Über vier Stunden geht es in Wagners Tannhäuser um die Suche des Helden nach der erfüllenden Liebe. Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson hat für die Zürcher Produktion dieser Oper eine eigenwillige Deutung parat.
Tannhäuser durchlebt ein Wechselbad der Gefühle. Er ist hin und hergerissen zwischen teuflischer Lust im Venusberg und der heiligen Liebe zu Elisabeth. Dies versteht der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson als Tannhäusers vergebliche Suche nach Erlösung und nach sich selbst. Die Bilder, die er für die drei Aufzüge der Oper entworfen hat, sind eigenwillig, Tannhäusers Seelenleben wird darin offenbar.
Gelungene Spiegelung der Gefühlslage
Der 1. Aufzug zeigt das Innere des verführerischen Venushügels, es ist überraschend dunkel und kühl gestylt. Tannhäuser tritt im weissen Anzug auf, umgeben von zahlreichen „Spiegel“-Figuren, die auch Choristen sind. Diese sind hell gekleidet wie er, und sie widerspiegeln mit ihren choreografierten Bewegungen Tannhäusers seelischen Zustand: Sie sinken ermattet in sich zusammen, winden sich am Boden und stehen auf, wenn er wieder Kraft findet – die ausdrucksstarke Choreografie stammt von Sebastian Zuber.
Tannhäuser (Eric Cutler) zwischen zwei Frauen. Links die in Trauer als Wachsfigur erstarrte Elisabeth (Christina Nilsson), rechts Venus (Rachael Wilson).
Sie wirkt im dunklen Venusberg besonders gut. Venus selbst, von Rachael Wilson mit dramatischem Drive gesungen, tritt Tannhäuser in einem schwarzen Kleid herrisch entgegen. Mitten im Raum steht ein langer schmaler Glastisch, den die Spiegel-Figuren mit Weingläsern decken. Doch das Trinkgelage findet nicht statt, Tannhäuser ist der sinnlichen Freuden überdrüssig und sehnt sich in die Wartburg zurück, wo die „reine Jungfrau“ Elisabeth auf ihn wartet. Venus kann Tannhäuser nicht zurückhalten, er geht.
Der witzige Auftritt der Kameraden
Zuerst trifft er auf seine einstigen Freunde. Ihr Auftritt ist echt überraschend inszeniert. Sie fahren in einem Auto auf die Bühne, direkt in den Tisch hinein. Am Steuer sitzt Wolfram von Eschenbach, der Star unter den Minnesängern. Die trunkenen Kameraden werden im Wageninnern von einer Videokamera gefilmt, ihre Gesichter und ihr Gehabe sind gross auf einer Leinwand zu sehen – ein köstlicher Regie-Einfall!
Mit dem Auto direkt auf die Bühne – und in den Glastisch. So geht Party.
Elisabeth, die nur auf „ihren“ Tannhäuser gewartet hat, ist inzwischen zu einer Wachsfigur geworden. Plötzlich beginnt sich diese zu bewegen, Elisabeth wacht auf. Die Wachsschicht, die ihren ganzen Körper überzieht, wird später während des Sänger-Wettstreits in der Wartburg abgetragen, so wird sie wieder zu einer begehrenswerten Frau. Deshalb tritt auch Tannhäuser als Sänger wieder an, um nach langer Abwesenheit mit seinem Lied Elisabeth für sich zu gewinnen.
Interessante Besetzung der Elisabeth
Die schwedische Sängerin Christina Nilsson gibt in der Rolle der Elisabeth ihr Debüt am Zürcher Opernhaus. Mit ihrer agilen warmen Stimme vermag sie die Herzen zu rühren, für das Flehen und ihre Verzweiflung verfügt sie über eine reiche stimmliche Farbpalette. Auch wenn Wagners „Elisabeth“ die ewig treue, heilige Erlöserin ist, Nilsson charakterisiert sie als glaubensstarke Frau. Sie tritt mit lyrischer Innigkeit für Tannhäuser ein, der wegen seines sinnenfreudigen Venus-Vergehens von der Gesellschaft verstossen wird.
