StartseiteMagazinGesellschafts’WAGI – eine genossenschaftliche Wohnsiedlung

s’WAGI – eine genossenschaftliche Wohnsiedlung

Genossenschaftliches Wohnen mit hoher Lebensqualität braucht viel Köpfchen, Kreativität und gemeinsames Wirken und Werken. Das zeigt die Projektdokumentation der Age-Stiftung «s’WAGI wagt.»

Köpfchen brauchte zunächst die Stadt Schaffhausen, als sie 1945 das rund 5000 Quadratmeter grosse Grundstück kaufte, es bis 2017 als Lager und Werkhof nutzte und dann das Areal im Einklang mit der städtischen Wohnraumstrategie im Baurecht zu vergeben bereit war. Gesucht war ein «innovatives Konzept für Mehrgenerationenwohnen.» Eine zentrale Vorgabe war dabei die Einhaltung des SIA-Energieeffizienzpfads, «um Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen nachhaltig zu senken.»

Studienauftrag für die Lebensgenossenschaft Legeno

Da für die Teilnahme am Wettbewerb zur Überbauung des Areals nur Wohnbaugenossenschaften zugelassen waren, gründeten die drei Architekten Roland Hofer, Roger Eifler, Lukas Somm zusammen mit der Soziokulturplanerin Mirjam Candan und der Landschaftsarchitektin Catherine Blum im Januar 2018 die Genossenschaft Legeno – und siehe da, sie gewannen mit interprofessioneller Kreativität den Wettbewerb.

Das Wagenareal vor dem Umbau (Screenshot von bs)

Leitbild von Legeno

Im Leitbild von Legeno, das am 19. Januar 2018 verabschiedet wurde, wird die Ausrichtung der Genossenschaft auf deren Website so zusammengefasst:

  • Wir schaffen Raum für vielfältige, bezahlbare, zukunftsgerichtete und innovative Wohn- und Arbeitsformen.
  • Soziale Durchmischung von Jung und Alt, Familien und Einzelpersonen, egal welcher Herkunft und politischer Ausrichtung, ist bei uns Programm.
  • Wir leisten, wo immer möglich, einen Beitrag an lebendige Quartiere und bieten Anreize für ein bewusstes Konsum- und Mobilitätsverhalten.
  • Bei Bauvorhaben legen wir ein grosses Augenmerk auf eine nachhaltige, ökologische Bauweise sowie qualitativ hochstehende Architektur.

Das historische Fachwerkgebäude bleibt erhalten; der Neubau wird vorbereitet. (Screenshot von bs)

Gesagt, geplant, getan

Die Umsetzung der Absichtserklärungen, konkretisiert auf das s’WAGI-Projekt, dauerten Jahre und verlangten viel Standfestigkeit und Geduld

  • beim Bauen (Erstellen des Quartierplans, Baueingabe, Baubewilligungen, Baurechtsvertrag, Rückbau, Baufreigabe, Baustart, Bezug der Wohnungen ab August 2023)
  • bei der Entwicklung einer solidarischen, ökologisch orientierten Mieterschaft (Wöchentliche Treffen mit Interessierten; Brunch für Neumieter:innen; Tannenbaumverkauf; Filmvorführungen; Neumieter:innen-Apéros; Hausvereins-Gründung; Workshops zum Zusammenleben, zu Ressorts, zu einer kreativen Hausordnung; erste GV im WAGI-Haus)
  • bei der Finanzierung (Baukosten für das Gesamtprojekt: 14,15 Mio CHF, davon 70% Bank-Hypotheken, 30% Eigenmittel (31% öffentliche Hand, 29% Pflichtanteile Mieter:innen, 16% Darlehen, 11% Stiftungen, 11% Anteilscheine)

Stand jetzt

  • Es gibt 25 Wohnungen von 1,5 Zimmern bis 7,5 Zimmern.
  • In den 25 Wohnungen leben 52 Menschen von 0 bis 79 Jahren: 22 Einzelpersonen, 7 Familien, eine Wohngemeinschaft mit 6 Personen.
  • Die Bewohnenden haben keine eigenen Autos, sondern teilen sich zwei E-Autos. Die meisten benutzen ein Fahrrad (90 gedeckte Veloparkplätze).
  • Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person beträgt durchschnittlich 34,2 qm (durchschnittliche Wohnfläche in Schaffhausen 52 qm).
  • Bei der Aufteilung der Gesamtfläche fällt der Anteil der gemeinsam genutzten Flächen auf: 2368 qm vermietbare Flächen für Wohnen und Gewerbe, 344 qm gemeinschaftliche Innenflächen (inkl. Velokeller), 3753 qm Aussenflächen (Garten, Plätze, Dachterrassen)
  • Für die Selbstverwaltung gibt es verschiedene Kommissionen und Arbeitsgruppen: Hausverein s’WAGI; Garten; Werkstatt; Gemeinschaftsraum; Hauswartung; Vermietung.

