirke. Und dies schnell und regelmässig.

Für künftige Wien-Reisende gilt es zu beachten: Von 7. September 2026 bis Ende Oktober 2027 ist ein zentraler Abschnitt der innerstädtischen Schnellbahnstrecke zwischen den Stationen Wien Praterstern und Wien Hauptbahnhof wegen umfangreicher Modernisierungsarbeiten für den gesamten Bahnverkehr gesperrt. Eine gute Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln zwischen Flughafen und Stadtzentrum sei dennoch gegeben, so die offizielle Information.

Brötchen für die Seele – für alle

Laden, Restaurant, Institution oder Treffpunkt? Ja, das alles könnte das «Trzesniewki» an der Dorotheergasse genannt werden. Tatsache ist, dass dieses Lokal (in Wien und auch anderen österreichischen Städten mehrmals zu finden) seit über einem Jahrhundert für unverwechselbaren Brötchengenuss steht. 1902 wurde es vom gebürtigen Krakauer Fanciszek Trzesniewki gegründet. Bis heute prägen die kleinen Brötchen das Wiener Lebensgefühl und bringen Studierende, Arbeiter, Hofratsdamen, Manager und Schauspieler auf Augenhöhe zusammen.

Von Beginn weg wurden die Beläge der Brötchen zu Aufstrichen zerkleinert und ermöglichten so einen unfallfreien und sehr einfachen Verzehr. Feinste Handarbeit mit viel Liebe zum Detail überzeugen bis heute. 18 der 25 Sorten sind seit den Anfängen unverändert im Programm.  Bald gesellte sich praktischerweise auch ein passendes Bier dazu. Der legendäre «Pfiff», das ansonsten unübliche Achterl-Bier, das in Menge und Grösse perfekt zu den Brötchen passt und aus der wienerischen Ottakringer Brauerei bezogen wird.

Die kleinen belegten Brötchen mit einem «Pfiff», erfreuen sich im seit bald 125 Jahren «Trzesniewki» grosser Beliebtheit.

Wiener Kaffeehauskultur

Nur ein paar Hauseingänge weiter trifft man sich im Café Hawelka zu einem der zahlreichen Kaffees. Denn eines ist klar, man bestellt in Wien nicht einfach «einen Kaffee». Es gilt schon zu unterscheiden zwischen «Verlängerter», «kleiner Brauner», «kleiner Schwarzer», «Melange», «Fiaker» und wie sie alle heissen. Das Café Hawelka gehört jedenfalls zu den bekanntesten Kaffeehäusern der Stadt Wien. Einst als Treffpunkt für Literaten und Künstler, heute noch immer in authentischer Atmosphäre. Die Generationen ändern sich, aber im «Hawelka» bleibt alles beim Alten, das Café wird noch immer von der Familie Hawelka geführt, wie bei der Eröffnung vor 80 Jahren.

Man sollte sich übrigens in den Wiener Kaffeehäusern keinesfalls darüber ärgern, wenn ein Vierertisch von einer einzelnen Person belagert wird, die auch überhaupt keine Anstalten macht, etwas Platz freizugeben. «Das ist halt so in Wien, das ist die Kaffeehauskultur», erklärt uns eine Wienerin. Es sei gegeben: Man dürfe einen Platz einnehmen, vielleicht nur einen «kleinen Braunen» oder einen «Verlängerten» bestellen und solange sitzen bleiben, wie es gefalle. Immer wieder werde man auch mit Wasser bedient, zum Teil über Stunden. Rentner, Hausfrauen, Studenten, Pausen-Liebhaber, aber auch Geschäftsleute mit ihren Notebooks schätzen diese Gastfreundschaft sehr.

Das Café Hawelka ist ein seit 80 Jahren familiengeführtes Kaffeehaus.