Dies geschieht im 2. Aufzug, der im Musiksaal auf der Wartburg spielt. Der Raum ist kahl, nur die Wände sind von goldenem Schimmer. Hier findet der Sängerwettstreit statt. Die geladenen Adligen sind extravagant und bunt gekleidet (Kostüme Teresa Vergho). Sie treten über einen Steg auf, der auch den Sängern als Bühne dient.
Die Party-Gesellschaft huldigt dem kunstliebenden Landgrafen Hermann von Thüringen lautstark und mit Überschwang, die Musik trumpft gross auf. Christof Fischesser wirkt als Hermann anfangs stimmlich noch etwas schwerfällig, entfaltet sich hier aber zu einem subtil karikierten Grafen mit gut geführtem und intonationssicherem Bass.
Ein begnadeter Liedsänger
Der 3. Aufzug spielt wieder in einem schwarzen Raum. Es schneit ununterbrochen, und Elisabeth trauert und betet zwischen eisigen Zacken. Sie macht sich selbst wieder zur Wachsfrau, indem sie sich den Wachs anstreicht. Da tritt Wolfram von Eschenbach in Erscheinung, beobachtet sie aus der Ferne und muss leidend zusehen, wie sich Elisabeth opfert und stirbt.
Elisabeth, wieder als Wachsfigut und der Sänger Wolfram von Eschenbach (Christian Gerhaher).
Christian Gerhaher, ein begnadeter Liedsänger, vermag diesen weisen Wolfram von Eschenbach mit vielen gestalterischen Nuancen auszustatten. Er singt im leisesten Piano, deutet seine Worte mit subtiler Hingabe und bricht dann heftig aus sich heraus, um Tannhäuser von der Rückkehr zur Venus abzuhalten.
Eindrückliches Tannhäuser-Debüt von Eric Cutler
Bleibt noch die anspruchsvolle und kräftezehrende Partie des Tannhäuser. Helden-Tenöre, die Richard Wagners grosse Partien meistern können, sind rar geworden sind. Eric Cutler kommt vom Belcanto her und hat zuerst lyrische Partien gesungen. Mittlerweile hat er sich erfolgreich im jugendlichen Heldenfach etabliert und hat einige grosse Wagner-Rollen mit Bravour gemeistert. In Zürich debütiert er nun mit der Monsterpartie des Tannhäuser.
Man merkt Cutler die Belcanto-Herkunft an. Er gestaltet das Wechselbad der Gefühle stimmlich agil und überzeugend authentisch. Auch verfügt er über die Kraft, Tannhäusers ewiges Drama mit Spannung durchzuhalten. Es ist ein beeindruckendes Rollendebüt, auch wenn Cutlers Charakterzeichnung noch etwas gleichförmig wirkt.
Ein fordernder Dirigent
Musikalisch gefordert wurden die Sängerinnen und Sänger vom Dirigenten Tugan Sokhiev. Er schöpft akustisch gerne aus dem Vollen, hat die mächtigen Klangballungen aber stets unter Kontrolle. Wagners dunkle Bläserfarben kommen eindrücklich zur Geltung, und die lyrischen Momente musiziert das Orchester einfühlsam aus. Auch Sokhiev, der bis 2022 Musikdirektor und Chefdirigent des Bolschoi-Theaters in Moskau war, leitet damit erstmals in Zürich eine Neuproduktion und wurde dafür vom Publikum enthusiastisch gefeiert.
Weitere Vorstellungen: 24/27 Juni; 02/05/08/11 Juli


Tristans seelischen Zustand… steht da über dem ersten Akt.
Denke, es sollte Tannhäuser hießen, denn der Tristan, oder singt woanders.
Ooooh! Guten Tag Herr Bock. Vielen Dank für Ihren Hinweis. Tatsächlihc ist Tristan nicht aufgetreten. Dieser kleine Fehler meinerseits ist wohl auf Hitze zurückzuführen. So haben auch Sie hiessen statt heissen geschrieben. So schnell kann das gehen. Ich hoffe, der Artikel hat Ihnen ansonsten gefallen.