Lebend sterben

«Ich will lebend sterben.» Das sagte Jean Ziegler öfters, wie in meiner Hommage an ihn ausgeführt am Vortag seines 85. Geburtstags. Und am 10. Juni 2026 ist der engagierte Soziologe nun wirklich gestorben. Mehrere Nachrufe liegen bereits vor. Was lässt sich da noch anfügen. Zumal auch Anderes ansteht:

«Die Vernissage fand mit gaaaaanz vielen Menschen statt. Auch wurden viele Bücher verkauft. Jetzt frage ich dich, hast du das Buch schon? An deiner Rezension wäre ich natürlich interessiert», schrieb mir eben ein Autor zu seinem Roman, den ich eigentlich besprechen wollte. Wie andere Schriften, die sich auf dem Pult stapeln. Zum Beispiel ein Essay von Marcel Hänggi über Das Schöne, das verloren geht. Er müsste eigentlich Priorität haben. Solange wir noch leben. 5 vor 12, das Zerstören der Umwelt drängt.

Aber Genosse Jean schätze ich seit Jahrzehnten. Sein Tod berührt mich. Seine Stimme und spontanen Anrufe werden mir fehlen. Er erkundigte sich jeweils nur, wie es so gehe. Ohne verdeckte Absicht. Dafür dankte ich ihm schon öffentlich. Auch an der Feier zu seinem 85. Geburtstag in Genf. Und in dem von mir mit herausgegebenen Buch Jean Ziegler – citoyen et rebelle.

Also ist alles klar. Jean geht vor, «ohne Qual der Wahl». Das sagte ich heute auch meiner Frau beim Kaffee. «Aber kanntest Du ihn wirklich so gut», fragte sie nach. «Oder halten sich so Leute im Gespräch, die eh schon bekannt sind? Andere haben auch Geburtstag. Und sterben auch.» Wie wahr.

Ende Mai 2026 lud mich Nelly Schenker zu ihrem 85. Geburtstag ein. Wir feierten ihn im Restaurant Schiff in Kleinhüningen. Wir, ein paar Privilegierte, zusammen mit Menschen, die von Armut betroffen sind. Davon zeugten auch markante, von Leid gezeichnete Gesichter. Sie bannten mich. Und Nelly, ja, sie hatte mir einmal ihre Erinnerungen anvertraut. Ein Verlag wollte diese dann «gründlich redigieren und publizieren». Aber Nelly akzeptierte keine Änderungen. Sie zog eine unveränderte Herausgabe in kleiner Auflage vor. Und ich teilte ihr dann vor der Vernissage erfreut mit, sogar Anmeldungen von ein paar Medien erhalten zu haben. «Aber dann ohne mich», antwortete sie. «Die schreiben nur so dummes Zeug über uns Arme.» Ergo musste ich mehrere Interessierte wieder ausladen.

Ende Mai 2026 sollte ich auch die Abdankung eines verstorbenen Kollegen rahmen. Er bat mich darum und wollte nur eine einfache Feier in einem gewöhnlichen Wirtshaus. Angehörige drängten jedoch auf eine grosse Kirche. Zudem auf mehrere Würdigungen der eindrücklichen Verdienste, die bei weniger Bekannten oft übergangen werden. Aber das ist kein Grund, Jean Ziegler nicht nochmals zu erinnern und zu danken. Wenigstens arg verkürzt; zumal bereits viel bekannt und anderswo ausgeführt ist.

Zum Beispiel, wie Jean seiner Enkelin Zohra die Welt erklärte. «Was ist so schlimm am Kapitalismus?», fragt sie ihn. «Wir sollten den Kapitalismus zerstören, bevor er uns zerstört», antwortete er. Und: «Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.» Das motivierte Jean besonders, sich für eine gerechtere Welt einzusetzen. Er sprach damit Alt und Jung an, mit Fakten, Zahlen und mit seiner gut spürbaren Emotionalität, die viele wahrnahmen. Denn er redete mit fast allen, hörte ihnen selbst nach seinen mehrstündigen Auftritten geduldig und respektvoll zu. Ihn interessierte, wie andere denken. Und er rief alle dazu auf: Ändere die Welt! Damit keine Kinder mehr hungern. «Ja, dafür sind wir da», betonte er. «Der Sinn des Lebens besteht in der Liebe.»

Und so wollte Jean Ziegler «jeden Tag ein Maximum an Sinn, Gedanken und Handlungen hervorbringen, um dem Nichts im Augenblick des Todes etwas entgegen zu setzen». Der Weg entstehe, «indem wir ihn gehen», sagte er. Und: «Ich will lebend sterben.» Alles Gute, lieber Jean. Und vielen Dank.

 Titelbild: © Christian Jaeggi

Roland Herzog u.a. (Hg.): Jean Ziegler – citoyen et rebelle. Der lange Weg von Thun nach Genève pour un monde plus juste, Edition 8, Zürich 2019, ISBN 978-3-85990-331-9

Marcel Hänggi: Das Schöne, das verloren geht, Rotpunktverlag, Zürich 2026, ISBN 978-3-03973-087-2

Nelly Schenker: Meine Erinnerungen. «Es langs, langs Warteli für es goldigs Nüteli», Edition Gesowip, Basel 2015, ISBN 978-3-906129-92-1

Spenden

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, Sie zum Denken angeregt, gar herausgefordert hat, sind wir um Ihre Unterstützung sehr dankbar. Unsere Mitarbeiter:innen sind alle ehrenamtlich tätig.
Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie uns, die Website laufend zu optimieren, Sie auf dem neusten Stand zu halten. Seniorweb dankt Ihnen herzlich.

IBAN CH71 0028 7287 1801 7101 L

1 Kommentar

  1. Wie sehr hat mich Jean Ziegler mit seiner aufsässigen und immer gleichen penetranten Art, in den Wunden unserer Gesellschaft zu bohren und die Missstände beim Namen zu nennen, genervt und gleichzeitig fasziniert. Seinen Mut, sein konstantes, defensiv-aggressives Vorgehen für Gerechtigkeit und die Würde des Menschen, habe ich immer bewundert und gleichzeitig mit ihm gelitten, wenn er wieder einen teuren Rechtsstreit gegen Mächtige verloren hat und von diesen als Lügner denunziert wurde. Er war für mich der Rufer aus der Wüste; mögen seine Worte noch lange nachhallen und gehört werden.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Newsletter & Mitgliedschaft

Lernen Sie uns über den kostenlosen Newsletter kennen und werden Sie Mitglied von Seniorweb.

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Reduzierter Preis beim Kauf einer Limmex Notfall-Uhr
  • Vorzugspreis für einen «Freedreams-Hotelgutschein»
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-