Der Stephansdom – ein unübersehbares Wahrzeichen Wiens

Es ist offensichtlich, der Stephansdom ist (fast) von überall her zu sehen und so – besonders für Touristen – immer ein guter Wegweiser, beziehungsweise eine Ortungshilfe. Die Anfänge des Doms gehen auf das Jahr 1137 zurück. Seither wurden diverse Türme angebaut, Brände zerstörten Teile des Baus. Wie durch ein Wunder überstand der Stephansdom die Bombenangriffe während des Zweiten Weltkriegs sowie die Kämpfe im Stadtgebiet ohne grössere Schäden. Täglich wird der Dom von unzähligen Touristen besucht. Auch wenn er im Innern – das ist meine persönliche Meinung – etwas gar düster und nicht ganz so kaiserlich reich geschmückt wirkt.

Wer den Ausblick vom Turm aus auf Wien entdecken möchte, hat zwei Möglichkeiten: Zum einen können die 343 Stufen des Südturms bezwungen werden, alternativ steht aber auch der Aufzug zum Nordturm zur Verfügung. Der Eintritt zum Stephansdom ist übrigens kostenlos möglich.

Kirchenexperten rätseln bis heute über Penis- und Vulva-Darstellungen an der Fassade des Stephansdoms. Die Symbole sind auf den Stelen links und rechts vom Haupttor deutlich zu sehen. Warum sie dort angebracht wurden, ist laut Domarchivar Reinhard Gruber weiterhin unklar. Eine Theorie ist, dass es sich um Spolien aus der Römerzeit handelt, die ein Hinweis darauf sind, dass an dieser Stelle ein altes Fruchtbarkeitsheiligtum existiert hat. «Vor diesen sogenannten heidnischen Dingen hat man sich im Christentum ein bisschen gefürchtet, und indem man sie aussen an der Kirche anbringt, bricht man ihre Macht», so sagte der Domarchivar. «Die Genitalien könnten aber auch einfach ein Zeichen dafür sein, dass die Sexualität grosse Macht in unserem Leben hat.»

Der Stephansdom wird täglich von unzähligen Touristen besucht.

Der (fast verschwundene) Friedenszins

Die Innenstadt Wiens Zeigt eine Fülle von Plätzen, Bauten und Gebäuden, aus denen die einstige Geschichte spür- und sichtbar ist. Dort ein Balkon, auf dem sich Kaiser Franz Josef gerne einen Kaffee gönnte, aber auch sein Name als Inschrift auf den Mauern, was den wirtschaftlichen Aufschwung der Donaumonarchie zur damaligen Zeit in der Ära des Kaisers unterstreicht.

Eine Besonderheit ist übrigens der so genannte «Friedenszins», ein historischer Begriff aus dem österreichischen Mietrecht, der eine sehr niedrige, gesetzliche eingefrorene Miete auf Basis des Stands am 1. August 1914, bezeichnet. Zahlreiche Altbauten bergen noch immer solch günstige Wohnungen, die natürlich in Sachen des heute üblichen Komforts nicht mithalten können. Die Mieten sind sehr niedrig und die alten Verträge, die noch unter diese Regelung fallen, werden häufig innerhalb der Familie legal weitergegeben. Obwohl er für Neuvermietungen eigentlich seit 1968 abgeschafft ist, können sehr alte Verträge theoretisch noch unter diese Regelung fallen, wurden aber ab 1982 weitgehend angehoben.

Die Wiener Hofburg beherbergt zahlreiche Museen, darunter das Sisi Museum, die Kaiserappartements und die Spanische Hofreitschule. 

Die Secession

Natürlich geht ein Spaziergang durch Wien nicht, ohne die «Secession» gesehen zu haben. Die vergoldete Gebäude-Loorbeerblatt-Kuppel («goldenes Krauthappel») ist das Symbol der Secession und von weit herum sichtbar. Das Ausstellungsgebäude der Kunstvereinigung «Wiener Secession» (unter anderem mit Gustav Klimt als Gründungsmitglied) im 1. Wiener Bezirk an der Friedrichstrasse wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Joseph Maria Olbrich als Ausstellungsgebäude für zeitgenössische Kunst erbaut und ist bis heute eines der bedeutendsten Gebäude des österreichischen Jugendstils. Es wird bis heute von der Vereinigung bildender Künstler «Wiener Secession» betrieben

Die Secession, das Ausstellungsgebäude für zeitgenössische Kunst mit seinem «goldenen Krauthappel».