Blick von oben auf s’WAGI (Screenshot von bs)

Blick in den Innenhof vom ersten Stock (Foto © Argewa/Martin Wicki)

Typ Reihenhaus mit Essbereich und Küche (Foto © Argewa/Martin Wicki)

Durchblick zu Wohnen und Eingang (Foto © Argewa/Martin Wicki)

Schlüssel zum Erfolg: Professionalität und ökosoziale Grundhaltung der Mieterschaft

Der Erfolg des s’WAGI-Projekts ist wohl auf die Kombination von interdisziplinärem Know How und einer gemeinnützigen und ökologischen Grundhaltung der professionellen Initianten von Legeno und dem grossen Engagement der Mieter:innen vor und nach ihrem Einzug in ihre Wohnung zurückzuführen.

Dies zeigen einige Zitate von Vorstandsmitgliedern von Legeno aus der Projektdokumentation der Age-Stiftung:

Roland Hofer, Architekt: «Me muess Mensche gärn ha, wenn man sich daran macht, so ein Projekt zu entwickeln und über sieben Jahre dran zu­ bleiben, sich zu engagieren und alle Hindernisse, die un­weigerlich auftauchen, zu umschiffen.»

Lukas Somm, Architekt: «Mit den unterschiedlichen Grundrissen versuchen wir, einen vielfältigen Bewohner:innen-Mix zu ermöglichen.»

Roger Eifler, Architekt: «Wir haben das Projekt im Kollektiv stetig weiterentwickelt – das Ganze war ein langer Lernprozess.»

Mirjam Candan, Soziokulturplanerin: «Die Gründung des Hausvereins schon vor Einzug der Bewohner:innen war eine grosse Hilfe. Die bereits etablierten Strukturen und vorhandenen Ansprechpersonen erleichtern der Gemeinschaft den Start hier!»

Catherine Blum, Landschaftsarchitektin: «Wir planten nicht, wie üblich, alles nach unseren Vorstellungen durch. Wir liessen Raum frei, der von den Bewohner:innen gestaltet wird.»

Bewohner:innen schätzen den problemlosen Rückzug ins Private, das Treffen von Mitbewohner:innen in der Siedlung und das gemeinsame intergenerationelle Engagement im Alltag und in Projekten. Je nach biographischer Situation kann man sich mehr oder weniger intensiv in Kommissionen und Arbeitsgruppen einbringen, mitwirken und zum Wohle aller tätig sein.

Blick ins gemeinsame Bistro (Foto © Argewa/Martin Wicki)

Veloparkplätze (Screenshot von bs)

Kleinkinder dürfen im Innenhof velölen. (Screenshot von bs)

Gemeinsames Brotbacken (Screenshot von bs)

Hoffest (Screenshot von bs)

Ursula Grandy (70 plus) guezlet mit Nachbarskindern (Screenshot von bs)

Sitzung der Gartengruppe im Gemeinschaftsraum (Screenshot von bs)

Gestaltung der Umgebung (Foto © Argewa/Martin Wicki)

Das Car-Sharing wird nicht nur für die Bewohner:innen der Siedlung, sondern auch für Interessierte im Quartier angeboten (Screenshot von bs)

In den Gewerberäumen sind der WWF Schaffhausen, pro natura Schaffhausen und weitsicht eingemietet. (Foto bs)

Zukunftsweisendes Projekt

s’WAGI mit dem Generationen übergreifendem Wohnen, dem Car-Sharing, dem relativ kleinen ökologischen Fussabdruck, den Gemeinschaftsräumen, dem gemeinsamen Leben und Erleben und den privaten Rückzugsmöglichkeiten ist zukunftsweisend. Relativ günstiger Wohnraum ohne Gewinnmaximierung, Selbstverwaltung und Mitbestimmung durch die Bewohner:innen und die freundliche Atmosphäre für Familien, für Gross und Klein machen s’WAGI zu einem nachahmenswerten Vorzeigeprojekt.

Die Age-Stiftung hat die Projektdokumentation «s’WAGI wagt» und den Film «s’WAGI wächst» mitfinanziert. Fleur Jaccard, die Geschäftsführerin der Age-Stiftung dazu: «s’WAGI ist kein Wohnprojekt wie jedes andere – es ist der Beweis, dass Partizipation keine Utopie ist. Wenn Menschen mitgestalten dürfen, wachsen nicht nur Häuser, sondern Gemeinschaften.»

Titelbild: Blick in den Innenhof (Foto © Argewa/Martin Wicki)

Bilder: Screenshots von bs aus dem Film «s’WAGI wächst», weitere Fotos von Argewa/Martin Wicki

Projektdokumentation und Film (Der Film wurde von Eclipse Studios erstellt)

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2 Kommentare

  1. Sehr farbiger, informativ recherchierter Artikel, danke! Da kann man nur hoffen, dass viele Städte solch tolle Projekte – wie das WAGI – ermöglichen und weitere Architektengruppen jahrelang dran bleiben! Ich bin oft in Wien und kenne dort ähnliche Projekte! Ganz toll!

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