Der Wiener Prater – ein Traum nicht nur für Kinder

Der Wiener Prater ist ein grosses öffentlich zugängliches Vergnügungs- und Erholungsgebiet mit etwa sechs Quadratkilometern Fläche im 2. Wiener Gemeindebezirk, der Leopoldstadt. Noch heute bestehen grosse Teile des Praters aus Aulandschaften, die ursprünglich von der Donau geprägt wurden. Häufig wird mit dem Prater ausserhalb Wiens nur der berühmte Vergnügungspark, der Wurstelprater, gemeint. Dieser befindet sich an der Nordwestspitze des Geländes zwischen Donau und Donaukanal und nimmt nur einen kleinen Teil des gesamten Pratergebiets ein.

Familien und Touristen lieben das Gelände, besonders natürlich auch wegen des Vergnügungsparks, in dem nahe des Eingangs das grosse Riesenrad steht. Das Wiener Riesenrad ist eine Sehenswürdigkeit und ein Wahrzeichen Wiens. Es wurde 1897 zur Feier des 50. Thronjubiläums Kaiser Franz Josephs I. errichtet und war zur damaligen Zeit eines der größten Riesenräder der Welt.

Gemütlichkeit hat in Wien Tradition – deshalb dreht das Riesenrad ganz entspannt seine Runden. Es erreicht maximal 2,7 Stundenkilometer und würde für eine komplette Umrundung etwa vier Minuten benötigen, sofern es ohne Unterbrechung fährt. Üblicherweise dauert eine Fahrt zwischen 12 und 15 Minuten, denn die Ein- und Ausstiege in die grossen Gondeln (für uns sahen sie aus wie schöne Baubaracken) werden vorsichtig angeleitet.

Sollte man sich gönnen: Eine gemütliche Fahrt auf dem Riesenrad im Wiener Prater.

Heuriger

Ein Heuriger ist ein typisch österreichisches Weinlokal, das saisonal geöffnet hat und eigenen Jungwein (ebenfalls «Heuriger» genannt) sowie kalte Speisen serviert. Der Begriff stammt von «heuer» (diesjährig) und bezeichnet Wein vom letzten Herbst, meist ab dem 11. November (Martini). Bekannt ist die Tradition besonders in Wien und Niederösterreich. Wir machten einen Ausflug auf den Kahlenberg (aus der Stadt gut mit Zug und Bus erreichbar) zum gleichnamigen Restaurant, von dessen Terrasse aus eine atemberaubende Aussicht über einen Grossteil der Wiener Rebenlandschaft und die Stadt zu erleben ist. Der darauffolgende sehr steile Abstieg haben wir zu Fuss unternommen und uns in einem der Heurigen-Lokale (Mayer am Nussberg) einen lokalen Wein und eine «Brettljause» gegönnt. Im Sommer muss es herrlich sein, dann kann man gerne ein wenig länger sitzen bleiben. Ein Taxi zurück in die Stadt zu bekommen ist auch kein Problem.

Aus der Schweiz zum Volkstheater

Claudia Sabitzer, Schauspielerin und Ensemblemitglied am Volkstheater Wien.

Geschichte und Kultur sind wie schon erwähnt aus Wien nicht wegzudenken und so gibt es auch zahlreiche Museen und Theater, die tagsüber oder am Abend zu verschiedensten informativen oder unterhaltenden Stunden einladen. Wir hatten Gelegenheit, im Volkstheater am Arthur-Schnitzler-Platz eine rasante, sehr lustige Komödie zu sehen. Im 1889 gegründeten Theater – damals als «Deutsches Volkstheater», das sich als bürgerliches Gegenstück zum Hofburgtheater verstand – wurde eine schnelle Komödie mit viel Sprachwitz und stets überraschenden Bühnenbildwechseln gezeigt.

Mit dabei: Claudia Sabitzer, die ihre Jugendzeit im Zürcherischen Greifensee erlebt hat. Sie studierte Schauspiel am Schubert Konservatorium Wien, es folgten Engagements am Volkstheater und am Schauspielhaus Wien. Von 2000 bis 2005 war sie Mitglied des Ensembles am Nationaltheater Mannheim. Seit 2005 ist sie festes Ensemblemitglied am Volkstheater. 1999 wurde sie mit dem Förderungspreis zur Josef-Kainz-Medaille ausgezeichnet, 2013 als «Beste Schauspielerin» mit dem Karl-Skraup-Preis, 2017 und 2020 mit dem Dorothea-Neff-Publikumspreis und 2020 mit dem Dorothea-Neff-Preis als «Beste Schauspielerin». 2020 war sie außerdem für den Nestroy-Preis für den ORF III-Publikumspreis nominiert.

Titelbild: Das Erzherzog-Karl-Denkmal auf dem Heldenplatz in Wien. Es ist ein bronzenes Reiterstandbild des Bildhauers Anton Dominik Fernkorn. Fotos: Annamaria Ress

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4 Kommentare

  1. Tipp: statt den CAT vom Flughafen in die Stadt nimmt man besser die reguläre S-Bahn. Die ist um fast 10 Euro billiger und hat da schon die direkte Weiterfahrt in der Stadt zum Ziel inbegriffen (man muss nur das entsprechende Ticket lösen). Beim CAT käme dann für die Weiterfahrt noch das weitere Ticket hinzu.

  2. Vielleicht etwas zu kurz gekommen ist der Hinweis auf den Besuch des mit 1 km längsten permanenten Straßenmarktes Europas, dem BRUNNENMARKT im 16. Wiener Bezirk.
    Während der NASCHMARKT eher auf Touristen ausgerichtet und daher höherpreisig ist, stellt der BRUNNENMARKT mit seinen gut 170 basarähnlichen Ständen durch sein multikulturelles Publikum und einem Warenangebot von regionalen Bauernprodukten über internationale Feinkostläden bis zu feiner Gourmetküche eine sehr preisgünstige Alternative dar.
    Vom Stephansplatz in ca. 20 Minuten erreichbar mit der U3 bis Westbahnhof, dann U6 bis Josefstädter Straße dann wenige Gehminuten zum Brunnenmarkt
    Der Markt hat von Mo bis Sa ab 06.00 bis in die Abendstunden geöffnet.

    Willkommen in Wien und habt eine schöne Zeit – wünscht euch Walter!

    • Lieber Walter
      herzlich Danke für diese erweiternden Informationen. Ich habe den Brunnenmarkt heuer nicht besucht, aus Zeitgründen. Werde ich aber sicherlich das nächste Mal tun. 🙂

  3. Liebe Annemarie!
    Ich gratuliere herzlich zu deinem besonders gelungenen Bericht und exzellenter Recherche über deinen Wienbesuch, auch der kurze Einblick in die oft befremdlich wirkenden Eigenheiten des Wieners war vergnüglich ( nicht zu Vergessen auch das «Granteln», unter Urwienern auch als «Motschkern» bekannt, sei erwähnt).
    Bei deinem nächsten Wienbesuch könnte ich auch den Besuch der Donauinsel, einem künstlich angelegten Freizeitpark unweit des Zentrums, mit eigener U-Bahnstation, empfehlen. Ob Radeln, chillend am Wasser sitzend in einer Vielzahl von Lokalen oder einfach Leute beobachten, hier geht’s nie langweilig zu.

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